Bern

«Deisswiler» spielten letzten Trumpf

Von Lisa Stalder, Wien. Aktualisiert am 29.04.2010

Rund 130 Mitarbeiter der kürzlich geschlossenen Kartonfabrik Deisswil sind nach Wien gereist, um gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Der Direktor von Mayr-Melnhof zeigte zwar Verständnis, beharrte aber auf der Schliessung.

Konsternierte Gesichter bei der Delegation der Kartonfabrik Deisswil. (EQ-Images)

Konsternierte Gesichter bei der Delegation der Kartonfabrik Deisswil. (EQ-Images)

Es ist eine stattliche Gruppe aus Deisswil, die gestern in der Nähe von Wien beim Besitzer der Kartonfabrik vorstellig wird, bei Wilhelm Hörmanseder, dem Vorstandsvorsitzenden des Grosskonzerns Mayr-Melnhof. Rund 130 Angestellte der Kartonfabrik, hauptsächlich Männer, wollen sich beim österreichischen Eigentümer Gehör verschaffen und sich gegen die Schliessung der 134-jährigen Karton Deisswil wehren.

Dem Treffen ist eine lange Reise vorangegangen: Meist ist die Stimmung im Bus fröhlich, teils aber auch frustriert. Mit dem Ziel, «für unsere Arbeitsplätze zu kämpfen», wie auf einem Flugblatt steht, sind die Kartonarbeiter am Dienstagabend in Deisswil losgefahren – mit dem Ziel Wien. Vor der rund 12-stündigen Fahrt sind die meisten guten Mutes und voller Hoffnung, etwas erreichen zu können. «Die in Österreich werden schon sehen, was sie an uns haben», sagt einer. «Wir haben immer schwarze Zahlen geschrieben und werden das auch weiterhin tun», beteuert ein anderer. «Denen werden wir es schon zeigen», meint ein Dritter kampfeslustig.

Das Ende nach 26 Jahren

Auch Hans-Ulrich Brunner, von den Kollegen Ule genannt, sitzt im Car. 26 Jahre lang habe er in der Fabrik als Papiertechnologe gearbeitet, erzählt er. Den angestammten Beruf als Bäcker und Konditor habe er nicht mehr ausüben können: «Wegen einer Mehlallergie.» Nach einem Skiunfall Anfang dieses Jahres ist er in den letzten Monaten ausgefallen. Eigentlich hätte er am 12. April – seinem 51. Geburtstag – die Arbeit wieder aufnehmen wollen. Doch am 8. April «ist das Telefon gekommen», er brauche nicht mehr zurückzukehren, die Maschinen würden abgestellt – «für immer». Es sei ein riesiger Schock gewesen. «Was soll ich jetzt machen?», habe er sich gefragt. In seinen ersten Beruf könne er nicht zurück. Den Kopf stecke er aber nicht in den Sand, deshalb fahre er nach Wien. Das Werk in Deisswil sei das bestausgelastete der Mayr-Melnhof-Gruppe gewesen. Er habe noch immer die Hoffnung, dass die Maschinen wieder angestellt würden. «Ich möchte vom Chef der Firma wissen, was er machen würde, wenn er von einem Tag auf den andern den Job verlieren würde.»

Auch Donny Scheidegger will Antworten. «Warum schliesst Hörmanseder eine Fabrik, die nie rote Zahlen geschrieben hat?» Für ihn sei diese Schliessung nicht das Ende der Welt, er sei jung und habe verschiedene Perspektiven. Doch rund die Hälfte der Fabrikbelegschaft sei über 50-jährig. «Für sie wird es schwierig, an einem anderen Ort neu anzufangen.»

Rechte wollten Demo stören

Nach einer langen Nachtfahrt tritt auf einer Raststätte in der Nähe von St. Pölten der Deisswiler Betriebskommissionspräsident Manfred Bachmann vor die 130 «Büetzer». Sichtlich aufgewühlt versucht er, sie von der geplanten Demonstration vor der Aktionärsversammlung des Mayr-Melnhof-Konzerns abzubringen. Eine rechtsgerichtete Gruppe von rund 300 Personen habe vernommen, dass die Arbeiter kämen. Die Rechten hätten gedroht, die Kundgebung zu stören. «Sollte es zu Ausschreitungen kommen, würde Hörmanseder nicht mehr mit uns an einen Tisch sitzen, um zu reden», mahnt Bachmann. Und genau dies sei ja das grosse Ziel der Reise. Dem kann Personalleiter Bernhard Bichsel nur beipflichten: «Wir sind in friedlicher Absicht hier, mit uns kann man verhandeln.» Es wäre schade, das mit einer unüberlegten Handlung aufs Spiel zu setzen.

Nicht alle sind einverstanden. «Wir sind hierhergekommen, nun müssen wir unseren Plan auch durchziehen», finden die einen. Andere weisen darauf hin, dass die Deisswiler nicht so «feige und stillos» seien, wie die Verantwortlichen des Mutterkonzerns: Man solle daher «mit Anstand auftreten». Nach langer und heftiger Diskussion sprechen sie sich für einen Verzicht auf die Demonstration aus. Der Entscheid zeigt Wirkung: Hörmanseder bietet ihnen an, sich mit ihnen zu einem Gespräch zu treffen (siehe «Mayr-Melnhof beharrt auf Schliessung»).

Barbara Schürch, die während 17 Jahren für die Karton Deisswil gearbeitet hat, wertet die Reise nach Wien bereits vor diesem Treffen als kleinen Erfolg: «Nun besteht endlich die Möglichkeit, Antworten zu bekommen.» Denn was sie und ihr Mann Peter, der seit 31 Jahren in Deisswil arbeitet, und all die anderen Angestellten vor drei Wochen erleben mussten, mache sie ratlos. Die Vorgesetzten seien am Boden zerstört gewesen, gestandene Männer hätten geweint und sich umarmt. «Diese Bilder bringe ich nie mehr aus dem Kopf.» (Der Bund)

Erstellt: 29.04.2010, 07:44 Uhr

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