Der Unternehmer im Bauern
Von Felicie Notter. Aktualisiert am 19.04.2010
Einen Platz an der Sonne hat der Landwirt Peter Wyss in Ittigen schon lange. Nun nutzt er ihn wirtschaftlich. Zusammen mit der Sol-E Suisse hat er auf den Dächern seines Hofs zwei riesige Solarpanels installiert. Mit einer Gesamtfläche von 1500 Quadratmetern produziert er rund 213 000 Kilowattstunden – Strom für jährlich 60 Haushalte. Damit wird er nach dem Sonnenkraftwerk auf dem Stade de Suisse zum zweitgrössten Solarstromproduzenten der Region.
Ittigens Vorzeigehof
Wyss hat mit dem Produzieren von Ökostrom bereits 2005 begonnen. Der eidgenössisch diplomierte Landwirt betreibt auf dem grossen Gut zwischen den letzten Ittiger Häuserzeilen und der Autobahn Grauholz seit fünf Jahren eine Biogasanlage, in der Mist und Gülle sowie verschiedene Grünabfälle zu Strom umgewandelt werden. «Erneuerbare Energien sind uns ein Anliegen», sagt er. Obwohl er sich für die Solaranlage frühzeitig beim Bundesamt für Energie um die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) bemüht habe, sei es nicht gelungen, den eidgenössischen Fördertopf für erneuerbare Energien anzuzapfen. Das Projekt verzögerte sich.
Nach zwei Jahren konnte Wyss jedoch von stark gesunkenen Panelpreisen profitieren. Und mit Sol-E Suisse fand er nicht nur die Abnehmerin für den ökologischen Strom, sondern auch eine Partnerin: Die BKW-Tocher beteiligt sich zu 25 Prozent an der neuen Fotovoltaik-Anlage – auch an den Investitionskosten von über einer Million Franken. Gleich wie der Strom aus der Vergärungsanlage wird auch der Solarstrom ins Netz der BKW eingespeist. Kunden aus Stadt und Kanton können via «1to1 energy» bei der BKW den Strom zu einem Aufpreis für insgesamt 80 Rappen pro Kilowattstunde beziehen.
Er sei noch immer ein kleiner Stromproduzent, bilanziert Wyss. Aber immerhin könne er mit den beiden Anlagen 550 bis 600 Haushalte versorgen – 1500 Personen. «Das ist schon ein kleineres Dörflein», fügt er nicht ohne Stolz hinzu. «Es ist schon eindrücklich, zu sehen, was mit erneuerbaren Energien möglich ist.»
Bauern müssen Unternehmer sein
Wyss führte bereits vor seiner Zuwendung zum Ökostrom keinen klassischen Landwirtschaftsbetrieb: «Man muss sehr vielseitig sein als Bauer.» In der Fleischproduktion achte er auf besonders tierfreundliche Haltung. Das Futter kommt von den eigenen Feldern. Daneben vermietet Wyss anderen Bauern Spezialmaschinen und stellt das dazugehörige Fachpersonal. Das dritte Standbein ist der Handel mit importiertem Heu und Stroh. An vierter Stelle kommt der Ökostrom.
Das iPhone klingelt. Wyss reicht es einem Mitarbeiter und fährt fort: «Die Landwirtschaft steht derzeit massiv unter Druck.» Die Importe seien immer billiger und kämen von immer weiter her. Aber Wyss passt nicht ins Klischee des Bauern, der «geng wie geng» alles gleich macht und über die Konkurrenz aus der EU jammert. «Man wirft den Bauern vor, sie seien zu wenig innovativ», sagt er. Zu diesen wolle er nicht gehören. «Als Landwirt ist man Unternehmer. Man sucht ständig nach Nischen und Möglichkeiten, den eigenen Betrieb zu erhalten.» Dies wäre ohne die anderen Standbeine sehr schwierig. Er wolle das Bestehen seines Betriebs langfristig sichern und «früh die Fühler ausfahren». In der Familie zumindest ist die Zukunft gesichert: Die beiden Söhne machen die Ausbildung zum Landwirt und sollen später den Hof übernehmen.
Politik erkennt Potenzial nicht
Und doch bezeichnet er die «Zustände in der EU» wiederholt als schlechtes Beispiel, gerade bei der Tierhaltung, wo die Kälber auf dem rohen Rost lägen. Darum gebe es ja auch so viel Stroh zum Exportieren. Aber auch in der Schweiz habe die Politik nicht erkannt, welches Potenzial in den erneuerbaren Energien stecke: «Klar, das kostet, aber es ist nachhaltig und schafft Arbeitsplätze.» Wyss kennt den Umgang mit Behörden: «Es braucht einfach etwas Hartnäckigkeit.» Derzeit versucht er «raumplanerische Hürden» zu überwinden, damit er auch die Abwärme der Biogasanlage nutzen kann. Damit würden weitere Haushalte mit Wärme versorgt. Und dann? Die Ideen werden ihm bis zur Pensionierung nicht ausgehen. (Der Bund)
Erstellt: 19.04.2010, 10:37 Uhr



































