Alarm am Stadttheater Bern
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 17.12.2008
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Auch Basel und Luzern kämpfen
Im Vergleich zu den Theatern Luzern und Basel, die beide über deutlich mehr Mittel verfügen (siehe Haupttext), steht das Stadttheater Bern – was die Auslastung betrifft – nicht schlecht da: Beim Theater Luzern, das bei den Eintrittsgeldern eine Stagnation verzeichnet, beträgt die Auslastung im Musiktheater 56 Prozent, im Schauspiel 48 Prozent und im Tanz 43 Prozent.
Am Theater Basel, dem grössten Theater der Schweiz, spricht man nach der zweiten Saison des Intendanten Georges Delnon trotz eines Defizits von 700'000 Franken aufgrund eines Publikumszuwachses von 7000 Zuschauern von einem leichten Aufwärtstrend: Bei den Neuinszenierungen auf der grossen Bühne wird im Musiktheater eine Auslastung von 50 Prozent vermeldet, beim Schauspiel 58 Prozent. Am gefragtesten war in Basel das Ballett, das mit einer Auslastung von 74 Prozent auftrumpft. (bnb)
Henri Huber nimmt kein Blatt vor den Mund: «So geht es nicht mehr weiter. Wir haben einen neuen Intendanten mit neuen Ideen und eine neue Spielstätte, aber uns geht es miserabel, es fehlt an allen Ecken und Enden.» Als Ursache für dieses Malaise ortet der Präsident der Theatergenossenschaft die denkbar schlechten Rahmenbedingungen, die ein strukturelles Defizit nach sich ziehen würden. Dazu gehören unter anderem der seit der letzten Sanierung von 1985 sträflich vernachlässigte Zustand des Gebäudes sowie die fehlende Teuerung bei den Subventionen. Ins Gewicht fällt weiter, dass das Theater über die 4,9 Millionen Franken, mit denen das Berner Symphonieorchester für seine Auftritte am Stadttheater entschädigt wird, nicht frei verfügen darf. «Dies führt zu grossen Zwängen bei der Disposition, die die künstlerische Freiheit des Theaters massiv einschränken.» Dass das Theater trotzdem zum dritten Mal hintereinander schwarze Zahlen schreibt, freut Huber nicht. «Sie täuschen eine falsche Realität vor.»
Neues hat es schwer
Die Bilanz, die gestern Abend an der Jahresversammlung der Theatergenossenschaft präsentiert wurde, ist ernüchternd: Die Besucherzahlen, die in der letzten Saison von Eike Gramss mit 88378 Besuchern 2007 ein historisches Tief erreicht haben, sind weiter eingebrochen: So verzeichneten das grosse Haus am Kornhausplatz und die Vidmarhallen zusammen nur noch 84626 Eintritte.
Ins Gewicht fällt dabei vor allem der Besucherrückgang in der Sparte Musiktheater, die auch in den Jahren des Abwärtstrends meist eine Auslastung von mehr als 70 Prozent aufgewiesen hat und nun nur noch 62 Prozent beträgt. Aus der Statistik lässt sich noch ein weiterer wenig erfreulicher Trend ablesen: Am Stadttheater sind im Musiktheater vor allem bekannte Produktionen gefragt. So sind populäre Stoffe wie «Il barbiere di Siviglia» und das Musical «My Fair Lady» mit einer Auslastung von 85 bzw. 84 Prozent klare Spitzenreiter. Nicht angekommen ist trotz positiver Kritiken dagegen die zeitgenössische Oper «Prova d’orchestra» (29 Prozent). «Mit dem habe ich gerechnet», sagt Marc Adam, der neue Intendant. «In Lübeck habe ich bei meinem Antritt eine ähnliche Bewegung erlebt, doch dann ist es uns gelungen, das Opernpublikum für Neues zu begeistern.»
Neues Publikum im Schauspiel
Ein etwas anderes Bild bietet sich im Schauspiel: Hier ist es Schauspielchef Erich Sidler mit der neuen Spielstätte in den Vidmarhallen offensichtlich gelungen, ein neues und jüngeres Publikum anzuziehen. Zwar sind auch hier Klassiker wie «Die schwarze Spinne» (78 Prozent) und «Viel Lärm um nichts» (65 Prozent) an der Spitze; doch auch die Schweizer Erstaufführung von Enda Walshs «Homefront» hat es auf 54 Prozent gebracht. Ziemlich desolat präsentiert sich die Situation im Ballett. Magere 34 Prozent beträgt die Auslastung in der ersten Saison der neuen Tanzchefin Cathy Marston.
Rückläufig ist auch die Zahl der Abonnemente, die sich in den letzten zehn Jahren von über 6000 auf 3000 halbiert hat. Trotz des Besucherschwunds schliesst die Jahresrechnung des Theaters mit einem Überschuss von 6000 Franken ab. Dieses buchhalterische Kunststück erklärt Henri Huber folgendermassen: «Zum einen haben wir sehr sorgfältig budgetiert, zum andern sind die Produktionskosten in den Vidmarhallen bedeutend niedriger als im grossen Haus.» So reisse dort ein Flop wie «Lulu» ein so grosses Loch in die Kasse wie deren zehn in den Vidmarhallen.
Enttäuscht vom Kanton
Huber weist weiter darauf hin, wie schlecht Bern im Vergleich mit Luzern und Basel dastehe, wenn man die direkten Subventionen auf die Zahl der Einwohner aufrechne. In Luzern betragen diese bei rund 60000 Einwohnern 20 Millionen Franken, also 330 Franken pro Einwohner. In Basel wird bei 46 Millionen Franken Subventionen und 170000 Einwohnern 270 Franken pro Kopf aufgewendet, in Bern sind es bei 23 Millionen Subventionen und 120000 Einwohnern 190 Franken. Huber macht zudem keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über die Haltung des Kantons, der in seiner neuen Kulturstrategie entgegen dem Trend in anderen Kantonen das Musiktheater und das Berner Symphonieorchester nicht kantonalisieren will.
«Jetzt muss die Politik entscheiden», sagt Henri Huber. «Entweder stellt man uns in der nächsten Subventionsperiode ab 2012 mehr Geld zur Verfügung, damit wir die bisherigen Leistungen erbringen können, oder wir sind gezwungen, das Angebot zurückzufahren und den finanziellen Mitteln anzupassen.»
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Erstellt: 17.12.2008, 15:04 Uhr



































