Biogas aus der Kloake
Von Adrian M. Moser. Aktualisiert am 21.05.2011
Dampfleitung KVA-ARA
In Zukunft verwendet die ARA Bern Dampf aus der Kehrichtverbrennungsanlage KVA Forsthaus (im Bau), um den Klärschlamm zu trocknen. Die dafür benötigte und bereits bewilligte Dampfleitung wird nun nicht in einem Betonkanal, sondern direkt im Erdreich verlegt. Die im «Anzeiger der Region Bern» publizierten Anpassungen sind gemäss EWB «bautechnischer Art» und umfassen minimale Änderungen der Leitungsführung, eine Reduktion der Schachtbauwerke von 21 auf 14 und neue oberirdische Be- und Entlüftungskasten. Letztere waren im Baugesuch noch nicht enthalten. Für die Projektänderungen sind keine zusätzlichen Rodungen notwendig.
Es riecht übel im Rechengebäude der Abwasserreinigungsanlage Region Bern (ARA Bern). Eine schmale Öffnung im Boden gibt den Blick frei auf die braune Brühe, die an dieser Stelle die Anlage erreicht. Anlagenleiter Adrian Fasel blickt kurz auf den Monitor an der Wand und sagt: «950 Liter pro Sekunde.» Der Schein der Lampe, die im Innern des Kanals angebracht ist, spiegelt sich in den Wellen des stinkenden Bachs. Das Wasser ist trüb, aber nicht undurchsichtig. Allerhand Gegenstände schwimmen darin – neben Fäkalien und Papier auch solche, die nicht die Toilette hinuntergespült gehören. So zum Beispiel Essensreste und Hygieneartikel. «Ein massives Problem sind die neuen Hygienetücher», sagt Fasel, «weil sie elastisch und nicht zerreissbar sind.» Das führe zu Problemen in den Pumpen. Ab und zu fänden sich auch Kuriositäten im Abwasser: Portemonnaies, Barbiepuppen, iPhones. «Wir bekamen auch schon Anrufe von Leuten, die wissen wollten, ob wir die Tausendernoten gefunden hätten, die sie versehentlich ins WC fallen gelassen hatten», erzählt Fasel.
Sechs Reinigungsstufen
Der Rechen ist die zweite von sechs Reinigungsstufen. Zuvor hat das Abwasser bereits den Kiesfang durchflossen. Es folgen der Sandfang, das Vorklärbecken, die biologische Reinigung und zuletzt der Sandfilter. Dann fliesst das Wasser in die Aare. Zurück bleibt – neben Feststoffen wie Sand und Papier – der Klärschlamm. Früher wurde er als Dünger auf den Feldern verteilt, doch das wurde verboten. Die Kläranlagen mussten sich nach anderen Verwendungs- beziehungsweise Entsorgungsmöglichkeiten umsehen.
Nicht nur Kläranlage
Heute ist die ARA Bern längst nicht mehr nur Reinigungsanlage, sondern auch Energieproduzent. Der Klärschlamm, der anfangs noch sehr viel Wasser enthält, wird eingedickt und in Faultürmen vergoren. Dabei wandeln Mikroorganismen die organischen Verbindungen im Schlamm zu Biogas um. Dieses wird bereits seit 1967, als die Anlage in Betrieb ging, verwendet, um den Schlamm vor dem Vergären zu erwärmen und die Gebäude zu heizen. Seit 2002 hat die ARA Bern ein Blockheizkraftwerk in Betrieb, das neben Wärme auch Elektrizität produziert. Weil es im Sommer aber mehr Wärme produzierte, als die Anlage brauchte, betreibt die ARA Bern seit 2008 zusätzlich eine Anlage, die aus dem Biogas Biomethan in Erdgasqualität macht. Dieses speist sie ins Erdgasnetz von EWB ein – die Menge reicht aus, um 32 Bernmobil-Busse zu betreiben.
Regionales Entsorgungszentrum
Die ARA Bern verarbeitet nicht nur den eigenen Klärschlamm, sondern auch jenen aus anderen Kläranlagen rund um Bern. «Wir sind eine Art regionales Entsorgungszentrum», sagt Fasel. Zusätzlich nimmt die ARA Bern seit 2004 andere organische Abfälle an, die sie zusammen mit dem Klärschlamm vergärt – und bewegt sich damit in einem umkämpften Markt, wie Fasel sagt. Konkurrenz kommt unter anderem von landwirtschaftlichen Biogasanlagen. Trotzdem befindet sich die ARA Bern auf Expansionskurs – die ins Erdgasnetz eingespeiste Biomethanmenge soll in den nächsten Jahren verdreifacht werden. Grund dafür ist der Deal mit Energie Wasser Bern (EWB): Die ARA Bern veredelt künftig ihr gesamtes Biogas zu Biomethan in Erdgasqualität und liefert es an EWB. Damit verliert sie das Gas als Energieträger. Im Gegenzug erhält sie Dampf aus der neuen KVA Forsthaus – über die Dampfdruckleitung, die derzeit im Bau ist.
«Für uns ist die Energiegewinnung ein zusätzliches Standbein», sagt Fasel. Um dereinst noch mehr Biomethan produzieren zu können, müssten die bestehenden Anlagen ausgebaut werden. Ob dies geschehen werde, stehe noch nicht fest, sagt der Leiter der Kläranlage. «Das ist eine politische Frage, über die letztlich unsere Aktionäre, die Gemeinden, befinden werden müssen.»
Zum Tag des Abwassers am Samstag öffnen rund 60 Kläranlagen in der ganzen Schweiz ihre Türen. So auch die ARA Bern. Von 10 bis 15 Uhr bietet sie auf ihrem Gelände Führungen zum Thema erneuerbare Energie an. (Der Bund)
Erstellt: 21.05.2011, 10:37 Uhr
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