«Christen sind nicht wertneutral»

Sind «fromme Lehrer» eine Gefahr für die Schule, weil sie Kinder subtil beeinflussen? Das komme in Einzelfällen vor, sei aber kein verbreitetes Problem, so das Fazit eines Podiums in der Aula der Uni Bern.

Christen, Bildungsfachleute und eine Atheistin diskutierten über Werte, Haltungen und das christliche Bekenntnis in der Schule. (Adrian Moser)

Christen, Bildungsfachleute und eine Atheistin diskutierten über Werte, Haltungen und das christliche Bekenntnis in der Schule. (Adrian Moser)

Junge «Fischli-Christen» absolvieren die Pädagogischen Hochschulen, um die Schule als Missionsstätte zu missbrauchen: So lautete letzthin die These in mehreren Medienberichten. Angegriffen wurden unter anderem die Vereinigten Bibelgruppen (VBG), eine interkonfessionelle christliche Bewegung, die an Schulen und Universitäten aktiv ist. Wie frei sind Lehrkräfte in ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit? Wo beginnt Indoktrination? Dürfen Werthaltungen in den Unterricht einfliessen? Diese Fragen standen am Montagabend im Zentrum eines Podiumsgesprächs an der Universität Bern, an dem sich Schulfachleute, eine Freidenkerin und christliche Exponenten äusserten.

Es gibt keine «Frommen»-Statistik

Bis zu 30 Prozent der Studierenden an der Pädagogischen Hochschule in Zürich seien Fromme oder gar Fundis, schrieb die «Zürcher Studierendenzeitung» im Frühling. Diese Zahl konnte am Podiumsgespräch niemand bestätigen. Die religiöse Haltung werde bei Bewerbungsgesprächen nicht erhoben, sagte Irene Hänsenberger, Leiterin des Schulamtes Bern. Beat Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes LCH, bestätigte: «Es gibt keine Erhebungen, denn man darf keine Gesinnungsschnüffelei betreiben.» Es treffe allerdings zu, dass sich Christen oft «zu einer sozialen Aufgabe berufen» fühlten, erklärte Wilf Gasser, Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) und Mitglied des Leitungsteams der charismatischen Bewegung Vineyard. Somit sei es gut möglich, dass der Anteil von Gläubigen bei Lehrern höher sei als beim Durchschnitt der Bevölkerung.

Mission kontra Neutralität

Wie verhalten sich gläubige Lehrer in der Schule, wie viel Frömmigkeit erlaubt diese staatliche Institution? Hans Ambühl, Generalsekretär der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), nannte die verfassungsmässigen Leitplanken: Jeder Mensch darf seine Religion frei wählen und sich dazu bekennen, aber niemand darf gezwungen werden, an religiösen Handlungen teilzunehmen. Sie habe Bedenken, ob die vom Gesetz postulierte Neutralität der Schule gewährleistet sei, wenn Scharen von Junglehrkräften «mit einer Mission» in die Schulstuben strömten, bekannte Schulamtsleiterin Hänsenberger. Fälle von Indoktrination seien ihm nicht bekannt, entgegnete der EDK-Generalsekretär. LCH-Präsident Zemp, der sich in einer Fernsehsendung kritisch zu Rechenübungen mit biblischen Motiven geäussert hatte, stellte klar, dass die Beispiele nicht von einer öffentlichen Schule stammten, sondern von einer christlichen Privatschule: Er sei da vom TV-Journalisten «etwas überrumpelt» worden. Daniel Kummer, Bieler Gymnasiallehrer und VBG-Mitarbeiter, einer der «gläubigen» Lehrer also, fand, dass «jugendlicher Eifer durch eine Klärungsarbeit» hindurchgehen müsse. Werte, die auf christlichem Nährboden gewachsen seien, flössen in den Unterricht ein. Im Schulalltag müsse bei kontroversen Fragen «ausgewogen und fair» informiert werden, wobei auch gegensätzliche Wertüberzeugungen vorzustellen seien. «In diesem Sinn sitzen Atomkraftgegner, Fleischesser, Offroader-Fahrer, Pazifisten, Raucher, Atheisten und Christen alle im gleichen Boot.» Gasser sagte, laut Erkundigungen bei Schulinspektoren bestehe «alles in allem» kein Problem. Er habe Mühe mit der «Wertneutralität»: Ein Christ vertrete Werte, «das geht gar nicht anders». Es sei diskriminierend, wenn behauptet werde, Christen könnten nicht wissenschaftlich denken oder reflektierten ihre Rolle nicht.

