Das Bern von Robert Walser
Logiert hat der Dichter Robert Walser (1878–1956) in der Stadt Bern an manchen Orten, zu Hause fühlte er sich nirgends, auch wenn er seiner Vertrauten Frieda Mermet am 17. April 1921 recht munter und aufgekratzt schreibt: «Von Zeit zu Zeit trinke ich ein oder zwei Glas Bier aus der Brauerei Worb, im Fédéral, einer Wirtschaft, die gegenüber dem Bundeshaus liegt. Die Gassen sind prächtig, nun, es lässt sich hier in Bern ganz nett leben.»
Nur eben, zur Ruhe kommt Walser auch in Bern nicht. In den Jahren von 1921 bis 1929 (als er, halb freiwillig, halb genötigt, in die psychiatrische Anstalt Waldau eintritt) bezieht er nicht weniger als 15 verschiedene Unterkünfte: im Murifeld, im Kirchenfeld, in der Altstadt, in der Länggasse und einmal, kostbare Ausnahme, in der Elfenau. Walser ist ein Stadtnomade.
So jedenfalls nennt ihn der Literaturwissenschaftler, exzellente Walser-Forscher und -Kenner Werner Morlang in seinem Buch «Robert Walser in Bern», das jetzt, anlässlich der Eröffnung des Walser-Archivs in der Bundesstadt, in zweiter erweiterter Auflage erschienen ist. Ein kleines Buch, nimmt man es zur Hand; ein überaus reiches, fundiertes und einfühlsames entdeckt man, sobald man sich eingehend damit beschäftigt. Es werden darin nicht nur alle die Örtlichkeiten aufgesucht, wo Walser gehaust hat, und fotografisch (wenn möglich mit Aufnahmen aus Walsers Zeit) dokumentiert, die Bilder werden auch begleitet von passenden Walser-Texten, sei es aus Briefen oder sei es aus dem schriftstellerischen Werk, nicht zuletzt aus den Mikrogrammen, die von Werner Morlang und Bernhard Echte entziffert und unter dem Titel «Aus dem Bleistiftgebiet» veröffentlicht worden sind.
Begegnung mit den Kritikern
Auch Walser selber tritt uns in drei Fotos entgegen, die 1928 an der Luisenstrasse aufgenommen worden sind: ein Mann, korrekt in Jacke und mit Krawatte fürs Fotografieren zurechtgemacht, doch offensichtlich eher abweisend und störrisch dem Besucher gegenüber. Des Weitern sind ins Buch aufgenommen worden die mehr oder minder erfreulichen Begegnungen mit Kritikern und Förderern (Max Rychner, Eduard Korrodi, Otto Pick, Max Brod). Sehr wichtig für Leserinnen und Leser, die ihr Walser-Bild abrunden möchten (auch wenn des Dichters widersprüchliche Persönlichkeit nie recht zu fassen ist), sind die im Buch zusammengestellten Erinnerungen von Zeitgenossen, darunter die Maler/Bildhauer Ernst Morgenthaler (1887–1962) und Hermann Hubacher (1885–1976), die Schriftsteller Alfred Fankhauser (1890–1972) und Adolf Schaer-Ris (1889–1962), sodann die unentwegt getreue Freundin Frieda Mermet (1878–1969) und weitere Frauen, die mit dem in Begegnungen mit dem anderen Geschlecht ungelenken «einsiedlernden» Dichter in Berührung gekommen sind.
Ein eigenes Kapitel (man liest es heute nicht ohne Wehmut) ist Josef Viktor Widmann (1842–1911) gewidmet, der dem «Bund» und insbesondere dessen Kulturteil zu schweizweitem Ansehen und Gewicht verholfen hat. Widmann hat nicht nur als Erster die frühen Gedichte Walsers veröffentlicht, sondern, solange er lebte, alle seine Publikationen mit aufmerksam-kritischem Wohlwollen verfolgt. Sodass denn Walser noch im Sommer 1925 ein mikrografisches Arbeitspensum mit dem Satz abschliesst: «Bei allem Aktuellen begleitet uns leise ein vornehmes Andenken, ein liebes und immer noch lebenspendendes, dasjenige von J. V. Widmann».
Der Anfang des Verstummens
Mit diesem Blick auf die achtungsvolle Beziehung zwischen Walser und Widmann sowie einem Nachwort von Reto Sorg, dem Leiter des Walser-Archivs, schliesst das Buch. Man legt es weg, einerseits beglückt ob der Fülle des Anschauungs-, Lese- und Lebensstoffes, der einem da vorgelegt wird, und anderseits traurig berührt angesichts der Tatsache, dass das dichterische Werk, das da seinerzeit in Bern erblüht und – der schwer zu entziffernden Mikrogrammschrift wegen – zum guten Teil erst spät zu den Lesern gelangt ist, zugleich den Anfang des Verstummens und jahrzehntelangen Verschwindens Robert Walsers bedeutet.
Werner Morlang: Robert Walser in Bern. Auf den Spuren eines Stadtnomaden. Eine Text-/Bild-Dokumentation. Zytglogge Verlag, Oberhofen 2009. 184 Seiten, Fr. 34.–. Buchvernissage: Kornhausbibliothek Bern, Freitag, 30. Okt., 20 Uhr. (Der Bund)
Erstellt: 27.10.2009, 08:51 Uhr
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