Beim Mahl gilt: Keine Experimente
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 30.12.2009
Stell dir vor, es ist Krise – und keiner geht hin. Das gilt für Tafelfreuden zu Weihnachten und Neujahr, wo nicht gekleckert, sondern geklotzt wird, denn um den Franken zweimal umzudrehen, hat man das ganze Jahr Zeit.
Wenn die Verwandtschaft am Tisch sitzt, sind feine Gerichte gefragt, die nicht übermässig viel Arbeit machen. Ein unverwüstlicher Hit ist Fondue chinoise, bei dem der Gast das Fleisch selbst in die Bouillonpfanne taucht. Das «Chinoise» ist bei Migros, Coop oder Loeb ebenso der Renner wie beim Quartiermetzger Iseli am Nordring oder bei der Berner Filiale der Delikatessen-Kette Kauffmann an der Spitalgasse.
Ein Hit ist auch das Filet im Teig, das nur noch in den Ofen geschoben werden muss. Schweizweit hat die Bell-Nachfolgerin Kauffmann mehr Geflügel verkauft als sonst: Enten, Gänse oder Truthahn, doch scheint der Trend nicht in Bern angekommen zu sein, wie Filialleiter Beat Ackermann erklärt. Dafür hat der Braten wie zu Grossmutters Zeiten wieder mehr Anhänger, wie in der Quartiermetzger Iseli zu erfahren ist: Die Leute seien wohl mehr zu Hause und nähmen sich Zeit dafür. Das Rollschinkli, gerne im Brotteig, ist ebenfalls ein helvetisches Must, etwa als Mitternachtsimbiss an Silvester. Und selbstredend gehört Lachs auf den Festtisch.
Preisbewusster beim Wein
Zu einem feinen Essen gehört ein guter Tropfen – auch jetzt. «Wir verkaufen gehobene Weine und Champagner, wie immer», sagt Loeb-Sprecherin Madeleine Elmer. Matthias Kuratli, zuständig für die Coop-Verkaufsregion Bern, pflichtet bei: «Man leistet sich eine gute Flasche.» Globus sieht das differenzierter. «Eine gewisse Zurückhaltung ist schon das ganze Jahr spürbar», sagt Globus-Sprecher Jürg Welti, es werde preisbewusster eingekauft. Habe man früher sechs teure Flaschen ausgewählt, nehme man jetzt nur drei und ergänze sie mit drei preiswerteren Weinen. Generell laufe es aber sehr gut. «An Feiertagen wollen die Leute nicht sparen», so Welti. Apérohäppchen, etwa Terrinen oder Chips, hätten bei Globus angezogen. Welti erklärt sich das so: «Die Leute nehmen den Apéro zu Hause und gehen dann auswärts essen.» Ähnlich ist die Beobachtung von Comestibles Ingredienza an der Kramgasse in Bern. Catering biete das Geschäft nicht mehr an, weil es sich nicht lohne: Viele Leute kochten für ihre Festchen zu Hause selbst. Gefragt seien hingegen hausgemachte Teigwaren, Olivenöle, Balsamico-Essig oder Sugo-Saucen.
«Kurzurlaub» beim Italiener
Auf Italianità setzt auch Ferrari an der Münstergasse in Bern. Mitinhaberin Monica de Simone weiss, was Italiener an Neujahr essen: Zampone (Schweinsfuss) und Lenticchi Del Anno Nuovo (Linsen). Zudem werde ein Panettone angeschnitten oder ein Torrone (Nougat) verzehrt. Die Kundschaft wolle im Laden an die Ferien in Italien erinnert werden, weshalb man sie auf Italienisch anspreche, wenn sie das «Schlaraffenland» (Eigenwerbung Ferrari) betrete.
Zum Dessert darfs in diesem Jahr etwas Exotisches sein. Migros wie Coop melden einen höheren Absatz von Papaya, Mango, Ananas und dergleichen.
Wein nicht für jeden Kunden
Herrscht also buchstäblich Friede, Freude, Eierkuchen, spart gar niemand? Doch, ein bisschen schon, heisst es dazu bei der Münsterkellerei in Bern. Christian Schmalvogel, der Leiter der Weinhandlung, hat festgestellt, dass zwar bei den Privatkunden kaum ein Sparverhalten festzustellen ist, dafür aber bei Geschäftskunden: «Viele Firmen überlegen sich in diesem Jahr genauer, ob sie dem Kunden X oder Y eine Kiste Wein zukommen lassen.» Und dann bevorzugten die Firmen Weine für 20 bis 30 Franken. Früher habe es auch mehr kosten dürfen.
Nachgefragt hat der «Bund» auch bei Ruth Gerber, besser bekannt als «Ruth’s Delikatessen». Seit 35 Jahren produziert sie Konfitüren, Pesto, Chutneys, aromatisierte Öle, Früchte in Alkohol, Sirup und dergleichen. Das Lädeli in Allmendingen ist nur die Spitze des Eisbergs: Schweizweit liefert es an 40 Wiederverkäuferinnen. «Es lief eher besser als sonst», habe sie von ihnen gehört. Zum Teil sei es aber so, dass zwar die Kundenzahl gleich geblieben sei, doch hätten Einzelne «etwas weniger gekauft».
Fazit: Sparen ist gut und recht, aber bitte nicht über die Festtage – und schon gar nicht beim Essen und Trinken. Man gönnt sich ja sonst nichts. (Der Bund)
Erstellt: 30.12.2009, 08:09 Uhr
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