Gesinnungs-TÜV für Lehrer?

Reta Caspar, Geschäftsleiterin der Freidenker Schweiz und nach scherzhafter Selbsteinschätzung die «Atheistin vom Dienst», kennt problematische Beispielen. Da wolle ein konfessionsloses Kind mit seinen atheistischen Eltern Tischgebete sprechen, weil das in der Tagesschule so gemacht werde. Religiöse Lehrer münzten das Breitbandfach NMM (Natur Mensch Mitwelt) in GMS (Gott Mensch Schöpfung) um. Eigentlich, so Caspar, müsse man PH-Absolventinnen und -Absolventen bei Ausbildungsende einem Eignungstest unterziehen. Kinder müssten vor religiöser Beeinflussung besser geschützt werden, etwa durch eine Senkung des religiösen Mündigkeitsalters, so die Freidenkerin. Bekenntnisschulen würde Caspar lieber gar nicht zulassen. Da widersprach der EDK-Mann und brach eine Lanze für Klosterschulen: In Einsiedeln oder Engelberg seien Schüler von den Patres oft auf freiere Art mit Philosophie, Humanismus und Aufklärung bekannt gemacht worden als anderswo.

«Kompatibel, Donnerwetter»

Man kam natürlich auch auf die Pièce de Résistance zu sprechen: die Evolutionstheorie, die für einige Fromme im Widerspruch zum biblischen Schöpfungsbericht steht. Hänsenberger erinnerte daran, dass die bernische Erziehungsdirektion ein Lehrmittel zurückziehen musste, da im Buch der kreationistische Ansatz und die Evolutionstheorie einander als gleichwertig gegenübergestellt wurden. Kummer sagte, für ihn als Lehrer seien das «zwei Perspektiven auf unsere Wirklichkeit, die beide sinnvoll seien». Gasser, als Arzt naturwissenschaftlich ausgebildet, fand, es gebe bei der Evolutionstheorie offene Fragen, sie stelle «den aktuellen Stand des Irrtums» dar. Was ihn störe, seien die Versuche, mithilfe der Evolutionstheorie die Nichtexistenz Gottes zu beweisen: Das provoziere manchmal Gegenreaktionen. Gasser räumte jedoch ein, dass es auf der «frommen» Seite Gruppierungen gebe, die «leider nicht sehr dialogfähig» seien.

Den Kampf zwischen Kreationisten und Freidenkern à la USA wolle er nicht, sagte Zemp, der oberste Lehrer. Die Evolutionstheorie schliesse Gott nicht aus: «Was war vor dem Urknall? Wer liess es knallen?» Evolution und Gottesglaube seien «absolut kompatibel, Donnerwetter». Ambühl gab Caspar recht, dass es eine inakzeptable Schlaumeierei sei, offiziell die Evolution gemäss Lehrplan zu lehren, in der Pause aber das zu sagen, was man wirklich davon halte.

Ob Atheismus nicht auch ein Wert sei, fragte Moderator Markus Häfliger, Redaktor bei der «NZZ am Sonntag». Ja, sagte Reta Caspar, «aber Atheisten missionieren nicht». Da brandete in der fast voll besetzten Aula Gelächter auf, eingedenk der Plakatkampagne der Freidenker, auf denen steht: «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht und geniess das Leben.» (Der Bund)

Erstellt: 04.11.2009, 07:57 Uhr

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