Angst vor dem planerischen Wurf beim Bollwerk
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 27.04.2009
Als Martin Beutler vor drei Jahren den Gerüstturm des Künstlers Ronny Hardliz auf der Stadtseite der Lorrainebrücke bestieg, hatte er ein Aha-Erlebnis. Der Blick von der temporären Baute aus luftigen 25 Metern Höhe eröffnete neue Perspektiven. «Ich habe zum ersten Mal die Funktion der Hodlerstrasse als Prachtstrasse begriffen», sagt der Architekt, der selber auch Kunstschaffender ist. Die Strasse sei direkt auf den Eingang der Reitschule hin ausgerichtet. Die Achse wurde und wird von repräsentativen Gebäuden wie dem Kunstmuseum, dem Amthaus und dem 1936 abgerissenen Naturhistorischen Museum geprägt.
Beutler und seine Kollegen Andreas Blumenstein und Konrad Tobler begannen, über die einstige Bedeutung und das heutige schlechte Image des Perimeters zwischen Waisenhausplatz und Reitschule nachzudenken. Als der Stadtrat einen Vorstoss des Grünen Bündnisses (GB) zur Neugestaltung der Schützenmatte überwies, wurden die drei Männer vom Stadtplanungsamt beauftragt, den Ist-Zustand und das Potenzial der sogenannten Neustadt, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, zu analysieren.
Von Gewalt geprägt
Gemäss den Autoren liegt ein wichtiges städtisches Gebiet brach, weil an diesem Ort eine Kollision der Nutzerinteressen stattfindet. «Gewalt in den verschiedensten Erscheinungsformen prägt das Ambiente.» Es dominierten machtbetonte Regeln, welche die Öffentlichkeit des Raumes infrage stellten. «So etwa der Verkehr, die Reitschule, der Vorplatz und der Drogendeal.» Aber auch der Bahnviadukt sei eine «planerische Knacknuss», da er die Neustadt wie ein Riegel von der Länggasse abtrenne. Das schlechte Image der Gegend werde von verschiedenen Seiten politisch instrumentalisiert.
«Ball liegt bei Stadtplanung»
Historisch betrachtet, sei der Perimeter mit der Neuen Mittelschule (der einstigen Mädchenschule), dem Progymnasium und der Universität ein Bildungsstandort gewesen. Heute komme das städtebauliche Potenzial des Raumes aber nicht zum Tragen. Das Bollwerk sei mehr Schneise als Boulevard, die Vernetzung von Schützenmatte und Bollwerk sei nicht gegeben, und die Aarekante sei alles andere als ein reizvoller Übergang zwischen urbaner Innenstadt und Naherholungsgebiet. Für die Autoren des Berichtes ist offensichtlich, dass es einer Gesamtplanung bedarf, um die Neustadt ökonomisch zu stärken. Der Ball liege bei der Stadtplanung. «Es braucht grosse, gebündelte Anstrengungen und klare Entscheidungen, um den Ist-Zustand zu verbessern.» Der Raum Bollwerk entwickle sich zwar auch ohne gezielte Interventionen. «Wird jedoch nichts unternommen, dominieren die negativen Kräfte. Die Verwahrlosung wird zunehmen.» Zur Umsetzung langfristiger Verbesserungen brauche es einen «politischen Entscheidungswillen, der Konfrontationen nicht scheut.» Parkplätze dürften ebenso wenig ein Tabu sein wie die öffentliche Sicherheit, halten die Autoren fest.
Tiefbau statt Höhenflug
Die längerfristige Perspektive und der gedankliche Höhenflug stehen für den Gemeinderat zurzeit aber nicht im Vordergrund. «Konzeptionelle Überlegungen» wolle die Stadtregierung erst anstellen, wenn die Folgen des Bahnhofausbaus und des autofreien Bahnhofplatzes geklärt seien, heisst es in der Antwort auf den GB-Vorstoss. Dies werde aber noch rund zwanzig Jahre dauern.
Die Stadtregierung räumt grundsätzlich aber ein, dass die heutige Gestaltung des Raums Schützenmatte städtebaulichen Ansprüchen an ein citynahes Gebiet nicht genügen könne. Im Vordergrund stünden zurzeit aber «mittelfristige Strategien» wie die Verrichtung «diverser Tiefbausanierungsprojekte», die im Gebiet ohnehin anstünden.
Neuanordnung der Parkplätze
So müssten etwa die Leitungen von Energie Wasser Bern (EWB) erneuert werden, und auch der 30-jährige Asphaltbelag des Parkplatzes auf der Schützenmatte müsse saniert werden, hält der Gemeinderat fest. Die «Schütz» als solche solle als Parkplatz für Autos und Cars sowie als Chilbiplatz und Kundgebungsort weiter bestehen. Hierfür sei bereits ein Betriebs- und Gestaltungskonzept entworfen worden, das eine Neuanordnung der Parkplätze von Autos und Cars beinhalte. Dabei, so die Stadtregierung, sei ein Verzicht auf zehn Parkplätze nötig. Für Car-Reisende ist die Errichtung eines Dachunterstandes mit WC-Anlage und Getränkeautomat geplant. Der Gemeinderat schliesst die Aufhebung der Parkplätze nicht aus, falls das Park+Ride Neufeld ausgebaut wird. Im Übrigen verweist der Gemeinderat auf den vor Jahren erfolgten Abbruch des Fahrlehrerhäuschens unter der Eisenbahnbrücke und stellt die Errichtung der ebenfalls seit Jahren geplanten Skateranlage in Aussicht.
Blick aufs Ganze verloren
«Die Politik ist seit Jahren symptomfixiert und auf Einzellösungen bedacht, wenn nicht gar hilflos», halten die Autoren des Berichts fest. Dabei gehe der Blick aufs Ganze verloren. «Zu wenig bewusst ist, wie wichtig für den Raum zum Beispiel die Hodlerstrasse ist.» (Der Bund)
Erstellt: 27.04.2009, 10:58 Uhr
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