Neuer BKW-Präsident Gasche im Interview
Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 09.12.2009
Artikel zum Thema
Stichworte
Der BKW stehen hitzige Zeiten bevor
Nach 16 Jahren tritt Fritz Kilchenmann – Fürsprecher, Jahrgang 1946 – als Verwaltungsratspräsident des bernischen Energieversorgers BKW Ende Mai 2010 zurück. Neuer Präsident wird der bernische Finanzdirektor Urs Gasche (bdp) – Rechtsanwalt, Jahrgang 1955 –, der zu den Wahlen im März 2010 nicht mehr antritt. Gasche sitzt, zusammen mit Energiedirektorin Barbara Egger-Jenzer (sp), bereits heute als Vertreter der Regierung im Verwaltungsrat. Der Kanton hält mit 52,5 Prozent die Mehrheit der BKW-Aktien.
Während Kilchenmanns Amtszeit wurde das Unternehmen an der Börse kotiert. In Zukunft will die BKW, ebenso wie Axpo und Alpiq, in der Schweiz ein Atomkraftwerk bauen. Daneben ist sie an Kohle- und Gaskraftwerken in Deutschland und Italien beteiligt. Ihre Tochtergesellschaft Sol-E Suisse AG bearbeitet gegenwärtig rund 200 Vorhaben für erneuerbare Energien.
«16 Jahre sind genug», sagt Kilchenmann. Besonders die letzte Zeit sei intensiv und eine politische Herausforderung gewesen. «Die Politik sollte aber nicht glauben, dass wir ihr allein verpflichtet sind.» Besonders mühsam seien die langen Bewilligungsverfahren. Die Kritiker der BKW kümmerten sich oft nicht um Fakten. «Wir sind in der Schweiz die Ersten, die in erneuerbare Energien – Stichwort Windkraft im Jura – investiert haben, und nehmen dies ernst.» (sn)
Herr Gasche, als Regierungsrat treten Sie nicht mehr an, weil Sie sich mehr Zeit für Familie und Beruf wünschen. Nun laden Sie sich als BKW-Verwaltungsratspräsident aber ein zeitintensives Amt auf. Warum?
Dieses Amt fällt unter das Stichwort Beruf. Ich wollte in einem Alter mit der Politik aufhören, in dem ich die Chance habe, noch etwas zu machen – nun habe ich sie bekommen. Das Mandat wird zeitintensiv, aber ich werde wohl höchstens noch 40 Stunden pro Woche arbeiten und nicht mehr 70 wie im Moment. Es war mein Traum, etwas Sinnvolles zu machen, wofür ich die nötigen Kenntnisse mitbringe. Ich bin schon seit acht Jahren im BKW-Verwaltungsrat und kann nun Erfahrungen, die ich in der Politik und als Wirtschaftsanwalt gemacht habe, verwerten. Daneben kann ich noch etwas anderes tun, ohne gleich wieder 150 Prozent zu arbeiten.
Schon länger wird moniert, dass im Verwaltungsrat zu wenig Energiespezialisten und Frauen sitzen.
Ich bin tatsächlich nicht Energiespezialist im technischen Sinn. Aber es gibt Fachleute im Verwaltungsrat. Zudem ist der Direktionspräsident Ingenieur, Mitglieder der Geschäftsleitung ebenfalls. Das energietechnische Wissen ist also am richtigen Ort, nämlich auf der operativen Stufe. Ich bin überzeugt davon, dass auf der strategischen Ebene nicht technische Faktoren die hauptsächliche Herausforderung darstellen, sondern wenn schon rechtliche, politische und kommunikative.
Sie müssen aber bald erklären, wie man das Problem des knapper werdenden Stroms bewältigen kann.
Auch das ist eine politische und wirtschaftliche Frage, nicht primär eine technische. Theoretisch könnte man zum Beispiel eine Lücke mit Kohlekraftwerken schliessen. Wir könnten den Strom auch rationieren oder einkaufen.
