Bern

Der erste Schlittellehrer der Schweiz wundert sich zuweilen sehr

Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 10.01.2012

Der Grindelwalder Albert Steffen bietet Kurse fürs Schlitteln an, seine Kunden sind in erster Linie unerfahrene Touristen – ein Angebot, das nötig ist, wie die Unfallzahlen zeigen.

Albert Steffen mit Lektion eins: Füsse parallel zu den Kufen.

Albert Steffen mit Lektion eins: Füsse parallel zu den Kufen.
Bild: 13Photo

Info

Alles zur Schlittelschule finden Sie auf dieser Homepage.

Albert Steffen trägt ein kleines goldenes Kreuz am linken Ohr und die Jacke seines Schlittel- und Rodelclubs Grindelwald. Der 40-jährige Landmaschinenmechaniker ist der erste Schlittel- und Rodellehrer der Schweiz. Zu ihm geht, wer schnell und trotzdem gefahrlos den Hang oder die Schlittel- und Rodelbahn runterkommen will. Ein Angebot, das nötig ist: Zwischen 2000 und 2008 hat sich die Zahl der Schlittelunfälle auf rund 12'000 Vorkommnisse verdoppelt, wie eine Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung zeigt. Im vergangenen Jahr kamen vier Personen bei Schlittel- oder Rodelabfahrten ums Leben. So viele wie zuvor in zehn Jahren zusammen.

Steffen nennt elf verschiedene Schlitten und Rodel sein Eigen. Und er hat schon etliche Schweizer-Meister-Titel im Naturbahn- oder Sommerrodeln gewonnen: «15 glaub ich, genau weiss ich es jetzt grad nicht.» Nicht nur von sich selbst verlangt Steffen viel, sondern auch von seinen Schülern. Obwohl ein Übungslift zur Verfügung steht, lässt er mit einer beiläufigen Handbewegung den Übungshügel hochmarschieren. «Rodeln ist nicht einfach nur lustig, Rodeln ist Sport, Bewegung tut dir gut», sagt er und beginnt mit der Instruktion des Schülers.

«Häufig überfordert»

Steffen und zwei seiner Kollegen vom Schlittel- und Rodelclub bieten die Kurse in Zusammenarbeit mit der Schneesportschule Grindelwald Sports an, die in der Region Outdooraktivitäten für Touristen organisiert. Diese mieten nicht nur Davoser Schlitten, sondern oft auch rodelähnliche Modelle mit abgeschrägten Kufen, die sich lenken lassen und auch in der Kurve beschleunigen. Diese Geräte sind beliebt, haben aber ihre Tücken.

«Die Touristen sind mit den neuen Geräten häufig überfordert», sagt Steffen. Ein Viertel aller Unfälle in der Region, zu denen der Rettungsdienst ausrücken muss, ereignet sich auf den fünf Schlittelbahnen um Grindelwald. Die häufigste Verletzung: Beinbruch. Das ist nicht gut für das «Schlittelmekka», wie es der gebürtige Grindelwalder nennt.

«Beim Schlitteln und Rodeln ist die Einstiegsschwelle niedriger als beim Skifahren», sagt Steffen. «Man sitzt auf, und los gehts.» Die Skiorte fördern den Trend, denn auch Schlittler essen und schlafen im Dorf. Dies kompensiert einen Teil der Einnahmen, die im Skitourismus an den Euroraum verloren gehen. Deshalb werden die Schlittelabfahrten ausgebaut, besser präpariert und damit auch schneller.

Mit Damenbinden-Beuteln

Auf den Schlittel- und Rodelwegen spielen sich dafür Szenen ab, die Steffen verdriessen: «Die Leute fahren kopfvoran ohne Helm, ganze Gruppen halten in unübersichtlichen Kurven, und Gestürzte bleiben auf der Strecke liegen, nachdem sie – an ihrem Fahrkönnen gemessen – viel zu schnell unterwegs gewesen sind.» Auch die Ausrüstung der Schlittler sei oft mangelhaft: «Ich habe asiatische Touristen gesehen, die sich die Bindenbeutel aus den Hotel-WCs über die Halbschuhe gestülpt und über dem Knöchel zugebunden haben, um trockene Füsse zu behalten.»

An vernünftiges Bremsen sei da nicht zu denken. Dabei ist es das wichtigste Manöver, die Lektion 1: aufrecht sitzen, die Füsse parallel zu den Kufen auf dem Boden aufliegend, die Rodel- oder Schlittenspitze am Lenkseil nach oben ziehen. Steuern ist simpel, wenn man weiss, wie es gemacht wird: mit dem Fuss vorne gegen die Seite des Rodels drücken, auf der anvisierten Seite entlasten und Gewicht verlagern. «Die meisten Unfälle liessen sich vermeiden, wenn nur schon diese simplen Techniken bekannt wären», sagt Steffen.

Abstand halten, Helm tragen

Nach diesen zwei Lektionen geht es dann auf die Schlittelbahnen, um die Techniken in freier Wildbahn anzuwenden. Steffen schärft die Sicherheitsregeln noch einmal ein: Abstand halten, Geschwindigkeit dem Fahrkönnen anpassen, Helm tragen, nie kopfvoran fahren.

Steffens Schlittellektionen (ab vier Personen) kosten 99 Franken pro Tag und Person. Und von ihm lernen heisst vom Meister lernen. Einen Tipp gibt er vorab: «Besorgen Sie sich für ausgedehnte Schlittel- oder Rodelabfahrten Tempex-Handschuhe vom Gummi Furter (www.gummifurter.ch). Die geben warm, kosten nur 5 statt 70 Franken das Paar und haben keine Nähte, die aufgehen, wenn man in den Schnee greift.» (Der Bund)

Erstellt: 10.01.2012, 14:45 Uhr

0

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Noch keine Kommentare

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.