Der Lösungsmix der AKW-Gegner
Von Simon Thönen. Aktualisiert am 06.01.2011
Stromversorgung ist auch ein Spiel: Auf der Internetseite des Energiekonzerns Axpo kann man versuchen, den Bedarf mit einem Mix aus Sonne, Wind, Wasser, Gas und AKW zu decken. Die Spielanlage sorgt aber dafür, dass man ohne grosse Gas- oder Atomkraftwerke keine Chance hat – es ist ein Spiel ohne Spielraum.
Der Spielraum existiert doch, entgegnen AKW-Kritiker. Im Spiel auf der Webseite der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) hat man die Wahl: Man kann AKW oder Gaskraftwerke wählen – doch dann wird ein Kind verstrahlt, oder es schwitzt im erwärmten Klima. Mit kindlichen Freudensprüngen wird belohnt, wer auf Strom aus Wind, Biomasse, Sonne und auf Energieeffizienz setzt.
Kinderleicht ist die Sache für die Umweltverbände allerdings nicht. Dass ein grosser Spielraum existiert, zeigen zwar die Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie (BFE) von 2007 – der entscheidende Faktor ist die Energiepolitik. Je nachdem wie griffig die Sparpolitik ist, betrüge die «Stromlücke» im Jahr 2035 entweder 22 oder nur 5 Terawattstunden (TWh), was zwei neuen AKW entspräche – oder nur einem halben.
Das Sparszenario des BFE setzt aber eine Energiepolitik voraus, die erst noch beschlossen werden müsste (Grafik 3). Dasselbe gilt für den Lösungsmix ohne AKW, den die Beratungsfirmen Infras und TNC Consulting 2010 skizziert haben (Grafik 4). Die Umweltverbände haben diese Studie gemeinsam mit den Stadtkantonen Basel und Genf in Auftrag gegeben, das Stadtberner Werk EWB finanzierte sie mit. Dies ist kein Zufall: Die grössten Schweizer Städte – inklusive Zürich und St. Gallen – haben den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen und wollen dies mit den eigenen Elektrizitätswerken bis etwa 2040 umsetzen.
«Den Strom intelligenter nutzen»
Die Studie ist denn auch ein Gegengutachten zum Szenario von Swisselectric, dem Verband der dominierenden Stromkonzerne. Die dort prognostizierte «Stromlücke» von 30 TWh wird von Infras/TNC nicht infrage gestellt – aber sie wird anders gestopft: Zu einem Drittel soll sie mit erneuerbarer Stromproduktion gedeckt – und zu zwei Dritteln eingespart werden. Gemäss diesem Szenario wäre der Stromverbrauch 2035 sogar leicht tiefer als heute.
Dabei wird ebenfalls nicht infrage gestellt, dass die Komfortbedürfnisse und elektrischen Geräte weiterhin zunehmen. Ins Visier nehmen die AKW-Gegner die Energieverschwendung. «Ein Drittel des heutigen Stromverbrauchs ist schlicht unnötig», betont das Komitee «Nein zum neuen AKW Mühleberg». Inzwischen sei man in der Lage, Energie «intelligenter einzusetzen», denn in den vergangenen Jahren habe «sich die Technik für effiziente Stromgeräte revolutioniert». In der Tat sind die Fortschritte der Gerätehersteller beeindruckend. Ob Kühlschränke, Waschmaschinen oder Lampen: Neue Modelle kommen mit einem Bruchteil des Verbrauchs der älteren Geräte aus.
Noch steigt der Verbrauch
Nur: Am Stromverbrauch ist dieser Fortschritt bisher nicht ablesbar, im Gegenteil. Abgesehen von Krisenjahren steigt der Elektrizitätskonsum Jahr für Jahr an – aus einer Vielzahl von Gründen: Die Erneuerung von Grossgeräten etwa erfolgt nur langsam, und bei der Unterhaltungselektronik fehlt für die Käufer die Transparenz. Vor allem aber ist Strom für die meisten Haushalte und Firmen zu günstig, um gross auf den Verbrauch zu achten.
