Bern

Der Mann hinter dem Minarett-Plakat

Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 16.03.2010

Der Werbeclub Bern hat eine neue Talkreihe namens Standpunkt lanciert. Thema des ersten Abends: Welche Werbung hat Erfolg? Der Schöpfer der SVP-Schäfchenplakate und der «Minarett-Raketen» war der Gast.

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Hätte er auf seiner Einladung lediglich geschrieben, ein gewisser Alexander Segert komme auf ein Gespräch nach Bern, hätte das wohl nur wenige vom Sockel gerissen.

Doch der Werbeclub kündigte ihn geschickt als erfolgreichen «SVP-Hausgrafiker» an, als den Schöpfer der berühmt-berüchtigten Schäfchenplakate: «Provokativ. Erfolgreich. Deutsch.» Immerhin um die 30 Leute kommen an diesem Montag Abend ins Hotel Bern und lauschen dem Mann aus dem Kanton Zürich, nur von einer dünnen Schiebewand getrennt von der SP, die nebenan ebenfalls eine Veranstaltung durchführt in ihrem einstigen «Volkshaus».

Wer einen smarten Zürcher Werber mit farbigem Brillengestell, dunklem Rollkragenpullover und Rossschwanz erwartet hat, ist enttäuscht. Das hat wohl auch niemand erwartet. Eher ein Monster, einen Zyniker, einen Giftmischer, der nicht nur Schäfchenplakate ausheckt, sondern Minarette als Raketen abbildet.

Doch der Mittvierziger, der sich den Fragen von Moderator Nick Lüthi, Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext», stellt, sieht eher aus wie ein Klassenprimus: korrekt, verhalten, höflich und mit feinsinnigem Humor ausgestattet. Ja, die Sache mit dem Minarett-Plakat sei «ein grosser Impact» gewesen, sagt er, als habe er eben eine gute Fleissnote erhalten. «Wir machen aber auch harmlose Sachen für Verbände», fügt er hinzu, doch das interessiere keinen.

Einer wie er habe doch bestimmt schon immer eine Rechts-Gesinnung gehabt, wird Segert gefragt. «Weit gefehlt», antwortet der Deutsche auf Hochdeutsch. Er lebe schon seit einem Vierteljahrhundert in der Schweiz und habe sich einst bemüht, Dialekt zu sprechen, doch weil ihn die Schweizer immer so verwirrt angeguckt hätten, habe er schnell damit aufgehört. «Weit gefehlt», sagt Segert, er sei in seiner Jugend links gewesen, so wie fast alle. Dann studierte er in Konstanz, machte ein Auslandsemester in Zürich. Als ihm jemand sagte, Nationalrat Schlür von der «Schweizerzeit» suche einen Mitarbeiter, meldete sich Segert – und wurde genommen. «Ich wusste fast nichts über Schlür», sagt der Werber. Inzwischen weiss er sehr viel über die SVP und ist ihr Hausgrafiker geworden. «Ich unterstütze die Positionen dieser Partei durchaus», sagt Segert, «aber eine Kampagne für Linke oder Grüne würde mich auch sehr reizen.»

Segerts Credo ist einfach: Ein Plakat hat im eigentlichen Wortsinn plakativ zu sein. Wenn jemand daran vorübergeht und nicht innert zweier Sekunden kapiert, worum es geht, hat der Werber etwas falsch gemacht. Die Werbung für den tieferen BVG-Umwandlungssatz, das Bild mit dem langen Kuchen, habe er nie richtig verstanden, was geradezu tragisch sei und schade ums Geld: «,Gottverdeli, die hätten das gescheiter der Berghilfe gespendet.» Viel besser habe die Gewerkschaftsseite ihr Anliegen rübergebracht: mit einer Hand, die in die Tasche greift und «Rentenklau» begeht. Wenn bei überparteilichen Komitees viele Köche mitredeten, komme es oft schlecht heraus, auch wenn eine Partei nicht recht wisse, wofür sie eigentlich stehe. Das sei bei der SVP anders: Sie habe eine ganz klare Vorstellung von ihrer Botschaft.

Macht es ihm nichts aus, wenn seine Werke als rassistisch gescholten werden? Nein, er nehme es nicht wirklich ernst, wenn die Gegner Zeter und Mordio schrien und zu den Gerichten liefen. Für ihn gelte nur die strafrechtliche Grenze, alles andere sei zulässig. Segert findet es auch interessant, wenn Linksaussen-Gruppierungen das Schäfchen-Motiv abkupfern. Weniger lustig findet er es, wenn der rechtsextreme Front National in Frankreich islamfeindliche Plakate aufhängt, die eindeutig von der Schweizer Vorlage inspiriert sind. Er klage stets, wenn jemand seine Ideen klaue, sagt der Geschäftsführer der Agentur Goal, die ihre Ziele offensichtlich immer erreicht. Für die Partei von Le Pen würde er jedoch nie arbeiten, sagt Segert. (Der Bund)

Erstellt: 16.03.2010, 08:18 Uhr

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