Bern
«Angetrieben vom heiligen Zorn»
Buchpräsentationen
Buchpräsentationen mit Marianne Spiller und Thomas Gröbly:
• Donnerstag, 9. Juni, 19.30 Uhr, Gemeindebibliothek Hinterkappelen.
• Mittwoch, 15. Juni, 19.30 Uhr, Calvinhaus Bern.
Die ganzheitliche Perspektive im Buch
Im Buch «Hunger nach Gerechtigkeit – Perspektiven zur Überwindung der Armut» (Hrsg. Thomas Gröbly, Helden Verlag, 39.80 Franken) wird einerseits die Stiftung ABAI vorgestellt.
Verschiedene Porträts von Menschen sowie kraftvolle und farbige Bilder vermitteln einen spannenden und informativen Eindruck vom Leben in Brasilien. Andererseits lassen die rund zwanzig Autoren ihren Blick auch auf den grossen Fragen ruhen: Wem gehört das Land? Wer hat ein Recht auf Wasser? Was macht eine sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit aus, und welche Rolle spielt die Schweiz?
Das Buch bietet einen Querschnitt zur aktuellen Debatte über Entwicklungshilfe – aber immer aus ganzheitlicher Perspektive: dass nicht nur dem Menschen, sondern auch der Natur geholfen werden muss.
Die Stiftung ABAI - Vida Para Todos
ABAI steht für «Associação Brasileira de Amparo à Infância» – Brasilianischer Verein zur Unterstützung von Kindern. Ausgehend von der Initiative von Marianne und Gerhard Spiller gründete 1979 eine Gruppe von Freunden aus der Schweiz und aus Brasilien den Verein – heute ist es eine Stiftung. Im Fokus des privaten Hilfswerks stehen arme Familien aus der Region. Den Problemen, welche die Armut mit sich bringt, begegnet das Hilfswerk mit den Schwerpunkten Erziehung, Gesundheit und Agrarökologie. In einem Tagesheim werden über hundert Kinder und Jugendliche betreut, denen auch Berufs- und Weiterbildungskurse angeboten werden. Eine Wohngemeinschaft begleitet zwanzig alkohol- und drogenabhängige Männer auf ihrem Entzug.
Auf dem Landwirtschaftsbetrieb, der zur ABAI gehört, werden 67 Hektaren Land nach biologischen Richtlinien bewirtschaftet. Kleinbauern aus der Umgebung, aber auch Kinder und Jugendliche lernen dort, den fruchtbaren Boden zu erhalten und wie wichtig der Schutz der Natur ist. Rund vierzig brasilianische Mitarbeiter und einige Schweizer Volontäre teilen sich die Aufgaben in der Stiftung. Der Jahresrechnung 2010 ist zu entnehmen, dass sich der Betriebsaufwand der Stiftung auf gut 680 000 Franken beläuft. Ein Grossteil der Spenden – gut 93 Prozent – stammt aus der Schweiz, weitere aus Deutschland und Brasilien.
Mit einem dicken Buch unter dem Arm reist Marianne Spiller-Hadorn durch die ganze Schweiz. Die adrette Siebzigjährige spricht in klaren und druckreifen Sätzen über ihr Leben und ihre Arbeit; beides hat sie den Armen in Brasilien gewidmet. Sie ist auch nach vier Dekaden voller Tatendrang, will über die Bekämpfung der Armut reden, will aufmerksam machen auf das Geschäft mit dem Wasser, will Geld sammeln für die Stiftung ABAI (siehe Box «Die Stiftung ABAI» links unten).
