Bern

14 Stunden rollen, schwimmen, radeln, laufen

Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 08.07.2010

Simone Rufener stellt sich am Samstag der Herausforderung Gigathlon in Thun.

Der Neoprenanzug ist Pflicht: Auch Simone Rufener darf am Wochenende nur darin schwimmen. (Alexander Anderhuben)

Der Neoprenanzug ist Pflicht: Auch Simone Rufener darf am Wochenende nur darin schwimmen. (Alexander Anderhuben)

Wahrscheinlich klopft Simone Rufener am Samstagmorgen noch jemandem auf die Schulter. Oder irgendwer wünscht umgekehrt ihr auf diese Weise viel Glück für das zweitägige Abenteuer namens Gigathlon. Es sind diese kleinen Gesten, die den Unterschied zwischen dem Gigathlon und einem ganz gewöhnlichen Triathlon ausmachen. Man könnte auch sagen: Der Gigathlon ist die volkstümliche, familiäre Variante eines sportlichen Anlasses.

Schon das Wettkampfreglement sorgt dafür, dass der Anlass nicht zu einem blossen Kampf verkommt: Windschattenfahren beispielsweise ist erlaubt – bei anderen Langdistanzrennen ist es hingegen verboten.

Allein unterwegs

Simone Rufener schätzt genau das am Grossanlass Gigathlon: «Dass man sich auf diese Art gegenseitig helfen darf, finde ich toll. Der Teamgedanke steht hier sehr im Vordergrund.» Die 32-jährige Thunerin muss es wissen: Sie kennt die üblichen Triathlon-Rennen aus Erfahrung und nimmt nun bereits zum zweiten Mal am Gigathlon teil. In diesem Jahr allerdings alleine. Sie startet als sogenannte Single-Athletin und zählt damit zu jener Kategorie von Sportlerinnen und Sportlern, welche die fünf Disziplinen nicht im Zweier- oder Fünferteam, sondern alleine absolvieren.

14 Stunden Anstrengung

Schätzungsweise 12 bis 14 Stunden pro Tag wird sie unterwegs sein: Mit den Inlineskates – der modernen Variante von Rollschuhen – an den Füssen, per Rennvelo, schwimmend, auf dem Mountainbike und laufend. Stunden, in denen sie die unterschiedlichsten Landschaften durchqueren, wechselnde Witterungen erleben und die unterschiedlichsten Begegnungen mit Zuschauern oder aber auch anderen Athleten haben wird.

Rufener gerät darob ins Schwärmen, spricht davon, all diese Momente «aufsaugen» zu wollen. Sie freut sich darauf, das «Oberland, das so viel zu bieten hat, in solcher Intensität erleben zu dürfen» – und verliert kein Wort über die körperliche Anstrengung, die sie ja auch erwartet.

Problemzone Magen

Rufener zuckt mit den Schultern: Natürlich sei der Gigathlon vorab auch eine physische Herausforderung. Doch darauf hat sie sich akribisch vorbereitet. Angst, den Wettkampf körperlich nicht durchstehen zu können, hat sie deshalb nicht. Aber den nötigen Respekt: Vor den Bergen, welche sie überqueren muss, und weil sie nicht weiss, ob nicht plötzlich doch die Achillessehne etwas zwickt. Oder der Magen rebelliert.

Rein theoretisch zumindest hat sie aber die Problemzonen im Griff: Um eine Sehnenentzündung auszuheilen, hat sie in der Vorbereitungszeit sechs Wochen sportlich pausiert. Bis jetzt haben sich die Schmerzen trotz intensivem Training im letzten Monat nicht wieder zurückgemeldet. Und Rufener gewinnt der Zwangspause mittlerweile Positives ab: «Ich bin nun noch frisch und nicht ausgepowert.»

Nur noch Gels zum Essen

Um den Magen während der Belastungsprobe nicht zu überreizen, ernährt sich die Sportlerin ausschliesslich von Kohlehydrat- und Proteingels und entsprechenden Getränken. Und wie geht sie mit der gebirgigen Herausforderung des Wettkampfs um? Immerhin sind 7500 Höhenmeter zu absolvieren. Auch dafür hat Rufener ein Rezept: Gedankenkontrolle.

Will heissen, nicht schon an die Berge denken, wenn man noch im Flachland unterwegs ist, nicht das Schwimmen im Lungerersee vor Augen haben, wenn man noch am Anfang der Inlineskate-Strecke steht, nicht den Lauf von Matten bei Interlaken nach Thun gedanklich absolvieren, wenn die Füsse noch in den Veloschuhen stecken, sich nicht schon mit dem Sonntag auseinandersetzen, wenn noch nicht einmal der Samstag vorbei ist.

Eine voll ausgefüllte Freizeit

Im Minimum fünf und maximal zwanzig Stunden pro Woche trainiert Rufener in der Regel. Leben kann sie vom Triathlon nicht. Sie arbeitet deshalb vollzeitlich auf ihrem gelernten Beruf als Arztgehilfin. Die Freizeit indes widmet sie fast ausschliesslich dem Sport. Verbrachte sie früher diese Stunden im Ballettstudio oder als Kunstturnerin in der Turnhalle, bewegt sie sich seit vier Jahren als Triathletin nur noch draussen. Der späte Wechsel der Sportart habe sich gelohnt, findet Rufener, die sich dadurch auch ein ihr bis dahin völlig unbekanntes soziales Umfeld erschlossen hat. Nur etwas verdrängt sie gerne: «Über die finanziellen Ausgaben in diesem Sport darf ich nie nachdenken», sagt sie und lacht.

Am Wochenende werden ihr ein Freund und eine Freundin als sogenannte Supporter beistehen. Kann sie in der Wechselzone den Neoprenanzug nicht selber schliessen, dürfen die Supporter helfen. Vergisst sie in der Aufregung den Velohelm anzuziehen, dürfen ihn ihr die Freunde aufsetzen. Sie sorgen auch dafür, dass in den Wechselzonen alles nötige Material bereit liegt – inklusive Nahrung. Nicht zuletzt sind sie auch ein bisschen für die Moral der Athleten zuständig – für Simone Rufener jedenfalls sind die Supporter in jeder Hinsicht von «unschätzbarem Wert».

Noch wirkt sie gelassen. Doch wenn sie am Samstag um drei Uhr in der Früh aufstehen und ihre letzte Portion Spaghetti essen wird, spätestens dann befällt auch sie die Nervosität. Sie selber zieht es vor, diesen Zustand «geladen» zu nennen. Spätestens um fünf, nach dem letzten Schulterklopfen, wird sie diesen Zustand in Energie umwandeln können: Dann heisst es auf zur ersten Gigathlon-Etappe. (Der Bund)

Erstellt: 08.07.2010, 14:25 Uhr

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