Bethlehems Fussballerinnen sind die Stars
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 25.01.2010
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Und wo ist das Problem? Mit der Selbstverständlichkeit von Menschen, für welche die multikulturelle Welt längst alltägliche Realität ist, stellen Agime und Elmaze im Film von Bruno Moll ihre Nachbarn vor. Mit ihren Fingern gleiten sie über die Namensschilder «ihres» Hochhauses und erklären die Herkunft der Bewohner, zur grossen Mehrzahl Immigranten.
Das Zuhause von Agime und Elmaze ist repräsentativ für Bethlehem, das Quartier in Berns Westen: 36 Prozent der knapp 13’000 Einwohner sind Ausländerinnen und Ausländer – wie die beiden jungen Frauen auch. Elmaze stammt aus Mazedonien, Agime aus Serbien. Gemeinsam spielen sie im Frauenfussball-Team des FC Bethlehem.
Elmaze, Agime und ihre Freundinnen und Kolleginnen ins Juniorinnen-Team des FC Bethlehem sind die Stars von Bruno Molls Dokumentarfilm «Pizza Bethlehem». Selbstverständlich ist der Club, der für viele Jugendliche ein soziales Netz bildet, ein Spiegel des Quartiers – die Secondas sind auf dem Fussballfeld schon fast unter sich. Von März bis Juni letzten Jahres hat Moll die Fussballerinnen begleitet. Er zeigt sie nicht nur auf dem Feld beim Training unter ihrem Trainer, sondern auch zu Hause, in ihrer Freizeit beim Shopping im Westside, in der Schule, bei der Suche nach einer Lehrstelle, bei Freundinnengesprächen auf dem Sofa vor dem Fernseher. Sie sprechen über ihre Familien, über Religion, Identität und Heimat, über Liebe, Freunde und über alles andere, was Frauen in diesem Alter beschäftigt. Und sie geben natürlich Auskunft über ihre Fussballleidenschaft, die bei vielen Vätern anfänglich auf alles andere als Gegenliebe stiess. Noch immer kämpft der Frauenfussball um Akzeptanz und gegen Vorurteile – und das nicht nur bei muslimischen Männern und Vätern.
Multikulturelle Realität
Der Fussball ist für Bruno Moll aber vor allem ein Vehikel. Nicht der Sport interessiert ihn in erster Linie, sein Hauptthema heisst Integration. Für einmal ist dieses gesellschaftlich breit diskutierte, von allerlei professionellen Bedenkenträgern dominierte und von Politikern okkupierte Thema aber nicht Anlass zu filmischer Problemhuberei – «Pizza Bethlehem» überrascht durch positive Befunde aus einem brisanten Themenfeld. «Integration ist für diese jungen Frauen kein Problem, sie leben das einfach», sagt Bruno Moll. Für ihn zeigt sich an ihrem Beispiel, dass Integration keine Einbahnstrasse ist: «Es geht nicht darum, dass sich jemand anpasst, es geht vielmehr um eine Begegnung, aus der etwas Drittes, Neues, anderes entsteht. In Bethlehem wird deutlich, was viele in unserm Land noch nicht begriffen haben: dass die Schweiz längst schon ein multikulturelles Land ist.»
Das multikulturelle Zusammenleben ist einer der Aspekte, der Moll bei den Recherchen zum Film fasziniert hat. Ein anderer ist die Lebensqualität im Berner Quartier mit dem biblischen Namen. «Wir sind hier keiner Aggression begegnet», sagt Moll, «man liest auch selten darüber, ganz im Gegensatz zur Innenstadt.» Was gemeinhin als Problemzone gilt – «ein Klischee», so Moll – lernte er schon fast als Oase gelebter Integration schätzen. Wie die erfrischende Offenheit der sympathischen und meist erfreulich selbstbewussten Frauen überträgt sich auch dies auf seinen schwungvollen Film, der einen von der ersten bis zur letzten Minute mitträgt.
Kampf ums Kino
Zu den Qualitäten des Quartiers zählen für Moll auch die Architektur und die städteplanerischen Ideen dahinter. «Die Urbanität dieses Ortes ist für Bern einzigartig und entspricht so gar nicht dem Image der verschlafenen Laubenstadt.» Sein Kameramann Ueli Grossenbacher zeigt Bethlehem denn auch aus neuen, ungewohnten Perspektiven, taucht die Aufnahmen in betörend schönes Licht und lässt einen diese Welt mit ganz neuen Augen sehen. Auch dank seiner ausserordentlichen visuellen Qualitäten hat der Film Kinoformat.
Realisiert hat Moll «Pizza Bethlehem» mit einem Budget von 240’000 Franken. Die wesentlichsten Beiträgen kommen vom Schweizer Fernsehen sowie von Stadt und Kanton Bern. Keine Gnade fand sein Gesuch beim Bundesamt für Kultur.
Von Anfang hat Moll den Film für die grosse Leinwand konzipiert, einen Verleiher aber hat er bisher nicht gefunden. Der Film lasse sich nicht verkaufen, lautet deren Urteil. Anderer Meinung ist Filmtage-Direktor Ivo Kummer, der «Pizza Bethlehem» als Highlight in seinem Programm bezeichnet. Gut möglich, dass der Film in Solothurn derart positiv aufgenommen wird, dass sich ihm die Türen zum Kino doch noch öffnen. Wenn nicht, wird er in einer gekürzten Fassung von 52 Minuten im Umfeld der Fussballweltmeisterschaft in Südafrika im Fernsehen ausgestrahlt.
Vorstellungen: 23. und 27. Januar. (Der Bund)
Erstellt: 25.01.2010, 10:52 Uhr


































