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Das Universalbike als Goldesel

Von Markus Lehner. Aktualisiert am 06.10.2011

Seit 2005 besetzt die BMW R 1200 GS den Spitzenplatz in den Schweizer Motorrad-Charts. Doch die Erfolgsstory begann vor 31 Jahren.

1/3 Auf und davon: Auch die aktuelle BMW R 1200 GS ist der Bestseller in der Schweiz.
Bild: BMW

   

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Wir schreiben das Jahr 1980. Die Motorradbranche boomt wie nie zuvor. Immer mehr Männer und – zunehmend – auch Frauen entdecken das motorisierte Zweirad als Freizeitgerät. Tausende von Hobby-Rennfahrern röhren in farbiges Leder gewandet im noch kaum reglementierten Schweizer Land über Pässe und Land-strassen, poltern als Easy-Rider-Helden verkleidet durch die City oder planen den Ausbruch aus dem Alltag mit einer Weltreise auf zwei Rädern.

Wenn die Zulassungszahlen explodieren, klingeln die Kassen. Aber nicht bei allen. Denn während das japanische Kleeblatt (Honda, Yamaha, Suzuki, Kawasaki) in grossem Stil abräumt und über 80 Prozent des Weltmarktes beherrscht, haben Europa und Amerika den Wandel des Motorrads vom einstigen Lastesel für arme Schlucker zum begehrten Hightech-Spielzeug für mittelständische Erwachsene komplett verschlafen. Ducati, Moto Guzzi & Konsorten versprühen zwar viel Eleganz und Italianità, sind aber kapriziös und stehen leider mehr in der Werkstatt als vor dem Strassencafé. Die US-Harleys stolpern der Fernost-Konkurrenz technisch um Lichtjahre hinterher und sind wegen des hohen Dollarkurses astronomisch teuer.

Als «Gummi-Kuh» verlacht . . .

Und die deutschen BMW? (BMW 69.8 -0.10%) Die gelten als zuverlässige, brave Arbeitstiere, werden aber vom modernen Motorradvolk wegen ihrer Schaukelstuhl-Fahrwerke, den bescheidenen Fahrleistungen und dem Älpler-Design als «Gummi-Kühe» verlacht – also kein Objekt der Begierde. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, im September 1980, präsentiert BMW an der weltgrössten Motorradmesse in Köln, inmitten der hochspezialisierten Hightech-Fernost-Raketen, die unter Entwicklungschef Richard Heydenreich gezeichnete R 80 G/S, eine Art Universal-Bike für jedermann und jeden Zweck: kräftig, kompakt, handlich, zuverlässig, und bezahlbar. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Das G steht für Gelände, das S für Strasse. Mit 800 Kubikzentimeter Hubraum und 50 PS ist die G/S gut gerüstet, das Design für damalige BMW-Verhältnisse geradezu intergalaktisch.

. . . als Allrounder geliebt

Mit ihrem Allrounder-Konzept liegt die GS zu jener Zeit völlig quer in der Landschaft: Doch die ersten Fahrberichte der Fachpresse sind geradezu euphorisch, die Reaktionen des Publikums ebenso. «Muss ich haben», lautet der Tenor unter den bodenständigen europäischen Vielfahrern, welche mit dem modernen Multizylinder-Schnickschnack aus Fernost nichts zu tun haben wollen.

Der kommerzielle Erfolg stellt sich rasch ein. Heute ist es ein offenes Geheimnis, dass die GS die Basis für das Überleben der damals am Abgrund stehenden Sparte Motorrad bei BMW war. «Ob es BMW Motorrad ohne die GS heute noch geben würde, gehört in den Bereich der Spekulation», schwächt Pressesprecher Finn Stein von BMW Schweiz diese Behauptung zwar ab. «Aber ganz klar haben Erfolg und Image der verschiedenen GS-Modelle wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute bei BMW Motorrad sind, wer wir sind.»

