Der Imam und die Kraft der Versöhnung
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 28.01.2010
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Da sitzt er in einer Berner Pizzeria, der Imam aus dem fernen Nigeria. Den Rest des Salats hat der Kellner mitgenommen, weil der Gast aus Afrika vor lauter Erzählen kaum zum Essen kam. Und die Pizza mit Crevetten wird auch ziemlich erkalten, denn es gibt so vieles zu berichten über menschliche Boshaftigkeit und die Möglichkeiten, Hass zu überwinden. Muhammad Ashafa heisst der islamische Geistliche, der auch bei uns eine gewisse Bekanntheit erreicht hat. Kein Wunder: Die Geschichte, die unter anderem Gegenstand eines Dokumentarfilms am Fernsehen war, tönt unglaublich. Aber sie ist wahr.
Zwei Todfeinde vergiessen Blut
Nigeria in den 1990er-Jahren. Der riesige Vielvölkerstadt, im Süden christlich und animistisch geprägt, im Norden muslimisch, ist Schauplatz von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. In der 2-Millionen-Metropole Kaduna, in der Christen und Muslime leben, werden christliche Kirchen zerstört. Der Anführer einer Miliz, die brennend und sengend umherzieht, heisst Muhammad Ashafa. Die Christen üben Rache, brennen Moscheen nieder. «Mein Hass auf die Muslime war grenzenlos», wird ihr Anführer, Pastor einer christlichen Pfingstgemeinde, später sagen. Hier könnte die Geschichte enden.
Versöhnung und Friedensarbeit
Doch sie geht weiter. Die Kontrahenten treffen sich, trauen sich aber nicht über den Weg. Ein Krankenbesuch des Imams bei der schwer kranken Mutter des Pastors ist der Beginn einer Wende. Es beginnt ein gegenseitiger Prozess des Verzeihens, der 2002 in der Unterzeichnung eines Versöhnungsabkommens zwischen den religiösen Führern des Christentums und des Islams gipfelt.
Seither ist das Duo häufig unterwegs, der Imam und der Pastor, um zu schlichten, um Versöhnung zu predigen. Durch ihr Beispiel zeigen sie, dass es möglich ist, auch wenn zuvor schlimme Dinge geschehen sind. Nicht immer sind sie sich einig. Manchmal gehen sie sich auf den gemeinsamen Reisen auf den Nerv. Aber immer wieder raufen sie sich zusammen, wie ein Ehepaar, das bei allen Macken, die der andere hat, grundsätzlich spürt, dass es eine gemeinsame Mission zu erfüllen hat.
Bereits kamen Anfragen aus Sudan, dessen Nord-Süd-Konflikt zwischen Islam und Christentum sehr ähnlich ist. Im Dezember war der Imam in Irak, einem Land, in dem die Gräben zwischen Muslimen und zwischen Volksgruppen verlaufen. Der Besucher aus Nigeria war im kugelsicheren Auto unterwegs und trug eine Schutzweste.
Identität ist vielfältig
Während des Essens in der Pizzeria in Bern erläutert der Imam, dass ein Mensch nicht einfach eine Identität ist, ein Muslim oder ein Christ. Es seien neun Lagen, doziert der lebhafte Mann. Die Familie, der Wohnort, der Stamm oder die Ethnie, die Nationalität, die Rasse, das Geschlecht, der Beruf, die Humanität und die spirituelle Identität. Wenn also jemand einen andern Glauben habe oder eine andere Nationalität, so gebe es viele Anknüpfungspunkte und Gemeinsamkeiten. Diese müsse man suchen, nicht die Unterschiede. «Wenn ich weiss, wer ich bin, habe ich keine Angst vor dem Andern», fährt er fort. Das Minarettverbot sei kein gutes Zeichen für eine Schweiz, die sonst die Vielfalt so vorbildlich lebe. Es brauche nun einen echten Austausch.
Auf dem Weg von der Pizzeria ins Bundeshaus grüsst ihn eine Persönlichkeit aus dem Tessin. «Die Schweiz ist ein kompliziertes Land», sagt er zum Gast aus Nigeria. Wohl wahr. Aber das Land in Afrika ist vermutlich noch weit komplizierter. (Der Bund)
Erstellt: 28.01.2010, 08:15 Uhr








