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Bern

Dem Stadttheater läuft das Publikum davon

Zwar schreibt das Stadttheater Bern einmal mehr schwarze Zahlen. Doch niemand kann sich so richtig darüber freuen, denn die Zuschauerzahlen sind weiter rückläufig.

Die hohen Preise im grossen Haus sind noch eine Hypothek aus der Ära Gramss. (Franziska Scheidegger, Archiv)

Die hohen Preise im grossen Haus sind noch eine Hypothek aus der Ära Gramss. (Franziska Scheidegger, Archiv)

«Wir sind auf der ganzen Linie mit der Situation unzufrieden», sagt Henri Huber, Präsident der Theatergenossenschaft. Die Bilanz, die gestern Abend an der Genossenschaftsversammlung präsentiert wurde, ist düster. Auch in der zweiten Saison unter der Intendanz von Marc Adam konnte der Abwärtstrend, der bereits 1999 in der Ära Eike Gramss eingesetzt hat, nicht gestoppt werden. Nur noch 85000 Zuschauerinnen und Zuschauer verzeichnet das Theater in der Saison 2008/2009. Eine Zahl, die noch kläglicher ausgefallen wäre, wenn nicht auf Wunsch des Bühnenverbandes neu im Geschäftsbericht der Schweizer Theater auch die Steuerkarten berücksichtigt würden. Diese Karten, von denen das Stadttheater Bern in der vergangenen Saison 5000 verkauft hat, werden an Theaterleute zum Preis von fünf Franken verkauft.

Rechnet man die Steuerkarten auch für die Saison 2007/2008 zu den Besucherzahlen, so beträgt der Besucherschwund mit knapp 5000 Zuschauern weniger als 5,5 Prozent; sowohl das Musiktheater als auch das Schauspiel haben Publikum eingebüsst. Die Situation der beiden Sparten präsentiert sich allerdings bei näherer Betrachtung ziemlich unterschiedlich: War das Musiktheater in den Neunzigerjahren mit mehr als 80 Prozent Auslastung das Zugpferd des Theaters, so schaffte es in der letzten Saison einzig Brittens «Sommernachtstraum», der insgesamt nur neun Mal gespielt wurde, auf 81 Prozent, während die populäre Operette «Die Fledermaus» mit zwanzig Vorstellungen eine Auslastung von bloss 68 Prozent ausweist.

Probleme mit verstaubtem Image

«Ich habe mir klar mehr erhofft», sagt Intendant Marc Adam, der aus der Enttäuschung darüber keinen Hehl macht, dass auch in seiner zweiten Saison der sehnlichst erhoffte Aufschwung nicht eingetroffen ist. Nach Gründen für die ernüchternde Bilanz muss er nicht lange suchen. «Das Musiktheater in Bern hat zum einen immer noch mit seinem verstaubten Image zu kämpfen.» Da spiele der Faktor Zeit eine ganz wichtige Rolle. «Zum andern macht uns nach wie vor die Disposition sehr zu schaffen.» Weil das Theater sich nach den Plänen des Berner Symphonieorchesters (BSO) richten muss, könnten in den für das Musiktheater optimalen Wintermonaten weit weniger Vorstellungen angesetzt werden als gewünscht. «Dafür müssen wir dann in den Monaten Mai und Juni, wenn den Leuten nicht mehr unbedingt der Sinn nach Oper ist, umso häufiger spielen», sagt Adam.

Der Intendant, der sich in der nächsten Saison das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, rund 117000 Zuschauer zu erreichen, ist überzeugt, dass er mit der künstlerischen Ausrichtung des Theaters auf dem richtigen Weg ist. Er verweist auf das Schauspiel, wo es gelungen sei, mit den Vidmarhallen ein neues Publikum anzuziehen. Dabei, so betont er, würden die günstigeren Eintrittspreise in den Vidmarhallen eine wichtige Rolle spielen: «Am Ende der Ära Gramss sind die Eintrittspreise empfindlich erhöht worden, das ist eine Hypothek, die wir nicht so schnell loswerden können und die uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu schaffen macht.» Er verweist auf Basel, das zum Theater des Jahres gekürt worden ist, wo ein guter Platz 80 Franken koste, ein vergleichbarer in Bern aber 120. Weiter bemängelt er, dass das Theater über zu wenig gute Plätze verfüge. «Die Sanierung des Hauses ist nicht nur wegen den baulichen Mängeln dringend nötig, auch die Sicht auf die Bühne muss für viele Plätze optimiert werden.» Von der Idee, weniger Produktionen zu realisieren, die in der Regionalen Kulturkonferenz (RKK) diskutiert wird, hält Marc Adam nichts. «Wenn wir weniger Inszenierungen machen, können wir künstlerisch kein Risiko mehr eingehen, und das wäre fatal.»

