Nachtübung – und ein volles Haus

Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft zusammenbringen: Das ist dem ersten Forum «The Spirit of Bern» recht gut gelungen.

«The Spirit of Bern»: Jaron Lanier, als Stargast im Kursaal Bern erwartet, ist wegen eines Missgeschicks per Video zu Besuch – passend für einen Digital-Guru.

«The Spirit of Bern»: Jaron Lanier, als Stargast im Kursaal Bern erwartet, ist wegen eines Missgeschicks per Video zu Besuch – passend für einen Digital-Guru. Bild: Adrian Moser

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Ein Wasserglas ist halb voll oder halb leer, je nach Betrachter. Ein hämischer Beobachter würde auf Letzteres tippen. Da kündigen im November 2014 Initianten vollmundig per Mitte Oktober 2015 einen ambitionierten mehrtägigen Top-Anlass mit weitreichender Ausstrahlung an.

Doch dann muss dieser verschoben werden – und findet nun als abgespeckte Nachmittagsveranstaltung statt. Der Anlass sprang gewissermassen als Tiger los und endete als Bettvorleger.

Betont man das halb volle Glas, sieht es positiver aus. Nach der Absage des Events im Oktober ergreifen teilweise neue Leute das Ruder, etwa die Uni mit Rektor Martin Täuber. Der bereits seit Beginn aktive Zahnprofessor Daniel Buser, der Kongresserfahrung und einen heissen Draht zu Bern Tourismus hat, rettet mit anderen Mitstreitern, was zu retten ist.

Eine Stiftung wird gegründet, fast die ganze bernische Wirtschaft wird in Form von Gold-, Silber- oder Bronzesponsoren an Bord geholt. Natürlich ist es nicht möglich, den Oktoberanlass telquel in den Januar zu verpflanzen.

Der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald, der die Snowden-NSA-Affäre publizierte, ist nicht mehr verfügbar. Inzwischen anderweitig verplant ist US-Botschafterin Suzy G. LeVine, die – Ironie des Schicksals – am WEF in Davos erwartet wird.

Digital-Guru in 0/1-Reihe zerlegt

Immerhin hat sich der US-Digital-Guru Jaron Lanier bereit erklärt, den Januar-Termin wahrzunehmen. Die amerikanischen Grenzbehörden stellen aber fest, dass sein Pass nicht die geforderten drei Monate über die Reisedauer hinaus gültig ist, so dass er nicht ins Flugzeug steigen darf.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion bieten die Veranstalter den britischen Digital-Guru Rufus Pollock – im Programm als «Pollack» angekündigt – auf, der sofort von London nach Bern eilt, wo er nach eigenem Bekenntnis «einen magischen Anflug» erlebt.

Der vermisste Gast aus Amerika ist dann doch da, jedoch passend zu einem Digital-Guru über Video zugeschaltet, in binäre 0/1-Codes zerlegt. Die Kursaal-Arena ist nicht nur halb voll, sondern fast ganz, als Lanier und die physisch anwesenden Expertinnen und Experten die Chancen und Gefahren des Internets und der digitalen Umwälzung der Gesellschaft erörtern, darunter auch der IT-Experte und Stadtrat Matthias Stürmer (EVP), der die Abkürzung heute mit «Elektronische Volkspartei» wiedergibt.

In der digitalen Welt werden Inhalte geteilt, verbreitet, vervielfacht, doch der ursprüngliche Besitzer hat sie noch immer. Mit einem Auto oder einer Wohnung liesse sich das nicht bewerkstelligen.

Das Nutzen und Teilen hat das Haben in Teilen der wirtschaftlichen Realität abgelöst, und alte Geschäftsmodelle, mit denen – oft wegen monopolistischer Schutzwälle – viel Geld verdient worden ist, fallen flach. Das Urheberrecht wird zum scheinbaren Anachronismus. Dieser Schutz gilt aber durchaus – für die Werke der Referenten, die im Foyer am Büchertisch aufliegen.

Und dann noch die Welt retten

Das Thema ist gross, wird aber durch ein noch grösseres abgelöst: Klimawandel. Die federführende Uni hat da ein besonderes Ass im Ärmel, Professor Thomas Stocker, einen der weltweit führenden Klimaforscher. Er erläutert den 400 Firmenangehörigen der Sponsoren, den 200 gratis lauschenden Studierenden und den 130 Selbstzahlern die Resultate der Klimakonferenz von Paris.

Als wäre die Rettung der Welt noch nicht genug, lanciert das Forum den dritten Themenblock: TTIP. Wer mit den Schultern zuckt, ist nicht allein, obwohl es eine wichtige Sache ist. Das Kürzel steht für die grösste, fast fertig verhandelte Freihandelszone der Welt zwischen USA und EU.

Während es in Deutschland Demonstrationen gegeben hat, ist die Lage bei uns noch ruhig. Joe Francois, Berner Uniprofessor am World Trade Institute, referiert – in English – am Rednerpult, hinter ihm scheinen Statistiken auf, die den Laien erschlagen. Man ahnt aber, dass das Abkommen, sofern es zustande kommt, auch für die formell unbeteiligte Schweiz grosse Folgen hat.

Die Veranstalter haben kleinere, aber respektable Brötchen gebacken. Auch die Ankündigungen für 2017 sind massvoll. Braucht es das Forum wirklich? Für diese Antwort ist es zu früh. Die kommenden Anlässe werden es beweisen müssen – wobei eine etwas stärkere Fokussierung wünschbar wäre. (Der Bund)

(Erstellt: 18.01.2016, 23:29 Uhr)

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