Bern

Das Gesetz mit gutem Gewissen missachtet

Von Simon Wälti. Aktualisiert am 28.12.2010

Flüchtlingshelferin Anne-Marie Im Hof-Piguet ist am 18. Dezember im Alter von 94 Jahren gestorben. Sie rettete im Zweiten Weltkrieg jüdische Kinder vor den Vernichtungslagern der Nazis.

Die Flüchtlingshelferin Anne-Marie Im Hof-Piguet wurde für ihren mutigen Einsatz mehrfach geehrt. (Archiv Monika Flückiger)

Die Flüchtlingshelferin Anne-Marie Im Hof-Piguet wurde für ihren mutigen Einsatz mehrfach geehrt. (Archiv Monika Flückiger)

Sie war eine unermüdliche Kämpferin für die Menschenrechte. Noch im hohen Alter setzte sich Anne-Marie Im Hof-Piguet, die in Wabern in der Gemeinde Köniz lebte, für die Bildung einer «Akademie der Menschenrechte» ein. Ein Ort, an dem Menschen verschiedener Religionen und Kulturen zum Dialog finden. Im Buch «Die Akademie» (2005) vertrat sie ihre Vision und schrieb gleichzeitig die Geschichte ihres Lebens auf. Besässe sie viel Geld, so hätte sie ein «Haus der Menschenrechte» erbauen lassen, sagte sie im April 2006 anlässlich ihres 90. Geburtstages dem «Bund». Als gemeinsamen Nenner sah sie nicht die grossen Weltreligionen, sondern den ihnen innewohnenden Kern der Moral und Menschlichkeit. Ihr Blick auf die moderne Zeit war kritisch: Wenn man die Welt anschaue, so sehe man, dass die Menschenrechte mit Füssen getreten würden, sagte die Flüchtlingshelferin 2005 in einer Sendung von SF DRS.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Anne-Marie Im Hof-Piguet für die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes im Schloss La Hille bei Toulouse (F). Im Schloss betreute sie jüdische Kinder und Jugendliche, die nach ihrer Flucht dort vorübergehend Unterschlupf gefunden hatten. Als die Nazis auch den Süden Frankreichs besetzten, wurde die Lage für die auf dem Schloss lebenden jüdischen Flüchtlingskinder immer bedrohlicher. 1943 entschloss sich Anne-Marie Im Hof mit zwölf Kindern zur Flucht in Richtung Schweiz. Unter grossen Gefahren gelang es der gebürtigen Waadtländerin, die Kinder illegal über die Westschweizer Grenze zu bringen. Die Fluchtroute führte durch Le Risoux, einen der grössten Tannenwälder des Juras – ein Gebiet, das sie aus ihrer Kindheit gut kannte. Sie wurde 1916 als eines von drei Kindern eines Försters in Le Sentier im Vallée de Joux geboren. Ihre Zeit in La Hille und die Flucht hat Anne-Marie Im Hof-Piguet im Buch «Fluchtweg durch die Hintertür» beschrieben. Sie hat das Gesetz mit gutem Gewissen missachtet und – unterstützt von guten Freunden – dem Unrecht und dem Terror der Nazis getrotzt. Nach dem Krieg engagierte sie sich für Entwicklungszusammenarbeit. 1959 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung Swisscontact, die sich um eine verbesserte Berufsbildung in Drittweltländern bemüht.

Es gebe Augenblicke, in denen einem das Gewissen den Weg aufzeige, auch wenn man genau wisse, dass man nicht im Rahmen der Gesetze handle, sagte sie. Sie erinnerte sich auf poetische Weise an die «Grenzerfahrung» im Jura am Rande einer steilen Kalkwand. «Der Pfad ist eng, ich darf nicht nach rechts ausweichen. Das wäre der Absturz. Ich muss auf den dünnen Lichtstreifen am Ende des Weges zugehen. Schmetterlinge fliegen davon.» Anne-Marie Im Hof-Piguet wurde 1991 vom Staat Israel mit der Ehrenmedaille der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet. 1992 erhielt sie den mit 100 000 Franken dotierten Doron-Preis. 1998 wurde sie mit dem Menschenrechtspreis der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte geehrt. Das damalige Erlebnis habe sie «für ihr ganzes Leben geprägt», sagte sie anlässlich einer Ehrung durch ihre Wohngemeinde Köniz im Jahr 2001.

Obwohl Anne-Marie Im Hof-Piguet im Zweiten Weltkrieg schwierige Momente durchlebte und die «Akademie der Menschenrechte» bis heute nicht verwirklicht werden konnte, blieb die mutige Flüchtlingshelferin zuversichtlich. «Das kleine Mädchen Hoffnung bleibt meine Freundin», schrieb sie in ihrem Lebensbericht. Die Abschiedsfeier findet am Freitag, den 7. Januar, um 14 Uhr in der Kirche Köniz statt, nach der Urnenbestattung auf dem Friedhof Köniz. (Der Bund)

Erstellt: 28.12.2010, 08:57 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.