Behindertentransport wird immer mehr zum «Betagtentransport»
Tixi wird ein selbstständiger Verein
Seit zwei Wochen ist Tixi, ein Freiwilligenfahrdienst, der zu ermässigten Tarifen Fahrgäste befördert, ein selbstständiger Verein, wie Jürg Stampfli, Geschäftsführer der Betax, bestätigt. Damit ist der Fahrdienst für Menschen mit beschränkter Mobilität ein Sorgenkind los.
Bis vor zwei Wochen wurde Tixi innerhalb des Betax-Betriebes geführt. Doch die Kosten für den Tixi-Betrieb (Unterhalt Fahrzeuge, Administration, Disposition, Miete) konnten durch die Erträge nicht gedeckt werden – obwohl die Fahrer bei Tixi alle freiwillig und unentgeltlich arbeiten. Zudem erhielt Tixi seit 2008 keine finanzielle Unterstützung mehr von der öffentlichen Hand. Es entstanden jährliche Defizite von 50 000 Franken, wie Stampfli sagt. Diese wurden jeweils von der Betax getragen.
Schon länger wurde überlegt, wie es mit Tixi weitergehen soll. Sowohl die Einstellung als auch die Weiterführung als selbstständige Organisation wurden diskutiert. Nun hat sich Tixi für Letzteres entschieden. Als Verein versuche Tixi nun Gelder aufzutreiben, um das jährliche Defizit zu decken, sagt Stampfli.
Freizeitfahrten im Aufwind
Der Behindertentransport wird durch einen Leistungsauftrag der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern mit der Stiftung Behindertentransport Kanton Bern (BTB) finanziert und gesteuert.
Die BTB ihrerseits hat mit 45 Fahrdiensten im Kanton Bern Verträge. Schultransporte und Arbeitsfahrten gehören nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Die BTB ist lediglich für die Finanzierung von Freizeitfahrten zuständig.
Behindertentransporte dürfen nur von Personen in Anspruch genommen werden, die den öffentlichen Verkehr infolge einer Behinderung nicht oder nur teilweise benutzen können. Ende 2010 waren das rund 5500, davon 1800 (32%) im IV-Alter und 3700 (68%) im AHV-Alter. Die durchschnittliche Fahrtenzahl pro Benutzer betrug im IV-Bereich rund 40 Fahrten und im AHV-Bereich rund 23 Fahrten pro Jahr. Die Bruttokosten pro Fahrt betrugen 44 Franken.
Für weitere Infos zu Behindertentransporten: www.stiftung-btb.ch
Im Kanton Bern leben rund 5500 Menschen, die wegen einer Behinderung nur beschränkt oder gar nicht vom öffentlichen Verkehr profitieren können. Wollen sie einkaufen oder ins Kino gehen, sind sie auf Behindertentransporte angewiesen. Wie die aktuellsten Zahlen zeigen, nimmt die Nachfrage nach solchen Freizeitfahrten (siehe untere Box links) massiv zu: 2010 um 20'000 auf 157'200 Fahrten, wie Ronald Liechti, Geschäftsführer der Stiftung Behindertentransport Kanton Bern (BTB), sagt. Schon Mitte letztes Jahr musste die BTB deshalb die Notbremse ziehen, denn finanziell habe ein Desaster gedroht. So wurde einerseits eine Tarifanpassung gemacht. Andererseits leistete der Kanton eine Sonderzahlung von 500'000 Franken. Liechti: «Es war für uns ein grosses Glück, dass wir das Budget aufstocken konnten.»
