Bern
Berner wollen Silicon-Valley-Story schreiben
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 03.03.2010 1 Kommentar
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Wer ein Unternehmen gründet, geht ein beträchtliches Risiko ein. Gemäss Statistiken des Bundes existiert fünf Jahre nach der Gründung nur noch die Hälfte aller Betriebe. In letzter Zeit dürften die Überlebenschancen unter 50 Prozent gelegen haben. Die Finanzkrise hat Staatshaushalte aus dem Gleichgewicht gebracht, Unternehmen zu Kurzarbeit, Personalabbau und sonstigen Sparmassnahmen gezwungen und die Kauflust der Konsumenten gedämpft.
Doch auch in schwierigen Zeiten gilt: Gute Ideen setzen sich durch – oft allerdings erst nach einer anfänglichen Durststrecke. Dass man mit Zielstrebigkeit, Bescheidenheit und Beharrlichkeit auch unter widrigen Bedingungen etwas bewegen kann, zeigt das Beispiel von Christoph Wysseier und seinem Team. Der 30-jährige Berner ist ein Vollblutunternehmer. Schon im Gymnasium Lerbermatt hat er sich anlässlich eines Elektromobilprojekts im Wirtschaftsunterricht mit dem Unternehmer-Virus infiziert, gleich nach der Matura gründete er mit Schulkollege Adrian Lienhard die eigene Firma Netstyle.ch und entwickelte fleissig Web-Applikationen.
Tolles Produkt, aber kaum Kunden
Während des Informatikstudiums, als die Geschäfte schon ganz gut liefen, erhielten die beiden vom Medienpsychologen Simon Raess einen entscheidenden Impuls. «Wir waren Freaks, kannten eine Vielzahl von Content-Management-Systemen», erinnert sich Wysseier. «Dass das alles viel zu wenig benutzerfreundlich war, musste uns ein Externer sagen.» Durch die Kooperation von Raess und Netstyle.ch entstand das neue Unternehmen Cmsbox, das im März 2007 – nach zweijähriger Programmier- und Vorbereitungsarbeit – operativ tätig wurde. Der neuartige Ansatz von Cmsbox erlaubt Nutzern das «Inline-Editing»: Aktualisierungen können intuitiv und direkt auf der Website statt in separaten Administrator-Oberflächen vorgenommen werden. «Wir brachten ein Werkzeug auf den Markt, das es von der Sekretärin bis zum Firmenchef allen erlaubt, Websites rasch und einfach zu verändern», sagt Wysseier.
Auf ein solches Produkt hatten viele KMUs gewartet, würde man meinen – doch das Startjahr 2007 verlief für Cmsbox harzig. «Wir hatten ein weltweit einzigartiges Produkt, aber es gelang uns nicht, Werbeagenturen und Grafiker davon zu überzeugen. Die meisten hatten längst einen IT-Partner und wollten nichts Neues wagen.»
Nachtschicht nach Auszeichnung
Die Jungunternehmer erkannten, dass in diesem unübersichtlichen Markt nur eine Chance hat, wer durch Wettbewerbserfolge Publizität gewinnt. Ein erster Artikel in der Fachzeitschrift «Infoweek» Ende 2007 war so etwas wie der verspätete Startschuss, und als die junge Firma im März 2008 den Preis «Master of Swiss Web» gewann, war die Resonanz in der Presse und bei Kunden so gross, dass die zehn Cmsbox-Mitarbeiter den Computer wochenlang kaum mehr ausschalteten. Wysseier sagt, er und seine Mitarbeiter hätten in dieser Phase sechs Wochen lang täglich von frühmorgens bis spätabends gearbeitet, und zwar sieben Tage pro Woche. Seither hat Cmsbox in knapp zwei Jahren mehr als 200 Website-Projekte umgesetzt und den Umsatz zweimal mehr als verdoppelt. Die Nielsen Norman Group zählte die Innovation der Berner Unternehmer zu den weltweit zehn besten Web-Anwendungen des Jahres 2008; 2009 kam in Deutschland eine «Red Dot»-Auszeichnung für überzeugendes Webdesign dazu.
