«Das muss die beste Zeitung der Schweiz werden»

Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der Tamedia AG, über die künftige Zusammenarbeit von «Bund» und «Tages-Anzeiger».

«Bund»: Herr Supino, was hat den Ausschlag für die Lösung «Tages-Bund» statt einer Fusion «Bund»-BZ gegeben?
Pietro Supino: Der Verwaltungsrat hat diesen Entscheid über viele Monate äusserst sorgfältig vorbereitet. Es gab wirtschaftliche Argumente, die dafür gesprochen hätten, den «Bund» nicht weiterzuführen, und es gab publizistische Argumente, die den Versuch nahelegten, den «Bund» in diesem neuen Modell in die Zukunft zu führen. Wir haben uns mit Überzeugung für den zweiten Weg entschlossen.

«Publizistische Argumente» heisst: Es soll auf dem Platz Bern weiterhin zwei Zeitungen geben?
Beim Zusammenschluss von Tamedia und Espace Media vor zwei Jahren haben wir erklärt, dass uns die Medienvielfalt sowie die lokale und regionale Verankerung unserer Medien wichtig sind. Das ist mein Credo, unser Unternehmen profitiert letztlich auch von einem reichen Zeitungsmarkt. Den Entscheid für den «Tages-Bund» muss man auch vor diesem Hintergrund verstehen.

Haben beim Entscheid für den «Tages-Bund» auch Befürchtungen eine Rolle gespielt, dass man bei einer Fusion mit der «BZ» Tausende, womöglich Zehntausende von «Bund»-Abonnenten verloren hätte?
Die verschiedenen Varianten haben alle ihre Vor- und Nachteile. Natürlich hoffen wir, dass wir auf diesem Wege auch die hohe Abdeckung der Berner Bevölkerung mit «Bund» und BZ aufrechterhalten und ausbauen können.

Welche Rolle hat das Komitee «Rettet den Bund» beim Entscheid gespielt?
Es hat uns darin bestärkt, in Bern etwas für die Medienvielfalt und die Menschen zu tun, die den «Bund» nutzen. Aber die Tatsache, dass das Komitee nur 16 000 Unterschriften gesammelt hat, hat bei uns gewisse Zweifel aufkommen lassen. Gemessen an den Lesern, die wir auch in Zukunft für den «Bund» brauchen werden, ist das letztlich eine relativ kleine Zahl. Jetzt wird es darum gehen, dass die Leute, die sich im Komitee oder auch sonst für den «Bund» eingesetzt haben, den Worten Taten folgen lassen, den «Bund» auch tatsächlich abonnieren werden und auch bereit sind, eine leicht höhere Abonnementsgebühr zu bezahlen.

Die Abonnementspreise würden «mittelfristig» erhöht, schreibt die Tamedia in der Pressemitteilung. Ist das in den Zeiten der Gratiszeitungen durchsetzbar?
Das ist eine grosse Frage. Wir glauben, dass der «Bund» in Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» ein noch besseres Angebot sein wird als in der Vergangenheit. Die Erhöhung der Abonnementsgebühren ist auch eine Idee, die uns das Komitee «Rettet den Bund» mit auf Weg gegeben hat. Das Komitee war der Meinung, dass es, mit Blick auf die Abonnenten des «Bund», möglich wäre, die Finanzierung der Zeitung noch stärker auf den Lesermarkt abzustützen. Heute ist der Bund deutlich günstiger als andere Tageszeitungen in der Schweiz.

Tamedia schreibt in der Pressemitteilung weiter, man werde Verhandlungen mit jenen aufnehmen, eben zum Beispiel dem Komitee «Rettet den Bund», die sich für den Erhalt der Zeitung eingesetzt hätten. Wird es so etwas wie einen publizistischen Beirat geben?
Nein. Der «Bund» ist und bleibt weiterhin eine unabhängige Tageszeitung. Aber wir wollen die Menschen, die sich im Komitee «Rettet den Bund» engagiert haben, beim Wort nehmen und hoffen, dass sie mitwirken, die Leserschaft zu entwickeln, die es für den «Bund» braucht. Auch die Unternehmer und Institutionen, die sich für den Erhalt des «Bund» ausgesprochen haben, werden ihre Überzeugung hoffentlich durch Inserate unterstreichen. Die braucht es, um den «Bund» zu finanzieren.

