Bern

Ballonfahrt als künstlerischer Akt

Von Fiona Ziegler. Aktualisiert am 09.08.2010

Vor hundert Jahren startete Eduard Spelterini mit dem Ballon von Mürren aus und überquerte die Alpen. Zum 100. Geburtstag dieser Alpenüberquerung feiert Mürren an diesem Wochenende den Ballonpionier und eröffnet eine Ausstellung zur Fluggeschichte.

Der Aufstieg als Sensation: Spelterinis Ballon Sirius startet am 12. August 1910 zur Alpenüberquerung ab Mürren. (zvg)

Der Aufstieg als Sensation: Spelterinis Ballon Sirius startet am 12. August 1910 zur Alpenüberquerung ab Mürren. (zvg)

«Er war einer der bekanntesten Ballonfahrer im In- und Ausland und ein Pionier in der Aeronautik», sagt Erwin Sautter, ehemaliger Kur- und Verkehrsdirektor von Mürren. Die Rede ist vom berühmten Abenteurer und Luftkünstler Eduard Spelterini. Für ihn war das Ballonfahren eine Berufung, eine Wissenschaft und ein performatives Engagement: So sang er vor jedem Start eine Arie und entkorkte dabei eine Champagnerflasche. Dann hob er mit seinem Wasserstoffballon ab und fuhr je nach Wind in unbekannte Richtung davon. Vor 100 Jahren erlebte Mürren dank ihm eine Sensation: Am 12. August 1910, gegen 13 Uhr, sang Kapitän Spelterini die Arie des Toreros aus Bizets Oper «Carmen», entkorkte eine Flasche Champagner, stieg bis auf 4000 Meter Höhe auf und überquerte die Alpen Richtung Turin. Zum Jubiläum dieser Alpenüberquerung wird in Mürren heute eine Ausstellung rund ums Fliegen eröffnet, und morgen früh um 6 Uhr hebt ein Ballon am selben Ort zur Alpenüberquerung ab, wo vor 100 Jahren Spelterini startete.

Mit dem Ballon über die Alpen

Die Idee mit dem Ballon die Alpen zu überqueren, hatte Spelterini bereits zwölf Jahre, bevor er in Mürren dazu ansetzte. Er liess im «Hinblick auf den wissenschaftlichen Zweck» seines Projekts einen besonderen Ballon konstruieren, der hoch genug steigen und lange genug in der Luft bleiben konnte. Sein erster Versuch, von Sion aus die Alpen zu überqueren, scheiterte: Der Ballon wich von der gewünschten Fahrtrichtung wegen ungünstigen Windes ab. Dieser Versuch vom 3. Oktober 1898 gab ihm aber die Gewissheit, dass die Alpen mit einem Ballon überquert werden können. Er notierte: «Ich hoffe, dass es mir vergönnt sei, später den Versuch zu wiederholen und damit der Wissenschaft einen Dienst zu erweisen.» Er wiederholte sein Vorhaben mehrmals: So startete er vom Eigergletscher, von Zermatt, Interlaken oder Chamonix. Am 12. August 1910 hob er schliesslich in Mürren ab. Und er hatte Erfolg: Das Wetter war gut, der Wind entsprach der angestrebten Richtung, und Spelterinis Ballon landete sechs Stunden später, nach Überquerung der Alpen, an den Abhängen des Monte Basso in Italien.

Die Welt von oben

1852 im Kanton St. Gallen geboren, wollte Spelterini eigentlich Opernsänger werden. In Paris entschied er sich dann aber, vom Konservatorium in die Luftfahrtakademie zu wechseln. Er wurde ein begnadeter Ballonfahrer, der nicht nur Passagierfahrten durchsetzte, sondern die Ballonfahrt auch als Wissenschaft sowie als künstlerischen Anlass verstand, schreibt Hans Degen in seinem Essay über Schweizer Pioniere in Wirtschaft und Technik. Neben seinen gesangsgewaltigen Starts dokumentierte Spelterini seine weltweiten «Luftexpeditionen» – wie er sie selber nannte – mit Fotos. So entstanden Luftaufnahmen, wie man sie damals nicht kannte. Spelterini fotografierte etwa Kairo, Moskau, Johannisburg, Zürich wie auch die Alpen aus der Vogelperspektive.

«Eine logistische Meisterleistung»

Spelterinis Exkursionen bedingten jeweils eine ausserordentliche Organisation. Um den Ballon in Mürren zu füllen, brauchte es beispielsweise den Inhalt von rund 200 Wasserstoffflaschen. Den aufwendigen Transport und das Lagern dieser Wasserstoffgasbehälter sei eine «für damals unvergleichliche, logistische Höchstleistung» gewesen, sagt Erwin Sautter, selbst passionierter Ballonfahrer. Die 200 Wasserstoffflaschen mussten von Lauterbrunnen via Umladestation Grütschalp nach Mürren transportiert werden. Einmal in Mürren angelangt, hievte man die 200 Flaschen dann mit Ross und Wagen von der Station zum Ablegeplatz. Dieser logistische Aufwand sei wohl der Hauptunterschied zu damals, sagt Sautter. Beim morgigen Ballonstart werde kein derartiges «Meisterwerk der Logistik» vollbracht werden müssen. Für Daniel Ganz, den Ballonfahrer der in Gedenken an Spelterini über die Alpen fährt, ist es «ein kleines Abenteuer». Dies, obwohl das Ballonfahren nicht mehr so risikoreich sei wie noch vor 100 Jahren. Die Alpenüberquerung von morgen sei für ihn wie Geburtstag feiern: «Man schaut zurück und merkt, wie wertvoll die Vergangenheit für die Zukunft ist.» (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2010, 09:47 Uhr

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