Der Rest ist Geschichte. In den 31 Jahren seit der Lancierung der ersten R 80 G/S hat BMW weltweit rund 387000 Exemplare verkauft. Eine gigantische Zahl im Motorradsektor. Seit 2004 sind pro Jahr immer mehr als 22 000 Einheiten abgesetzt worden. Und der Anteil der GS-Familie am BMW-Absatz weltweit betrug 2010 stolze 52 Prozent. Allein die dicke 1200er trägt rund ein Drittel zum Gesamtumsatz von BMW Motorrad bei.

Nummer 1 in vielen Ländern

In Deutschland ist die grosse GS schon seit 11 Jahren die unbestrittene Nummer 1 der Modell-Hitparade. Doch nicht nur in Deutschland und der Schweiz, sondern auch in Österreich, Belgien, Irland, Italien, Norwegen, Portugal, Südafrika, Schweden, Niederlande und in Grossbritannien thront die GS 2010 ganz oben.

Für die Schweiz sind ab 1992 verlässliche Zahlen erhältlich. Die GS macht rund ein Drittel des gesamten BMW-Motorradabsatzes in der Schweiz aus. «Exakt 8727 GS-Modelle mit Boxermotor sind seit 1992 auf die Schweizer Strassen gerollt», erklärt Finn Stein. «Mit den Exemplaren ab 1980 bis 1992 dürften also weit mehr als 10 000 GS auf helvetischen Strassen unterwegs sein. 2011 wurden bis Ende August bereits wieder 710 Stück abgesetzt. Rechnet man die beiden Modellversionen zusammen, sind wir mit der GS seit 2005 Marktführer in der Schweiz.» Ernsthafte Konkurrenz ist nirgends in Sicht.

Natürlich hat sich auch technisch in den vergangenen drei Dekaden einiges getan. Der Hubraum wurde etappenweise bis auf 1170 Kubikzentimeter erhöht, die Leistung liegt heute bei strammen 110 PS. Spätestens ab 2013 wird der noch immer luftgekühlte Vierventil-Boxer-Motor einer wassergekühlten Variante weichen müssen, wegen der immer schärferen Lärmund Abgasvorschriften kommt auch BMW um diesen Schritt nicht herum. ABS, Antischlupf-Regelung und elektronisch einstellbares Fahrwerk sind bereits heute selbstverständlich – darum ist das Gesamtgewicht von einst 196 kg auf 246 kg gestiegen.

Anders gesagt: Die filigrane Ur-GS ist zu einem mächtigen Hightech-Gebirge mutiert, welches Respekt einflösst und Leute mit weniger als 175 cm Körperlänge im Stand vor existenzielle Balanceprobleme stellt. Darum bietet BMW neben verschiedenen Sattelhöhen seit einigen Jahren auch kleinere GS-Versionen mit 800 cm3Twin-Motor an.

Auch der Preis hat sich leicht geändert: 1980 kostete die R 80 G/S in der Schweiz 7990 Franken. Für die aktuelle R 1200 GS ABS müssten theoretisch 19 900 Franken über den Tresen geschoben werden. Aber dank Swiss-Prämie wegen des starken Frankens kriegt man die GS heute bereits für 17 000 Franken.

Für Alltag, Sport und Weltreise

Natürlich gibt es diverse Sonder –und Schwestermodelle, dazu ein umfangreiches Zubehörprogramm bis zum Exklusiv-Reisepaket für die erfolgreiche Weltumrundung. Via Hersteller, Importeur, Händler und Internet wird die GS-Community bei Laune gehalten, das Angebot reicht von internationaler GS-Trophy bis hin zum Bike’toberfest mit Brezeln, Weisswürsten und– natürlich alkoholfreiem – Freibier beim lokalen Händler.

Doch an zwei Dingen hat sich in den vergangenen 31 Jahren gar nichts geändert: Erstens ist und bleibt die GS weiterhin ein Universal-Motorrad für Alltag, Sport und Weltreise. Und zweitens gewinnt sie mit grossem Vorsprung jeden seriös durchgeführten Vergleichstest in der Fachpresse. Weltweit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2011, 01:38 Uhr

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