Oft liegt das Potenzial deshalb brach. Ein Beispiel sind Elektromotoren aller Art, die vor allem in der Gebäudetechnik und in der Industrie breit eingesetzt werden. «Sie verursachen rund vierzig Prozent des Stromverbrauchs der Schweiz», sagt Armin Braunwalder, Sprecher der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz (S.A.F.E). Das Einsparpotenzial wäre gross, wird aber nicht ausgeschöpft. Braunwalder: «Nur etwa ein Zehntel der Elektromotoren genügt hohen Effizienzanforderungen.»
«Königsweg» Lenkungsabgabe
Um die technisch und wirtschaftlich möglichen Effizienzgewinne in der Zukunft tatsächlich zu nutzen, schlagen
Infras und TNC zwei Massnahmen vor:
• Schärfere Vorschriften zum Stromverbrauch von Geräten, Anlagen, Motoren und Beleuchtung. Für die Konsumenten wäre dies finanziell kaum spürbar. Energieeffiziente Geräte kosten in der Regel beim Kauf mehr, der tiefere Verbrauch macht dies jedoch mehr als wett.
• Eine Lenkungsabgabe auf Strom, die zusammen mit dem absehbaren Anstieg der Elektrizitätstarife «schrittweise bis 2018 mindestens zu einer Verdoppelung der heutigen Strompreise führt».
Gute Noten erteilt diesen Vorschlägen der unabhängige Experte Stefan Rieder vom Luzerner Beratungsbüro Interface: «Die effizientere Nutzung der Elektrizität ist die vernünftigste der energiepolitischen Alternativen.» Der Ökonom und Politologe evaluiert seit fünfzehn Jahren energiepolitische Programme.
«Eine Lenkungsabgabe ist theoretisch das beste Instrument und der eigentliche Königsweg», sagt Rieder. Sie würde dafür sorgen, dass sich Energieeffizienz lohne, ohne die Stromkunden insgesamt stärker zu belasten. Denn die Abgabe würde an Haushalte und Firmen zurückbezahlt. Netto würden nur jene belastet, die überdurchschnittlich viel Strom verbrauchen und nichts unternehmen wollen, um dies zu ändern – also die Richtigen. Allerdings sei die politische Hürde hoch, fügt Rieder an: «Eine Lenkungsabgabe weckt die Opposition unzähliger Interessengruppen – und viele Jäger sind des Hasen Tod.»
Das restliche Drittel der «Stromlücke» wollen Infras/TNC mit 11 TWh zusätzlicher erneuerbarer Stromproduktion stopfen. Dies dürfte am oberen Rand des Möglichen liegen – auch wenn absehbar ist, dass die Schweiz als Preis für ein Stromabkommen mit der EU grüne Energie stärker wird fördern müssen als bisher.
Wärmekraftkopplung als Reserve
Es stellt sich deshalb die Frage, ob das Szenario der Umweltverbände und grossen Städte eine Übergangslösung braucht. Für Infras/TNC wären Importe von grünem Strom eine Option. Eine weitere Möglichkeit findet sich als Variante in den Energieperspektiven des BFE: Wärmekraftkopplung (WKK) – Anlagen, die zum Beispiel mit Gas gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Dabei wird zwar CO2 ausgestossen, dies könnte jedoch kompensiert werden, falls WKK Ölheizungen ersetzen.
Auch dafür sind die Hürden in der Schweiz jedoch hoch, wie eine aktuelle Studie von Experte Rieder zeigt. «Es ist ein Trauerspiel», bilanziert er. Zwar leuchte es fast allen ein, dass Wärmekraftkopplung sinnvoll sei. «Dennoch setzt sich kaum jemand dafür ein.»
Das Fazit gilt generell: Es gibt Möglichkeiten für eine Stromversorgung ohne AKW, doch sie sind in der Energiepolitik bisher nicht eingeplant. Der «möglicherweise fehlende politische Wille» wird von Infras/TNC denn auch als «grösstes Risiko» für ihr Szenario bezeichnet.
Dessen Chancen dürften in erster Linie von den kommenden Volksentscheiden über neue AKW abhängen. Falls zuerst am 13. Februar das bernische und 2013 oder 2014 das Schweizervolk neue AKW ablehnen sollten, dann würde auch die Realisierungschance für den energiepolitischen Lösungsmix der Kritiker der Atomenergie steigen. (Der Bund)
Erstellt: 06.01.2011, 08:13 Uhr
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