Das private Leben des Herrn Einstein

Nach «Dällebach Kari» hat sich die Theaterfrau Livia Anne Richard für die Gurten-Freilichtaufführung 2010 mit Albert Einstein beschäftigt. Interessiert hat sie der Mensch hinter der Fassade des Genies.

Auf dem Gurten ist im Sommer «Einstein» der Protagonist:  Livia Anne Richard mit dem Objekt ihres Interesses. (Adrian Moser)

Auf dem Gurten ist im Sommer «Einstein» der Protagonist: Livia Anne Richard mit dem Objekt ihres Interesses. (Adrian Moser)

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Am 7. Dezember 1932 besteigt Nobelpreisträger Albert Einstein zusammen mit seiner zweiten Ehefrau und den beiden Adoptivtöchtern in der belgischen Hafenstadt Antwerpen ein Schiff; in den USA warten Vorträge und Lehrveranstaltungen auf den Begründer der Relativitätstheorie. Es wird eine Reise ohne Wiederkehr. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 wird der Jude Einstein alle Kontakte nach Deutschland abbrechen.

«Mich hat Albert Einstein als Privatmensch interessiert», sagt die ebenso zierliche wie energiegeladen wirkende Livia Anne Richard. Sie hat seit 2002 auf dem Gurten mit Produktionen wie «Ein Engel kommt nach Babylon», «Dällebach Kari» und «Von Mäusen und Menschen» emotional packendes, meist souverän zwischen intimen Momenten und Massenszenen wechselndes Freilichttheater inszeniert. Die Hauptsponsoren liessen ihr absolut freie Hand bei der Wahl der Stoffe: «Niemand redet mir drein», ob sie jetzt ein 8-Personen-Stück mache wie bei «Mäusen und Menschen» oder ein 70-Personen-Stück wie bei «Einstein». Livia Anne Richard las sich in die umfangreiche Literatur über Einstein ein, besprach sich während der Arbeit am Stück regelmässig mit einem direkten Nachkommen Einsteins – und sie stellte sich Fragen: «Wie reagierte er, wenn seine Frau ihn brauchte, wenn das Baby schrie, wenn es um ganz banale Alltagsdinge ging?»

Viel Licht, viel Schatten

Erwartet die Zuschauer am Ende ein Schlüsselloch-Blick auf die häuslichen Katastrophen eines gefühlsverkrüppelten Geistesriesen? Livia Anne Richard lacht – und schüttelt etwas mitleidig denn Kopf. «Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Es geht mir nicht um eine Anklage oder eine Verurteilung, das wäre langweilig und eindimensional.» Es entbehre nicht einer gewissen Logik, glaubt sie, dass ein Genie wie Einstein mit seinen intellektuellen Höhenflügen kaum Bodenhaftung als Ehegatte und Vater entwickelte. Als Autorin frage sie nicht nach positiven Identifikationsfiguren oder dramatischen Spannungsbögen: «Ich arbeite assoziativ und verwende Bilder und Szenen, die ich plötzlich vor meinem inneren Auge sehe.» Auch auf ein detailliertes Regiekonzept zu Beginn der Proben wird sie verzichten: «Ich nehme gerne Ideen meiner Schauspieler auf, schliesslich sind sie für mich so etwas wie meine Farben.»

Befürchtet Livia Anne Richard nicht, dass hier in Bern nach der international ausstrahlenden Ausstellung im Historischen Museum 2005/06 eine gewisse Einstein-Müdigkeit besteht? Sie legt ihre Stirn in Falten, der Blick ist streng: «Ich wähle meine Stoffe und Figuren nicht nach Marketingüberlegungen aus. Mich muss ein Stoff anspringen.» Der Sprung ereignete sich in einer Buchhandlung: Als sie für die Premierenfeier von «Von Mäusen und Menschen» ein Geschenk suchte, stiess sie auf ein Hörbuch, das sich mit Albert Einsteins Privatleben befasste. Hier erfuhr Livia Anne Richard, dass Einstein seiner Frau einen unfassbar kalt und herzlos klingenden Forderungskatalog für ein weiteres eheliches Zusammenleben unterbreitete («Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen»); und sie erfuhr, dass Einsteins jüngerer, vergeblich um Anerkennung werbender Sohn Eudard in einer Heilanstalt endete.

Raum und Zeit lösen sich auf

In Livia Anne Richards Stück ist der Hafen von Antwerpen Dreh- und Angelpunkt der Handlung, ein Mikrokosmos mit kleinen Episoden und Dramen unter Auswanderern und Emigranten. In diese Kakofonie aus Hoffnungen und Ängsten angesichts einer ungewissen Zukunft im «gelobten Land» sieht sich der damals 53-jährige Einstein hineingezogen, als er mit seiner Familie im Taxi eintrifft. Geld für die Bezahlung der Fahrt hat er nicht, er verweist auf seine Frau. Dieser Mann hat keine Zeit für die kleinen irdischen Probleme, sein Geist drängt es hinaus ins Universum.

Der Hafen, dieser Ort zwischen Aufbruch und Ankunft, wird zur farbigen, mit rund 70 Komparsen bevölkerten Startrampe für Albert Einsteins Zeitreisen in die eigene Vergangenheit; die Grenzen zwischen Raum und Zeit verschwimmen, Einstein besichtigt den jungen Albert, erlebt als Zaungast seiner selbst die Stationen der Entfremdung von seiner ersten Frau Mileva, die er als Kommilitonin an der ETH Zürich kennenlernt und mit der er zwei Söhne hat. Eine uneheliche Tochter, Liesel, wurde wahrscheinlich auf Betreiben Einsteins zur Adoption freigegeben.

Einstein hat der Menschheit eine Art Weltformel geschenkt, für die Gestaltung seiner privaten Welt fand er anscheinend keine taugliche Gleichung. «Einstein schrieb zwar wunderschöne Liebesbriefe», sagt die Autorin, «aber er war in Gefühlsdingen schnell überfordert und konnte seine bahnbrechenden Erkenntnisse nicht auf die zwischenmenschliche Ebene herunterbrechen.»

Schubkraft für den Professor

Spürt Livia Anne Richard einen Druck, den Grosserfolg von «Dällebach Kari» zu wiederholen? «Nein, überhaupt nicht», sagt sie bestimmt. «Es mag komisch klingen, aber ich möchte, dass nicht alle Vorstellungen vor der Premiere bereits ausverkauft sind.» Jetzt ist es am Journalisten, die Stirne in Falten zu legen. «Ich würde gerne spüren, ob das Stück durch Mund-zu-Mund-Propaganda an Schubkraft gewinnt.»

Dramatischen Schub erfährt Einstein im Hafen von Antwerpen, zeigt er doch plötzlich viel Verständnis für einen Schweizer Bub. Und er macht sogar etwas, was wie ein symbolischer Versuch wirkt, seine Versäumnisse an einem anderen Menschen wieder gutzumachen. Und am Ende begegnet er sich selbst. (Der Bund)

Erstellt: 10.02.2010, 09:24 Uhr

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