Als Tochter eines erfolgreichen Genetikers und Professors und einer Lehrerin kommt Marianne Spiller früh mit dem Sozialismus in Berührung. Mit zwanzig liest sie die «Geografie des Hungers» von Josué de Castro, dem brasilianischen Arzt und Präsidenten der «Food and Agriculture Organisation». Das hat sie beeinflusst. Wie auch die Strassenarbeit als Volontärin beim französischen Priester Abbé Pierre. Sie heiratet Gerhard Spiller und gemeinsam beschliesst das junge Paar, nach Brasilien auszuwandern und dort ein Lebenswerk aufzubauen. «Eigentlich wollte ich in den Norden Brasiliens», sagt Spiller. Die Bevölkerung dort sei noch viel ärmer als im Süden. Aber der katholische Erzbischof Dom Hélder Câmara, der Ende der 60er-Jahre auch in Zürich spricht, rät dem Paar, im Süden zu beginnen – «ohne auch nur einen Grund anzugeben». Also reisen sie in die Gemeinde Mandirituba, die im hügeligen und bewaldeten Landesinnern liegt, mehrere Hundert Kilometer entfernt von Rio de Janeiro und etwa so gross ist wie der Kanton Aargau. «Damals war dort alles Busch und furchtbar exotisch», sagt Spiller. Gerhard und Marianne Spiller adoptieren drei Kinder und lassen sich nieder. Als sie von einem Tag auf den anderen als alleinerziehende Mutter dasteht, weil ihr Mann andere Lebenspläne verfolgt, kehrt sie zurück in ihre Heimat, die Schweiz. Aber die Erlebnisse in Lateinamerika lassen sie nicht los: «Das Leben dort ist viel interessanter, weil es unabsehbarer und offener ist.»
Ein lebenswertes Leben
Die Frage, mit der sich die Schweizer Jugend Ende der 70er-Jahre umtreibt, nämlich, was das Leben lebenswert macht, beantwortet die damals 41-jährige Spiller für sich: Gemeinsam mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn fliegt sie erneut nach Brasilien und gründet dort das Kinderhilfswerk ABAI. Das ist nun dreissig Jahre her. 2005 wurde sie als eine der 1000 «FriedensFrauen Weltweit» für den Friedensnobelpreis nominiert.
Alkohol – der Feind
Ihre Augen blitzen und leuchten, wenn sie vom Leben dort erzählt. Alkohol und Drogen seien das grösste Problem der Volksgesundheit in Brasilien. «Auch ohne Geld kann jeder jederzeit zu Schnaps kommen», und der hohe Alkoholkonsum führe zu viel Gewalt: «Ich habe so viele Mütter gesehen, die ihre Söhne beerdigen mussten, weil sie in schlechte Kreise kamen, tranken, gewalttätig wurden und in kriminelle Aktivitäten verwickelt waren.» Deswegen wird im ganzen Hilfswerk kein Alkohol ausgeschenkt und getrunken. Nebst der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen werden auch alkoholsüchtige Männer auf ihrem Weg in ein suchtfreies Leben begleitet.
Nicht erst seit Brasilien ist die Entwicklungshelferin abstinent – bereits in jungen Jahren beschliesst sie, keinen Tropfen Alkohol zu trinken, «aus Solidarität zum Elendsalkoholismus», den es früher auch in der Schweiz gegeben habe.
Souveränität wahren und stärken
Anstatt Alkohol trinkt sie Kaffee, ein solcher steht auch während des Gesprächs auf dem Restauranttisch. Man hört ihr gern zu. Und sie lacht viel. Die ausgewählten Worte geben einen kleinen Blick frei auf das Innenleben Marianne Spillers. Was sie alles erlebt und gesehen hat, kann nur erahnt werden. Trotzdem ist sie nicht desillusioniert, kämpft immer weiter für ihre Sache: «Das Wichtigste ist, dass man sich nicht entmutigen lässt und auch einmal zufrieden ist mit dem, was man erreicht hat.» Den schweizerischen Perfektionismus musste sie dafür ablegen. Wenn sie so wie jetzt für einige Wochen dem Samba und der Armut Lateinamerikas den Rücken kehrt und in der Schweiz weilt, wohnt sie bei ihrer Schwester und deren Familie in Wohlen bei Bern. Mit dem soeben erschienenen Buch «Hunger nach Gerechtigkeit» (siehe Box links oben), ist sie momentan auf Lesetour durch die ganze Schweiz, zusammen mit dem Herausgeber des Buches, dem Ethiker Thomas Gröbly. Die beiden wollen damit zur Bewusstseinsbildung beitragen und aufzeigen, welche Lösungsansätze der wachsenden Armut entgegengestellt werden können. Besonders wichtig ist ihr, dass mit der Entwicklungszusammenarbeit keine wirtschaftlichen Eigeninteressen verfolgt werden. «Die Souveränität der Bevölkerung muss gewahrt und gestärkt werden», sagt Spiller. Das könne nur mit Nähe erreicht werden. Niemals möchte sie anderen ihre eigenen Lösungen aufzwingen; «alles entsteht im Dialog und in Partnerschaften».
