Atomaufsicht gibt BKW vier Jahre Zeit

Das Ensi fordert aber Nachbesserungen am Nachrüstkonzept für Mühleberg. AKW-Gegner kritisieren die lange Frist scharf.

Abgebrannte Brennstäbe im AKW Mühleberg: Die BKW muss die Kühlung dieses Lagerbeckens verbessern.

Abgebrannte Brennstäbe im AKW Mühleberg: Die BKW muss die Kühlung dieses Lagerbeckens verbessern. Bild: Keystone

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Nach Fukushima forderte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) von der BKW Vorschläge, wie sie zwei gravierende Sicherheitsmängel im AKW Mühleberg beheben will: Nötig sei zum einen eine zusätzliche Notkühlung des Reaktors, die ohne Wasser aus der Aare auskommt. Zum andern müsse die Kühlung des Beckens verbessert werden, in dem die abgebrannten Brennstäbe lagern (siehe Bild).

Das Ensi kommt nun zum Schluss, dass die Vorschläge der BKW für eine solche Sicherheitsnachrüstung die Anforderungen «grundsätzlich erfüllen», wie die Nuklearaufsicht jüngst mitteilte. Zugleich fordert das Ensi aber bei einer langen Liste von offenen Punkten «eine vertiefte Prüfung und weitere Unterlagen» von der BKW. Mit der Ausnahme von Leibstadt fordert das Ensi bei allen AKW in der Schweiz Nachbesserungen der vorgeschlagenen Massnahmen, die gewichtigsten jedoch bei Mühleberg (siehe Box links).

Die BKW erhält eine neue Frist bis Ende Juni 2012, um die Nachbesserungen einzureichen. Danach will das Ensi diese prüfen. Bemerkenswert ist, dass das Ensi erstmals sagt, wie lange die BKW Zeit erhält, um die Nachrüstung danach zu bauen: 36 Monate ab der Freigabe durch das Ensi. Total wird es also rund vier Jahre dauern, bis die Sicherheitsverbesserungen bei einem Notfall tatsächlich funktionieren können.

Heftige Kritik an langer Frist

Dass das Ensi der BKW eine Frist von vier Jahren einräumt, stösst bei Jürg Joss von der Organisation Fokus Anti-Atom auf Unverständnis. «Solange derart grundlegende Sicherheitsmängel nicht behoben sind, ist es verantwortungslos, Mühleberg weiterzubetreiben», kritisiert Joss. «Das Minimum wäre, dass das AKW vom Netz genommen wird, bis die Nachrüstungen erfolgt sind.»

Das Ensi beruft sich in seiner Mitteilung darauf, dass «kein Ausserbetriebnahmekriterium» erfüllt sei und «keine unmittelbare Gefahr droht»; die Nachrüstung dürfe deshalb erfolgen, während das AKW in Betrieb ist. Darauf beruft sich BKW-Sprecher Antonio Sommavilla: «Weder die BKW noch das Ensi sehen einen Grund, die Anlage vom Netz zu nehmen.» Die BKW werde die vom Ensi geforderten Unterlagen «in der gesetzten Frist einreichen». Dass die BKW Nachbesserungen einreichen muss, ist für Sommavilla normal: «Die BKW hat Vorschläge erarbeitet. Es liegt in der Natur der Sache, dass man diese nachher im Detail weiter ausarbeiten muss.»Anders sieht es AKW-Gegner Joss: «Die BKW hat zwar ein Konzept vorgelegt, aber in entscheidenden Punkten hat sie noch gar nicht nachgewiesen, dass die Nachrüstung die Sicherheitsmängel beheben kann.» Joss verweist auf die offenen Punkte, die das Ensi auflistet.

Zu wenig Wasser für Kühlturm?

Als zusätzliche Notkühlung will die BKW einen kleinen Kühlturm bauen. In ihm soll die Wärme abgeführt werden können, die nach einer Schnellabschaltung im Reaktor verbleibt – und die durchaus ausreicht, um eine Kernschmelze auszulösen. Offenbar weiss die BKW aber noch nicht, wo genau auf dem Gelände sie den Mini-Kühlturm hinstellen will. Das Ensi jedenfalls kritisiert, es sei unklar, ob eine genügende «räumliche Trennung» zu zwei anderen Kühlsystemen bestehe. Die BKW müsse nachweisen, dass wenigstens eines von drei solchen Systemen einen Flugzeugabsturz auf das AKW überstehen würde.

Die Kühlung soll im Kühlturm einerseits mit Grundwasser, andererseits als Luft-Wasser-Kühlung mit Ventilatoren erfolgen. Laut Ensi ist aber unklar, ob dafür in Mühleberg genug Grundwasser vorhanden ist – und ob die Notstromdiesel genug Strom liefern. Auch dies muss die BKW auf Geheiss des Ensi erst noch nachweisen. Ebenso, ob der Kühlturm auch bei ungünstigen Wetterbedingungen, an einem trockenen und heissen Tag etwa, funktionieren würde.

Das Becken mit den abgebrannten Brennstäben will die BKW zusätzlich mit einem «Einhängekühlsystem» kühlen: Im Notfall würde ein Kühlblock eingeschaltet, in dem Kühlwasser zirkuliert – eine Art umgekehrter Tauchsieder, der zur Kühlung statt zur Erwärmung dient. Auch da fordert das Ensi etliche Nachweise, die erst zeigen werden, ob das System tatsächlich funktionieren kann. Nebenbei wird auch klar, dass die Mannschaft im Notstandsbunker gegenwärtig nicht einmal ablesen könnte, ob das Brennstabbecken noch mit Wasser gefüllt ist. Auch dies muss die BKW nachrüsten – aber erst bis 2013.

2012 wird entscheidendes Jahr

Ob die BKW dank der langen Fristen, die das Ensi für Nachrüstungen einräumt, Mühleberg wirklich über die Runden bringt, ist allerdings nicht klar. Denn 2012 wird das Ensi die nachgelieferten Unterlagen der BKW noch einmal prüfen. Bis März 2012 ist auch der Nachweis fällig, dass das AKW ein schweres Erdbeben inklusive Bruch des Wohlenseedamms überstünde. 2012 dürfte das entscheidende Jahr für das AKW Mühleberg werden. (Der Bund)

Erstellt: 17.11.2011, 06:43 Uhr

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Nur gerade beim AKW Leibstadt erfüllen die vorgeschlagenen Massnahmen für mehr Sicherheit die Anforderungen der Nuklearaufsicht Ensi. Bei den übrigen vier AKW fordert das Ensi Nachbesserungen der von den Betreibern eingereichten Vorschläge. Bei Mühleberg sind die Kritikpunkte am gewichtigsten (siehe Haupttext). Der Überblick zu den restlichen AKW:

Gösgen: Es muss nachgewiesen werden, wie ein Ausfall des Systems, das im Notstandsbunker den Zustand des Brennstabbeckens anzeigt, überbrückt wird.

Beznau I und II: Bei diesen zwei AKW fordert das Ensi etliche Zusatzabklärungen zu den vorgeschlagenen Massnahmen: Das externe Lager für abgebrannte Brennstäbe soll baulich verstärkt und ein neues Notkühlsystem für die Lager installiert werden.

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