Ist ein Politiker für den Posten des Verwaltungsratspräsidenten dank seinen Beziehungen vielleicht sogar die ideale Besetzung?
In der heutigen Situation ist die Verknüpfung der Erfahrungen, die ich mitbringe, sicher eine gute Voraussetzung. Mein Netzwerk werde ich auf jeden Fall nutzen können, auch über Kantons- und Landesgrenzen hinweg. Als ehemaliger Regierungsrat werde ich ein verlässlicher Partner für den Kanton sein, aber auch die privaten Aktionäre dürfen Loyalität von mir erwarten.
Wo wird die BKW mit Ihnen in fünf Jahren stehen?
Ich glaube, dass wir mit unserer Strategie der CO2-freien Stromproduktion auf dem richtigen Weg sind. In meinem Amt werde ich mich zudem dafür einsetzen, dass die BKW nicht in ihrer Entwicklung behindert wird.
Konkret heisst das, Sie wollen ein neues Atomkraftwerk.
Ja, aus meiner Sicht ist das der richtige Weg. Aus volkswirtschaftlichen und unternehmerischen Gründen sollte das Werk im Bernbiet stehen und unter der Federführung der BKW gebaut werden. Natürlich baut die BKW nicht allein, sondern mit Partnern. Wir wollen aber die Spezialisten im Kanton behalten und nicht alle Werke in der kleinen Schweiz auf einem Haufen bauen.
Sie sind nun nicht mehr an die komplizierte Sprachregelung der Regierung gebunden, die ungefähr lautet: Wir wollen kein neues AKW, aber wenn doch, dann hier in Bern.
Diese Aussage ist nicht unbedingt kompliziert. Wir sehen, dass CO2-freier Strom ohne KKWs zumindest eine Zeit lang noch nicht möglich sein wird. Die Regierung hat immer anerkannt, dass sich die BKW aus unternehmerischer Sicht für ein AKW einsetzen muss. Entscheiden soll letztlich das Volk, und dieser Entscheidung werden wir uns beugen. Die regierungsrätliche Haltung ist also sehr rational, deshalb habe ich als zukünftiger Verwaltungsratspräsident auch kein Loyalitätsproblem.
Hat Mühleberg grössere Chancen, wenn Rot-Grün die Wahlen verliert?
Das glaube ich nicht. Die Mehrheit der Regierung findet zwar, eine Welt ohne KKWs wäre eine bessere Welt. Gleichzeitig wissen wir, dass der Strom knapp wird. Deshalb muss man Konzessionen machen, und deshalb ist die Haltung der Regierung sehr differenziert.
Trotzdem: Sie werden bei der BKW nicht um Konflikte mit der Politik herumkommen. Wie sehen Sie Ihre Rolle in diesem Spannungsfeld?
In erster Linie werde ich dem Unternehmen verpflichtet sein. Meine Rolle wird sein, dafür zu sorgen, dass Argumente in würdiger Form ausgetauscht werden, und in geeigneten Gremien Entscheide fallen. Für die BKW ist durchaus geregelt, was im Verwaltungsrat, in der Unternehmensleitung oder durch die Politik entschieden wird. Auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung sind, ist das Verhältnis nicht belastet.
Sie legen Wert auf CO2-freie Stromproduktion. Was sagen Sie zu den Beteiligungen der BKW an Kohlekraftwerken in Deutschland?
CO2 ist wegen der Klimaerwärmung ein grosses Problem. Kohle halte ich also nicht für vorteilhaft. Deutschland aber hat sich politisch gegen Kernkraft und für moderne, sauberere Kohle entschieden. Deshalb ist unser Engagement nicht verwerflich. Zudem haben wir Verträge abgeschlossen, die wir nun nicht einfach kündigen können. Wir wissen auch noch nicht, ob das Volk unserer Strategie folgt, und müssen uns deshalb noch Alternativen offenlassen. (Der Bund)
Erstellt: 09.12.2009, 11:00 Uhr



