Kritik an der Ökonomisierung
«Unser Hilfswerk ist nicht religiös.» Zu dem Zeitpunkt, als sie das Hilfswerk aufbaute, sei die Befreiungstheologie in Brasilien auf dem Höhepunkt gewesen: «Die Kirchen stellten sich auf die Seite der Armen, damit konnte ich mich komplett identifizieren», so Spiller. Bischöfe und hohe Kirchenmänner zählen zu ihren engsten Freunden. Sie glaubt jedoch an den Holismus. Die Ganzheitslehre besagt, dass alles vernetzt, alles eins ist. Diese biozentrische Sicht auf die Welt ist ihr sehr wichtig: «Die Erde gehört nicht uns, sondern wir sind ein Teil der Erde», sagt Spiller. Gerade in Schwellenländer wie Brasilien sei alles auf Wachstum ausgerichtet, durch die Ökonomisierung werde alles zur Ware, kritisiert Spiller, «sogar das Wasser!». Eine natürliche Lebensgrundlage wie Wasser sei zu einem Geschäft geworden.
Jedes Mal, wenn Spiller über eine Ungerechtigkeit redet, verwandeln sich ihre Lach- in Zornesfalten. Sie sagt selbst, dass sie von einem «heiligen Zorn» über das Unrecht angetrieben werde. Für die intensive industrielle Landwirtschaft werde viel Wald gerodet, damit mehr Land für den Anbau zur Verfügung steht. «Wasserquellen brauchen aber genügend Wald, damit sie geschützt sind und nicht verschmutzt werden.» Nebst dem Kampf gegen die Armut arbeitet Spiller deshalb seit mehreren Jahren an einem Projekt, das Quellen schützen soll.
Schweizer Wurzeln bleiben
Marianne Spiller macht kein grosses Wesen aus ihrer Person und zugleich wirkt sie willensstark. Ihre Schweizer Wurzeln wolle und könne sie nicht abstreifen: «Ich pickle, schaffe und bleibe meinen einmal gefassten Vorsätzen treu.» Von den Brasilianern habe sie gelernt, den Problemen des Lebens mit einer gewissen Leichtigkeit zu begegnen. Heimisch fühle sie sich sowohl in Brasilien als auch in der Schweiz. Einen Haken findet sie jedoch an der ehemaligen portugiesischen Kolonie: «Wer in Brasilien etwas bewirken will, muss zuerst die riesige Bürokratie überstehen.» Für jede Bewilligung brauche es Dutzende Stempel, beglaubigte Unterschriften und jeder wolle vorher noch Bares sehen. Sie habe aber nie unter der Korruption gelitten, sagt Spiller. Vor allem, «weil ich politisch unabhängig geblieben bin und mich nie gross um die lokalen Machtkämpfe gekümmert habe». Sie arbeite mit Methoden des gewaltfreien Widerstands, welche die «Unterdrücker» mit einbezieht. So hat sie der Forderung eines Bürgermeisters, der Wasser aus dem stiftungseigenen Brunnen für die ganze Gemeinde wollte, nachgegeben. Denn sie ist der Meinung, dass natürliche Ressourcen öffentliches Gut sind, das allen zugänglich sein sollte.
In Mandirituba wohnt Spiller in einem kleinen Haus mitten auf dem Gelände der Stiftung ABAI. Um sechs Uhr in der Früh steht sie auf und geht in ihr Büro. Seit sie 2009 die Leitung der Stiftung an Heidi Wyss abgegeben hat, habe sie mehr Zeit für «Networking». Sie pflegt internationale Beziehungen, arbeitet an ihrem Wasserschutzprojekt und widmet sich einer anderen Leidenschaft, dem Theater: «In einem Theater, in dem die Menschen selber mitspielen, können gut ökospirituelle und politische Gedanken vermittelt werden.» (Der Bund)
Erstellt: 08.06.2011, 09:59 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
Bern
Online-Wettbewerb
Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.
Jetzt wechseln und sparen
Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.
Flugpreise vergleichen
Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Bitte warten



























