Bern

«Bundesrätische» Sommaruga, «propagandistischer» Amstutz

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 21.01.2012

Im Rahmen des Wahlpflichtfachs «Die direkte Demokratie als Herausforderung» haben 15 Schüler des Gymnasiums Köniz-Lerbermatt in den letzten drei Monaten Gespräche mit illustren Personen vorbereitet und geführt haben.

1/3 Bundesrätin Simonetta Sommaruga diskutiert mit Schülern des Gymnasiums Lerbermatt in Köniz.
Bild: Adrian Moser

   

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Kein Mucks ist zu hören, als Bundesrätin Simonetta Sommaruga den Cheminéeraum des Gymnasiums Köniz-Lerbermatt betritt. Es ist so still, dass man sich umdreht, um sich zu vergewissern, dass hier tatsächlich über hundert Gymnasiasten sitzen. Die Justizministerin, die im Spiegel wohnt, ist «auf dem Heimweg vorbeigekommen», wie sie sagt, um sich mit Primanern zum Thema «Die direkte Demokratie als Herausforderung» zu unterhalten. So heisst das Wahlpflichtfach, in dem 15 Gymnasiasten in den letzten drei Monaten Gespräche mit illustren Personen vorbereitet und geführt haben. Der Berner Nationalrat Adrian Amstutz war da, der Medienprofessor Roger Blum, Alt-Nationalrat Rudolf Strahm und der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze.

Sommaruga spricht mit Bedacht

Vier Gymnasiasten führen das Gespräch mit der Bundesrätin, und sie machen das souverän. «Das ist eine gute Frage», sagt Sommaruga mehrere Male, hält einen Moment inne und wählt dann ihre Worte mit Bedacht. Sie spricht von der faszinierenden Macht des Kollektivs, von einer Schweiz «ohne Denkverbote», die sie sich wünsche. Hie und da schimmern ihre Überzeugungen durch, etwa wenn sie zu bedenken gibt, letztes Jahr seien etwa 2300 Tunesier in die Schweiz gekommen, aber «wohl ebenso viele im Meer ertrunken». Aber sie achtet auch hier, in diesem entspannten Rahmen, geflissentlich auf die Grenzen, die ihr die Rolle als Bundesrätin vorschreibt. Einmal stellt sie selbst eine Frage: «Funktioniert die politische Bildung heute?», möchte sie wissen. Sie selbst habe nämlich im Gymnasium herzlich wenig mitbekommen in Sachen Politik, sie sei damals wohl auch eine «eher desinteressierte Schülerin» gewesen. Ein amüsiertes Raunen geht durch den Saal. Die letzte Frage stellt ein Schüler aus den hinteren Reihen: «Wie stehen Sie zum Rücktritt von Philipp Hildebrand?» «Es gehört zur politischen Bildung, dass Sie wissen, dass ich mich dazu nicht äussern darf», sagt die Bundesrätin und lächelt.

Sie nehme sehr gerne an solchen Diskussionsrunden teil, sagt Sommaruga nach dem Gespräch zum «Bund», und sie würde solche Anfragen gerne öfter annehmen, wenn es ihre Agenda zuliesse. Dann macht sich die Magistratin hinauf auf den kurzen Heimweg, um zu Hause noch etwas zu arbeiten.

Von Amstutz «überfahren»

Sommaruga sei «sehr bundesrätisch» gewesen, sind sich die Primaner am Tag darauf einig, als sie den Abend Revue passieren lassen. Leider sei «kein wirklicher Dialog» entstanden. Ganz anders sei das beim Gespräch mit Reinhard Schulze gewesen, dem Islamwissenschaftler der Uni Bern – für viele hier war die Begegnung mit ihm der Höhepunkt. Schulze habe lebendig gesprochen, viel gefragt, aber auch einen Einblick in eine unbekannte Welt ermöglicht und etwa plausibel erklärt, warum «Islamisierung» nicht mehr als eine Worthülse sei.

Weniger einverstanden waren die Gymnasiasten mit Adrian Amstutz, der im November da war, als er mitten im Wahlkampf steckte. Keiner der Primaner, die das Wahlpflichtfach besuchen, teilt die Ansichten des Nationalrates aus Sigriswil. Sechs von ihnen sind in der Juso, alle anderen bezeichnen sich als links – alle bis auf einen, der von sich sagt, er gehe bei einigen Themen mit der SVP einig. Amstutz habe in derart einfachen Bildern gesprochen, «dass ich mir manchmal etwas für dumm verkauft vorkam», sagt eine Gymnasiastin. Der SVP-Politiker habe mit träfen Slogans operiert, gegen die wenig einzuwenden sei. Erst zu Hause habe er gemerkt, dass seine Argumente «irgendwie doch hinken», sagt ein anderer. «Ich bin mir etwas überfahren vorgekommen», sagt eine Schülerin, die damals mit Amstutz am Tisch sass. «Wir konnten ihm nicht die Stange halten.»

Amstutz sei «rhetorisch gut», sind sich alle einig. Er habe jedoch «etwas schleppend» gesprochen, findet einer. «Der brauchte Bedenkzeit, damit er sich auf Hochdeutsch ausdrücken konnte», mutmasst eine Kollegin. Nein, das sei Kalkül, genau deshalb komme Amstutz bei vielen so gut an, wird erwidert. Amstutz sei «einfach ein Propaganda-Politiker». Die Diskussion ist lanciert. Um die politische Bildung dieser Jugendlichen braucht man sich kaum zu sorgen. (Der Bund)

Erstellt: 21.01.2012, 09:36 Uhr

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