Der Inseratepool mit der BZ beleibt aber besteht, d.h. es wird weiterhin kein Inserat im «Bund» erscheinen können, das nicht auch in der Stadtausgabe der BZ erscheint?
Ja, das sogenannte Berner Modell wird weitergeführt. Das ist wichtig, ohne Berner Modell wäre es absolut undenkbar, den «Bund» in die Zukunft zu führen. Nur mit dem Berner Modell war es auch möglich, den «Bund» in den letzten Jahren zu bewahren.

Es gab Gerüchte, dass die NZZ im Falle einer Fusion von «Bund» und BZ eine Berner Ausgabe plane. Hat beim Entscheid für den «Tages-Bund» auch eine Rolle gespielt, dass man auf dem Platz Bern keinen neuen Konkurrenten haben wollte?
Nein. Die NZZ war ja lange Jahre Miteigentümerin des «Bund» und hat uns ihren Anteil im Rahmen des Zusammenschlusses von Tamedia und Espace Media ungefragt angedient. Von daher hatten wir keinen Anlass zu glauben, dass die NZZ ein Interesse daran hätte, in den Berner Markt zurückzukehren. Das wäre wirtschaftlich ein absolut unmögliches Unterfangen.

Hat beim Entscheid auch die 160-jährige Tradition des «Bund» eine Rolle gespielt – eine Tradition, die man nur ungern abbricht?
Die lange Tradition und die grosse Qualität, die er auch in den letzten Jahren mit sehr beschränkten Mitteln bewiesen hat, haben uns motiviert, nach Lösungen für die Weiterführung des «Bund» zu suchen.

Trotzdem: 19 Stellen werden beim «Bund» abgebaut. Kennt man dazu schon die Details, weiss man, wie viele Entlassungen es geben wird?
Die Details des notwendigen Stellenabbaus sind noch unbekannt. Das muss jetzt alles erarbeitet und mit den Sozialpartnern ausgehandelt werden.

Aber klar ist, dass es für die Entlassenen einen Sozialplan geben wird?
Es ist die unschöne Seite, dass wir nicht darum herumkommen werden, uns von verdienten Mitarbeitern zu trennen. In diesen Fällen wollen wir zusammen mit den Sozialpartnern nach korrekten Lösungen suchen.

Mit der von 54 Stellen auf 35 Stellen geschrumpften Redaktion, mit der Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» wird beim «Bund» viel Geld eingespart. Gibt es Zahlen, wie viele Millionen das sind?
Es geht in die Millionen, was aber auch notwendig ist, weil der «Bund» Millionen verliert. Es ist ein ambitioniertes Ziel, diese Verluste zu eliminieren. Aber über die genauen Zahlen geben wir keine Auskunft.

Auch nicht darüber, wie gross der Verlust beim «Bund» im letzten Jahr war?
Nein, wir veröffentlichen keine Zahlen zu unseren einzelnen Medien, sondern nur zu den einzelnen Mediengattungen.

War es keine Option, den «Bund» unabhängig weiterexistieren zu lassen und die besseren Zeiten nach der Wirtschaftskrise abzuwarten?
Nach unseren Analysen besteht absolut keine Perspektive, den «Bund» in der alten Form weiterzuführen, weil die Kosten gegenüber den Erlösen aus dem Leser- und Anzeigenmarkt auch unter den bestmöglichen Annahmen eindeutig viel zu hoch waren. Es gab auch, nicht zuletzt vom Komitee «Rettet den Bund», Vorschläge, den «Bund» in eine Wochenzeitung mit Erscheinungstag Sonntag oder in ein Online-Medium umzubauen. Auch das hat uns nicht überzeugt. Wir fanden, der «Bund» mit seiner Tradition und seinen Qualitäten sei es wert, die ambitioniertere Strategie zu verfolgen, die wir jetzt gewählt haben.

In der Pressemitteilung steht, die BZ werde noch konsequenter als führende Regionalzeitung positioniert. Heisst das, das sich «Bund» und BZ noch besser voneinander unterscheiden sollen?
Die Positionierungen der einzelnen Zeitungen wird in unserem Haus nicht zentral gesteuert, sondern es wird erwartet, dass die Redaktionen eine eigene Linie entwickeln. Historisch gibt es Differenzen zwischen «Bund» und «Berner Zeitung». Die Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» wird beim «Bund» sicher zu einer Stärkung der überregionalen Teile führen. Auf der andern Seite hat die «Berner Zeitung» vor, ihre Position als führende Regionalzeitung weiterzutreiben. Da gibt es das sehr spannende Projekt, wie man das durch eine «Community-Redaktion», die die Verbindung zum Leser stärken soll, und im Online-Bereich durch neue Gefässe für die lokale Ebene erreichen kann.