«Bilden das Existenzminimum ab»
Trotz diesen Erfolgen und markant gestiegener Nachfrage sind die Bäume nicht in den Himmel gewachsen. Cmsbox und Netstyle.ch erzielen je eine halbe Million Franken Umsatz – davon müssen zehn Vollzeitstellen finanziert werden. «Die Geschäftsleitung zahlt sich weiterhin Minimallöhne und bildet ziemlich genau das Existenzminimum ab, damit wir weiter in unsere Zukunft und das Team investieren können», sagt Wysseier. Frustrierend sei das nicht, denn «wir sind überzeugt, in den nächsten Jahren den Durchbruch zu schaffen. Auch wenn wir als Angestellte eines Grossunternehmens problemlos ein Vielfaches verdienen könnten, möchten wir nicht tauschen. Das Teamwork und das Gefühl, selber an den Hebeln zu sitzen und in Eigenregie spannende Projekte zu entwickeln, sind fast unbezahlbar.»
Durchstarten von USA bis Japan
Das Wichtigste sei, konsequent und geduldig den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen, sagt Wysseier. «Geduldig» bedeutet auch, manchmal Aufträge abzulehnen. Nach der Auszeichnung durch die Nielsen Norman Group klopfte die internationale Kundschaft an – nach intensiven Diskussionen entschied das Team, dass dieser Schritt das Unternehmen überfordern würde. Für 2010 ist nun «der internationale Markteintritt von den USA bis nach Japan» geplant – mit einem neu entwickelten Produkt, das an den wichtigen Wettbewerben Red Herring, Webby Award und Tech Crunch Preise abräumen soll. «Wenn man da reinkommt, geht alles sehr schnell – dann können wir von Bern aus eine Silicon-Valley-Geschichte schreiben», sagt Christoph Wysseier.
Seine Work-Life-Balance ist inzwischen so weit wiederhergestellt, dass er sich den Sonntag meistens frei hält und am Samstag manchmal erst gegen Mittag ins Büro fährt – die Augenringe sind weniger gross als auch schon.
Lieber aus eigener Kraft wachsen
Von der Idee, das Wachstum mit Fremdkapital zu beschleunigen, hält der 30-Jährige nichts. «Solange wir es uns leisten können, wachsen wir lieber aus eigener Kraft als durch eine Kapitalspritze», sagt er dezidiert; er möchte nicht, dass ihm plötzlich Geldgeber die Strategie diktieren. Wünschen würde sich Wysseier einen regelmässigen Austausch mit anderen Berner IT-Jungunternehmern. Das bleibt vorderhand Wunschdenken, denn ausser Atizo (vgl. «Bund» vom 9. Februar) gibt es laut Wysseier in Bern keine grösseren IT-Start-ups. «In Zürich, wo Jungunternehmer stark gefördert werden, ist in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl sehr erfolgreicher IT-Unternehmen entstanden, hier in Bern gibt es weder an der Fachhochschule noch an der Uni eine ernsthafte Förderung», sagt Wysseier. «Es wäre besser, die vielen cleveren Köpfe hier zu unterstützen, statt später mit viel Aufwand Firmen von Zürich nach Bern zu locken.»
Erschwerend komme hinzu, dass man in Bern als Informatiker durch die vielen Bundesbetriebe oder bundesnahen Unternehmen «sehr leicht einen Job mit paradiesischen Arbeitsbedingungen» finde. Wysseier hat sein Paradies anderswo gefunden. Er kann sich nicht vorstellen, ein Rädchen im Getriebe eines Grossunternehmens zu werden. Lieber versucht er in langen Arbeitstagen, mit seinem Team von Bern aus den Weltmarkt zu erobern. (Der Bund)
Erstellt: 03.03.2010, 07:36 Uhr
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