Berns «Orte der Wut»

Von Fiona Ziegler. Aktualisiert am 08.09.2010

Ein Erlebnis der besonderen Art ist der Stadtrundgang von Stattland. Der im Rahmen der Biennale Bern konzipierte Rundgang führt Besuchende an Orte, die in der Vergangenheit Wut oder gar Krawalle ausgelöst haben.

Katharina Lienhard führt zu den «Orten der Wut.»

Katharina Lienhard führt zu den «Orten der Wut.»
Bild: Adrian Moser

Samstagnachmittag, 14 Uhr. Die Augustsonne brennt. Vor dem Münster haben sich 30 Personen versammelt. Sie sind gekommen, um am Eröffnungsrundgang durch Berns «Orte der Wut» teilzunehmen. Ausgangspunkt ist das Münster: Hinter einer Nische des Seitenportals tritt eine ganz in Rot gekleidete Frau hervor, Schauspielerin und Projektleiterin Katharina Lienhard. Mit grossen Augen und wütender Stimme liest sie aus der Bibel, zitiert Zwingli und ruft in seinem Namen zum Bildersturm auf.

Wo einst Skulpturen die Nischen der Seitenportale schmückten, ist heute nichts als ein leerer, gotischer Torbogen zu sehen. Die Skulpturen wurden im Zuge der Reformation von 1528 vom Volk abgerissen und entfernt. Das Münster zeigt sich damit als Ort, an dem auch heute noch die Spuren der Wut vergangener Zeiten sichtbar sind.

Im Auftrag der dritten Biennale Bern konzipiert, soll der Stadtrundgang die Besucher an Orte in Bern führen, die in der Vergangenheit heftige Diskussionen sowie Krawalle und politische Debatten ausgelöst haben.

Vor dem Lischetti-Brunnen hüpft die «rote Frau», die wie ein roter Faden durch den Rundgang führt, und fordert die Besucher auf: «Hüpfen Sie! Schlürfen Sie! Pirouettieren Sie!» Die Stadtführerin erklärt: «Das ist der Vorschlag des Berner Künstlers Eduardo Lischetti, sich dem gesellschaftlichen Zwang zu entziehen, normal laufen zu müssen.» Seine Kunstwerke hätten Unmut, gar Wut in Berns Bevölkerung ausgelöst, erklärt Franziska Fankhauser, die seit sechs Jahren Stadtführerin bei Stattland ist.

Weit mehr Wut ausgelöst habe aber ein weiterer Schauplatz der Führung: Der Meret Oppenheim-Brunnen. 1982 vom Stadtrat mit dem Bau des Brunnens beauftragt, beabsichtigte Meret Oppenheim die Aufwertung des Waisenhausplatzes. Bei der Eröffnung aber ertönten laute Buhrufe aus der Masse. Es sehe aus wie eine Zigarre, ein Fabrikturm oder gar ein Minarett, meint die «rote Frau» und bringt damit die öffentliche Debatte der 1980er-Jahre zum Ausdruck, die hitzig in der Presse geführt wurde. Nachdem eine Vielzahl Berner den Brunnen aus dem Stadtzentrum entfernen wollte, entschied der Stadtrat 1987 zugunsten des Brunnens.

Orte politischen Aufruhrs

Ein anderer Ort, der mit einem historischen Krawall in Verbindung gebracht wird, ist der Käfigturm: Am 19. Juni 1893 zogen hundert erzürnte Bauarbeiter vom Bahnhof zum Kirchenfeld. Ihr Zorn galt den italienischen Gastarbeitern, die ihnen die Arbeit wegnehmen würden. Einige der Protestierenden wurden im Käfigturm, dem ehemaligen Männergefängnis, eingesperrt. An einem aktuellen politischen Anknüpfungspunkt – der Reitschule – endet der Rundgang: Es sei ein Ort, wo «die Wut auch kreatives ausgelöst» habe, sagt Fankhauser, der aber bis heute ein Ort geblieben sei, der für Zündstoff in der Bevölkerung sorge.

Angeregt, nicht wütend, applaudierten die Premieren-Besucher und erfrischten sich im Hof der Reitschule. (Der Bund)

Erstellt: 23.08.2010, 16:25 Uhr

Bern

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