Optimistischer Intendant

So erfreulich der Trend in den Vidmarhallen ist, die einen leichten Zuwachs von nicht ganz 700 Zuschauern vorweisen – er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch das Schauspiel Publikum verloren hat. Die meisten Schauspielproduktionen haben zwar eine Auslastung von 50 bis 70 Prozent, doch erfüllen die Zahlen der Vidmarhallen laut Huber bis heute noch nicht die budgetierten Vorgaben. Auch hier macht Adam am Horizont rosa Streifen aus: «Die aktuelle Saison ist in den Vidmarhallen mit ,Woyzeck und ,Andorra sehr gut angelaufen, wir haben viele ausverkaufte Vorstellungen; auch der Tanz, der als einzige Sparte letztes Jahr leicht zugelegt hat, ist im grossen Haus mit ,Julia und Romeo gut gestartet.» Zudem investiere man im Unterschied zu früher sehr viel in die Theaterpädagogik. «Das wird sich auszahlen», ist Adam überzeugt. Vor diesem Hintergrund erachtet er es als realistisch, dass der Verlustvortrag aus der Ära Gramss, der heute noch eine knappe halbe Million Franken beträgt, bis Ende 2011 abgebaut werden kann – wie vom Subventionsgeber gefordert.

Denn allen schlechten Zahlen zum Trotz kann das Theater einen kleinen Gewinn von gut 12 000 Franken ausweisen und schreibt bereits zum dritten Mal hintereinander schwarze Zahlen. So richtig freuen darüber mag sich Henri Huber aber nicht. Er verweist einmal mehr auf die schlechten Rahmenbedingungen, unter denen das Theater zu produzieren gezwungen sei, und erinnert daran, dass Gramss in den 1990er-Jahren zwar Defizite eingefahren, aber weit mehr Publikum erreicht habe. «Schwarze Zahlen sagen nichts über den Zustand eines Theaters aus», gibt er zu bedenken.

Neuer Supportverein?

Was mit der Theatergenossenschaft passiert, die 2012 von der neuen Dachorganisation abgelöst wird, in der das Theater mit dem BSO zusammengeführt wird (siehe Text rechts), ist zurzeit noch nicht klar. Ob sie in einen Supportverein für das Stadttheater umgewandelt oder aufgelöst wird, entscheiden die Mitglieder an einer ihrer nächsten Sitzungen. (Der Bund)

Erstellt: 15.12.2009, 07:39 Uhr

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5 Kommentare

René Müller

23.12.2009, 10:35 Uhr
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Wenn am Publikum "vorbeiproduziert" wird, kann ichdas Produkt auch nicht verkaufen. Und "Künstlerische" Selbstdarsteller haben noch nie zum Erfolg geführt. Es liegt nicht nur am Geld, es liegt daran, dass "der Fisch am Kopf" stinkt. Leider seit zwei Jahren kein Besucher von Bern mehr. Genf und Basel liegen nicht weit von Bern weg. Die Bahnverbindungen sind zudem sehr gut. Schade. Antworten


Alfred Wohlhauser

16.12.2009, 18:53 Uhr
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Wäre Philippe de Bros seinerzeit nicht verabschiedet worden, gäbe es kein Berner Theaterproblem. Antworten


gerard wettstein

15.12.2009, 18:52 Uhr
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Wann werden die Verantwortlichen endlich vernünftig? Die desolate haben sich Adam und Huber selber zuzuschreiben, weil sie penetrant die Bedürfnisse der Bevölkerung missachten. Was macht im übrigen das Stadttheater für ihr zukünftiges Publikum, die Kinder? Wenig bis gar nichts. Eine kleine Weiterbildungsreise nach Berlin oder Wien könnte allenfalls Abhilfe schaffen. Noch besser wäre ein Rücktritt! Antworten


Walter JUTZI

15.12.2009, 11:23 Uhr
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Es waere sehr schade, wenn das Stadttheater Bern schliessen muesste. Es ist richtig, dass die Sitzplatzzahl sehr beschraenkt ist. Dies vorallem wegen der Innenarchitektur. Wenn man "heute" ins Theater geht, sieht man ganz gerne auf die Buehne, ohne einen langen Hals oder Yogauebungen zu machen. Koennte die abnehmende Besucherzahl nicht auch mit der naechtlichen Sicherheit in der Stadt zu tun haben Antworten


Agnes Locher

15.12.2009, 08:45 Uhr
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zugegeben, das deutschsprachige sprechtheater interessiert mich nicht, deswegen bin ich dort auch nicht zu finden. schaue ich mir aber das programm des musiktheaters in bern an, dann gibt es kaum etwas, das mich interessiert: diese saison werden es nur die dialoge der karmeliterinnen mit rachel harnisch sein. ansonsten ziehe ich die programmierung und qualität in genf, zürich oder basel vor Antworten



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