«Fahrten nehmen deutlich zu»
16 vom Kanton subventionierte Fahrten haben die 5500 Menschen, die berechtigt sind, einen Behindertentransport zu beanspruchen, im Monat zugut. Rechnet man bei einem Ausflug mit einer Hin- und Rückfahrt, sind das noch acht Ausfahrten im Monat oder zwei in der Woche. Subventioniert heisst, dass die Kunden nur durchschnittlich 30 Prozent der Fahrkosten, die sich im Bereich der Taxipreise bewegen, übernehmen müssen. Die restlichen 70 Prozent werden vom Kanton getragen, erklärt Liechti. Bis jetzt habe man damit gerechnet, dass die Kontingente nicht aufgebraucht werden, sagt Annette Gfeller, stellvertretende Leiterin Abteilung Erwachsene im Alters- und Behindertenamt des Kantons Bern. «Doch seit einiger Zeit nehmen die Fahrten pro Person deutlich zu.»
Liechti beobachtet zudem, dass immer mehr AHV-Rentner den Behindertentransport nutzen – und das zum Teil auf Kosten jüngerer Menschen mit einer Mobilitätsbehinderung. Früher war der Anteil sogenannter IV-Fahrten laut Liechti deutlich höher als derjenige der AHV-Fahrten. Jetzt verschiebt sich dieses Verhältnis kontinuierlich zugunsten des AHV-Bereichs. Parallel dazu steigt auch der Anteil Fussgänger- gegenüber den Rollstuhltransporten, wie auch Jürg Stampfli, Geschäftsführer der Betax (siehe Box links oben) bestätigt. So wolle man denn bei der Betax das Transportangebot für Fussgänger ausbauen.
Finanzierung der AHV-Fahrten
«Die demografische Entwicklung dürfte dazu führen, dass die Schere zwischen AHV- und IV-Fahrten noch weiter auseinandergeht», sagt Liechti. Er steht dieser Entwicklung zwiespältig gegenüber. Zum einen sei es erfreulich, dass immer mehr ältere Menschen so lange wie möglich selbstständig zu Hause leben könnten, findet er. Zum anderen ist er aber besorgt darüber, dass der Behindertentransport zunehmend zum «Betagtentransport» werden könnte. Liechti: «Wir müssen Lösungen suchen, damit die IV-Kunden nicht an die Wand gedrückt werden.»
Diese Problematik ist auch dem Kanton bekannt, wie Annette Gfeller bestätigt. «Wenn wir schon propagieren, dass ältere Menschen möglichst lange zu Hause bleiben, müssen wir sie auch in ihrer Mobilität unterstützen», sagt sie. So sei man derzeit auf der Suche nach Lösungen für die Finanzierung der Freizeitfahrten, insbesondere im AHV-Bereich.
Behindertentransporte werden dieses Jahr vom Kanton Bern mit 5,66 Millionen Franken subventioniert. 2010 waren es 4,7 Millionen inklusive der bereits erwähnten Nachzahlung von 500'000 Franken.
Behindertentransporte im ÖV?
Liechti weiss, dass sich die Subventionen nicht endlos dem Bedarf anpassen werden. Es braucht auch andere Steuerungsmittel. Dazu gehören unter anderem die Erhöhung des Selbstbehalts sowie die Reduzierung der Fahrkontingente. «Wir sind uns bewusst, dass dies Gemeinheiten zuungunsten des Kunden sind», sagt Liechti.
Die stetige Zunahme von Transporten führt Liechti neben der demografischen Entwicklung, auf die Bedürfnisse und die Lebensumstände jüngerer Fahrgäste zurück. «Auch Menschen mit einer Behinderung wollen selbstständig und in einer eigenen Wohnung leben», sagt er. Doch da sich günstigere Wohnungen oft auf dem Land befinden, ergeben sich mehr teure Transporte in die Stadt.
Im Sinne der Integration und Gleichberechtigung von Menschen mit einer Behinderung stellt sich die seit Jahren diskutierte Frage, ob Behindertentransporte nicht Bestandteil des öffentlichen Verkehrs werden sollten. Denn auch wenn der öffentliche Verkehr zunehmend behindertengerecht und hürdenfreier gestaltet ist, wird es immer Menschen geben, die auf Spezialtransporte angewiesen sind, um ihre Freizeit aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.
(Der Bund)
Erstellt: 08.06.2011, 10:57 Uhr
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