Der Kurierdienst des Dr. Strangelove
Von Stefan Sonderegger. Aktualisiert am 24.08.2011
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Die Szene ist filmreif: Der DVD-Kurier Stefan Theiler – alias Knecht Pipe aus dem Film «Les petites fugues» – braust mit seinem schwarzen Töffli die Rathausgasse hinunter. Hinten im Körbchen wackeln Pasta, Nugat – und eine DVD.
Seit Juli können Bernerinnen und Berner am Wochenende bei Theilers Videothek Dr. Strangelove Filme und Essen bestellen. Der 28-jährige Geschäftsinhaber liefert – verkleidet als Filmfigur – an die gewünschte Adresse. «Ursprünglich wollte ich mit der Idee das Sommerloch im Filmverleih stopfen», sagt Theiler. Nun will er das erst schleppend anlaufende Projekt weiterbetreiben und im Winter etwa eine Fonduemischung der Chäshütte Heugel ins Angebot aufnehmen. Er wolle den Kurierberuf neu beleben: «Bei mir ist jede Lieferung etwas Persönliches, vom telefonischen Beratungsgespräch bis zur Auslieferung.» Jede Fahrt sei eine «petite fugue» – eine kleine Flucht – aus der Rathausgasse, wo Theiler lebt und arbeitet.
Er bringe den Leuten die Rathausgasse nach Hause, sagt der frühere Werbeagent. Die Pasta kommt aus dem italienischen Restaurant Lo Stuzzicchino, der Wein aus dem Reisebüro Finestra Sardegna, das Dessert vom Nugat-Lade und der Gugelhopf aus Theilers Backofen. Vor der Lieferung holt der als Pipe verkleidete Filmhändler die frischen Esswaren ab: «Ich brauche maximal eine Stunde, bis ich klingle», sagt er.
Reden als Geschäftsidee
Schaut man ihm bei der Arbeit zu, scheint er dauernd in ein Gespräch verwickelt zu sein, sei es mit Kunden, Freunden oder Passanten. Oft telefoniert er mit einem alten PTT-Gerät oder sitzt in einem Korbsessel unter den Lauben der Rathausgasse 38 und redet. Einer, den man häufig in der Videothek antrifft, ist der Jazzgeiger Vincent Millioud. Da er nebenan wohne, hüte er gelegentlich das Geschäft, wenn Strangelove eine Auslieferung mache, sagt er.
Seine Geschäftsidee sei nicht der DVD-Verleih an sich – sondern das Beratungsgespräch, betont Theiler. So mag er das Wort Videothek nicht und spricht lieber von «Dr. Strangelove’s Praxis für Filmberatung». Er habe keine Angst vor Internetdiensten wie iTunes: «Ich berate besser als ein Computer.» So ermutige er einen Action-Liebhaber zum Beispiel, einmal einen Samuraifilm von Kurosawa anzuschauen: «Die Leute schätzen das.» Natürlich verlange das von seiner Kundschaft eine gewisse Offenheit und Neugierde gegenüber Fremdem.
Im Inneren der rot gestrichenen Filmpraxis stehen Filme von Regisseuren wie Woody Allen, Federico Fellini und Xavier Koller im Regal, thematisch eingeordnet. «Einen Film wie Avatar findet man bei mir nicht», sagt er. Er vermiete nur Werke, hinter denen er stehen könne – auch Dokumentar- und Kinderfilme.
Walfischgesang lockt Kunden
Der gebürtige Zuger, der seit zwei Jahren – sieben Tage die Woche – geschäftet, scheint nie zu ruhen. Im August spannt er bei schönem Wetter eine Leinwand über die Gasse und zeigt seinen Mitgliedern Klassiker wie «Sunset Boulevard». Jeden Monat gestaltet er sein Schaufenster neu. Der September etwa steht unter dem Motto Tierfilme, weshalb er die Lauben mit Blauwalgesängen – aus einem Plattenspieler – beschallen will. Auch führt er ein Audioguide-Projekt des Schlachthaustheaters weiter: Für 20 Franken vermietet er iPods des Künstlers Mats Staub, mit denen man sich auf einen Rundgang durch die Rathausgasse machen kann.
Woher nimmt er bloss diese Energie? Als Werbeagent habe er gekündigt, da er sich selbstständig machen wollte, sagt er. Jetzt lasse er sich viel weniger von Normen und Zwängen beeinflussen: «Da ich eigene Ideen verwirklichen kann, arbeite ich ausdauernder als früher.» (Der Bund)
Erstellt: 24.08.2011, 09:28 Uhr
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