Bei manchen findet der Festschmaus erst nach den Feiertagen statt
Von Simona Benovici. Aktualisiert am 04.01.2010
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38,5 Tonnen Lebensmittel für bedürftige Ostermundiger
Der Verein «Tischlein deck dich» verteilt seit zehn Jahren qualitativ einwandfreie Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs direkt an armutsbetroffene Menschen in der Schweiz. Es handelt sich um Produkte, die kurz vor dem Verfalldatum stehen, aus Überproduktionen stammen oder deren Verpackung beschädigt ist. Sie werden von 400 Unternehmen, darunter den Grossverteilern Coop und Migros, kostenlos zur Verfügung gestellt. Rund tausend ehrenamtliche Mitarbeiter nehmen an 67 AbgabeÂstellen die Verteilung der Produkte vor. Pro Woche werden so insgesamt 9300 Personen mit einer Warenmenge von insgesamt 1500 Tonnen Lebensmittel versorgt. Allein in der Abgabestelle Ostermundigen verteilten die freiwilligen Helfer im Jahr 2009 38,5 Tonnen Produkte an durchschnittlich 225 berechtigte Warenbezüger. Zu den Kunden von «Tischlein deck dich» zählen Familien, Migranten, AlleinÂerziehende sowie Kleinverdiener und sogenannte working Poor, Menschen also, die trotz Erwerbstätigkeit ihren Lebensunterhalt nicht vollständig selber bestreiten können. In der Schweiz sind von dieser Erwerbsarmut rund 147?000 Menschen betroffen. Ihr Einkommen liegt laut Bundesamt für Statistik im Schnitt mehrere Hundert Franken unter der Armutsgrenze. (sbv)
Weihnachten und Silvester ohne üppiges Festmahl? Für viele unvorstellbar – und für mindestens ebenso viele Realität. In einem Land wie der Schweiz, wo die Lebensmittelpreise im Vergleich zu Deutschland, Frankreich oder England rund ein Viertel höher sind, können es sich besonders Kleinverdiener und in Armut lebende Menschen nicht leisten, trotz vollen Gestellen bei den Grossverteilern die eigene Tafel während der Festtage im Dezember üppig zu decken. Seit zehn Jahren verteilt der Verein «Tischlein deck dich» qualitativ einwandfreie Lebensmittel und Waren, die aus Überproduktionen stammen oder nicht verkauft werden können, direkt an bedürftige Menschen in der Schweiz. Auch in Ostermundigen profitieren seit 2003 rund 225 Menschen von der kostenlosen Lebensmittelabgabe. Besonders an den ersten Tagen im neuen Jahr wartet auf sie eine reiche Warenauswahl und beschert so manch einem ein verspätetes Weihnachtsessen.
«Viel bleibt halt nicht übrig»
Eine Flasche Olivenöl, zwei Brotlaibe, sechs Joghurt, ein Beutel Reis, zwei Packungen Spinat, eine Dose Champignons, eine Flasche Mundspülung und zwei Tüten Chips. Die Ausbeute ist für den dreifachen Vater aus Gümligen von der Menge her zwar eher durchschnittlich, jedoch unbezahlbar. Was er im Kirchgemeindehaus Ostermundigen zum Preis eines symbolischen Frankens mitnehmen darf, hat einen Warenwert von rund 50 Franken; Geld, das er für Lebensmittel nicht einfach mir nichts dir nichts ausgeben kann, wie er erklärt. Seit drei Jahren kommt er deshalb alle zwei Wochen von Gümligen per Velo nach Ostermundigen, um seine Einkäufe im improvisierten Ladenlokal von «Tischlein deck dich» zu tätigen. Nichts, wofür er sich schäme, sagt er, denn schliesslich arbeiteten beide, er und seine Frau, um das finanzielle Auskommen der Familie zu sichern. «Aber Ende des Monats geht es immer gerade auf. Viel bleibt halt nicht übrig.» Besonders an den Festtagen belasten die hohen Preise das Budget der Familie. Extras liegen nicht drin. «Gemüse ziehen wir im eigenen Garten, Milch gibt es günstig beim Bauern nebenan.» Da kostet der Liter 85 Rappen weniger als im Supermarkt. Etwas aufatmen kann der Familienvater in den Neujahrstagen. Wenn der grosse Ansturm im Handel vorbei ist, profitiert er dank «Tischlein deck dich» unter anderem von den nicht verkauften Artikeln.
Spendenboom um Neujahr
«Wir verzeichnen in der Zeit nach Weihnachten und Neujahr jeweils eine Zunahme bei den Lebensmittelspenden», sagt Caroline Schneider von der «Tischlein deck dich»-Geschäftsstelle. «Letztes Jahr hatten wir Anfang Januar sogar Pralinen von Lindt & Sprüngli im Angebot.» Die Lebensmittelverteiler hätten nach Weihnachten ihre eigentliche Hochsaison, bestätigt auch Manuel Loeliger, Leiter der Regionalstelle «Schweizer Tafel» Bern-Freiburg.
Alle Waren sind noch einwandfrei
Mit ihren Kühlfahrzeugen holen freiwillige Fahrer von «Schweizer Tafel» täglich überschüssige Lebensmittel bei Grossverteilern, Produzenten und Detaillisten ab und verteilen diese gratis an soziale Institutionen wie «Tischlein deck dich», die wenig oder keine Unterstützung von der öffentlichen Hand erhalten. Allein im Vorjahr sammelte die «Schweizer Tafel» 312 240 Kilogramm Lebensmittel im Wert von rund zwei Millionen Franken ein, davon «tonnenweise» Panettone, Baumschmuck aus Schokolade, Gebäck und Güezi, die nach Weihnachten und Silvester übrig geblieben sind. «Nur Waren mit abgelaufenem Datum oder Verdorbenes dürfen die Lebensmittelspender nicht abgeben», sagt Loeliger. Was schlussendlich bei den sozialen Institutionen verteilt wird, bestimmen die Spender – auf Wünsche der Abnehmer kann nicht eingegangen werden. Zu gross wäre der zeitliche Aufwand, zu kurz das Zeitfenster, in dem die Lebensmittel ausgeliefert werden müssen, bevor sie verderben. «Eine Ausnahme sind haltbare Produkte, die von Grossverteilern oder Importeuren in grossen Mengen angeboten werden», sagt Loeliger. Ansonsten gilt: Was am Morgen geladen wird, muss am Abend ausgeliefert sein. «Ein guter Tag ist für uns dann, wenn nichts ins Lager zurückkommt.»
Produkt des Tages: Olivenöl
Für Hacer ist jeder Abgabetag ein guter Tag. Die 31-jährige gebürtige Türkin kommt seit einem Jahr regelmässig zur Lebensmittelabgabe in Ostermundigen. «Lebensmittel sind sehr teuer in der Schweiz», sagt sie. Ihr Mann sei arbeitslos, sie habe drei Kinder zu versorgen. Am meisten profitiere sie jeweils, wenn es Reis im Angebot habe. «Und die Kinder freuen sich über Biscuits und Knabberzeug.» Reis hat es heute zwar nicht, Hacers mitgebrachter Einkaufswagen füllt sich aber trotzdem rasch entlang der aufgebauten Ladenstrasse. Besonders freut sie sich über das Olivenöl. Dass dieses heute vorrätig ist, hat sich bereits in der Warteschlage vor dem Kirchgemeindehaus herumgesprochen. Ein seltenes und geschätztes Geschenk, das besonders auch 2010, dem europäischen Jahr gegen Armut, gern entgegengenommen wird. (Der Bund)
Erstellt: 04.01.2010, 07:55 Uhr


