Wird aber auch der «Bund» trotz einer um 19 Stellen verkleinerten Redaktion regional berichten können?
Ja. Der dritte Bund im «Bund» wird sich wie bisher lokalen und regionalen Themen widmen.

Neu übernimmt der «Bund» den Sport vom «Tages-Anzeiger». Bedeutet das, dass es für die Berichterstattung über den Berner Sport eine neue «Bund»-Sport-Redaktion geben wird?
Das ist einer der Punkte, die im Detail noch ausgearbeitet werden müssen. Klar ist aber, dass die Leserinnen und Leser des «Bund» eine Berichterstattung über lokale und regionale Sportereignisse erwarten. Auch nationale Sportereignisse sind aus Berner Sicht zum Teil anders zu verarbeiten als aus Zürcher Sicht.

Der bisher wöchentliche «kleine Bund» wird täglich als vierter Zeitungsbund erscheinen. Weiss man schon, was mit dem NZZ Folio passiert?
Wir werden in den nächsten Monaten prüfen, welche Beilagen für Berner Zeitung und Bund sinnvoll sind. Das hängt nicht zuletzt auch von den Gesprächen mit unseren Partnern ab.

Die neue Zeitung wird in Bern «Bund» und in Zürich «Tages-Anzeiger» heissen?
Ja, das ist völlig klar.

Weiss man schon, wie die neue Zeitung aussehen wird?
Das Ziel ist es, dem «Bund» weiterhin ein eigenes Erscheinungsbild zu geben. Aber damit die Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» effizient sein kann, werden sich beide Zeitungen vom Layout her weiterentwickeln und angleichen müssen. Sie müssen auch vom Redaktionssystem her kompatibel werden.

Die Bundeshausredaktion des «Tages-Anzeigers» wird bei der Redaktion des «Bund» angesiedelt, der «Bund» bezieht sonstige überregionale Texte vom «Tages-Anzeiger». Wird es eine interne Verrechnungen der Leistungen geben, die man sich gegenseitig erbringt?
Das ist so vorgesehen.

Das kann, mit Blick auf das ausgedehnte Korrespondentennetz des «Tages-Anzeigers», für den «Bund» aber teuer werden.
Die Zusammenarbeit von «Bund» und «Tages-Anzeiger» soll beide Titel stärken. Ich kann Ihnen versichern, dass die Rechnung des «Bund» nicht ungebührlich belastet wird. Unser Ziel ist es ja, eine tragfähige Lösung für die Zukunft des «Bund» zu finden.

In der Pressemitteilung heisst es, die Espace Media wage eine Strategie, die sich in den nächsten Jahren bewähren müsse. Der «Bund» ist seit über 20 Jahren in unruhigem Fahrwasser. Ruhig wird es also auch nach dem neusten Entscheid nicht.
Es gibt in der Medienwelt keine ruhigen Gewässer. Wir befinden uns in einem gewaltigen Strukturwandel. Die wirtschaftliche Situation ist, so wie wir das jetzt einschätzen, nachhaltig getrübt. In diesem Sinne ist es eine ambitionierte Strategie, die wir verfolgen. Wir haben das Bestmögliche getan, um dem «Bund» eine Chance für die Zukunft zu eröffnen. Es hängt jetzt von der Leistung der Redaktion des «Bund» ab, es hängt davon ab, wie der Verlag arbeitet, und es hängt davon ab, ob die Berner Bevölkerung tatsächlich durch Tatbeweis den «Bund» abonniert und die Unternehmer und Institutionen das Ihre beitragen, dem «Bund» die Basis für eine Zukunft zu ermöglichen.

Trotz Wirtschaftskrise: Geben Sie dem Modell «Tages-Bund» ein paar Jahre Zeit, um sich zu bewähren?
Alle Medienaktivitäten muss man langfristig sehen. Auf der heutigen Basis glauben wir, dass wir die Verlustquellen mit unseren Massnahmen eliminieren können. Danach werden wir laufend analysieren, wie sich die Situation entwickelt.

Sind Sie selber zuversichtlich, dass es klappt?
Selbstverständlich, sonst hätten wir diesen Weg nicht beschritten. Ich freue mich über diese Lösung, und ich glaube, dass es spannend wird. Der «Bund» wird vom «Tagi» profitieren und der «Tagi» vom «Bund». Ich glaube, das ist für das ganze Land ein Riesenschritt. Das muss die beste Zeitung der Schweiz werden. (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2009, 08:38 Uhr

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