Auto

Auf den Roller gekommen

Von Markus Lehner. Aktualisiert am 03.04.2012

Die Grenzen zwischen Motorrad und Roller verwischen. Die Fahrleistungen der beiden neuen Maxiroller von BMW sind denjenigen von reinrassigen Motorrädern ebenbürtig. Zudem sind der komfortable C 650 GT und der schnittige C 600 Sport kinderleicht zu bedienen.

BMW bringt im April mit dem C650 GT (grosses Bild) und dem C 600 Sport (klein) zwei bayrische Luxus-Grossroller mit viel modernster Motorradtechnik.

BMW bringt im April mit dem C650 GT (grosses Bild) und dem C 600 Sport (klein) zwei bayrische Luxus-Grossroller mit viel modernster Motorradtechnik.
Bild: BMW

(Bild: BMW)

Die Maxi-Roller-Liga

BMW C 650 GT: 60 PS, 261 kg, 12 450.–?
BMW C 600 Sport: 60 PS, 249 kg, 11 980.–
Yamaha Tmax: 50 PS, 229 kg, 13 980.–
Honda 700 Integra: 52 PS, 238 kg, 11 120.–
Aprilia SRV 860: 76 PS, 249 kg, 12 995.–
Kymco 700i: 59 PS, 292 kg, 11 990.–
?Suzuki 650 Burgman: 55 PS, 277 kg, 13 440.–

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Spanien und Italien sind die Hochburgen der Maxiroller ab 500 Kubikzentimeter Hubraum. In den so oft hoffnungslos verstopften Grossstädten und Agglomerationen von Mailand, Rom, Madrid und Barcelona schlängeln sich Zehntausende von grossvolumigen, aber schmalen Scootern wieselflink zwischen den Blechkolonnen hindurch. Im Sattel der preislich im Bereich von Kleinwagen angesiedelten Oberklasseroller sitzen vorwiegend Banker, Sales Manager, Lehrer, Broker sowie andere Krawattenträger und Schreibtischtäter. Allein Yamaha hat in Italien vom aktuell 13 980 Franken teuren Modell TMax in der vergangenen Dekade 115000 Stück verkauft. Auch andere Maxiroller schreiben Absatzzahlen, von denen klassische Motorräder nur träumen können.

In der Schweiz hingegen machen sich die Maxiroller klimabedingt rarer. Dennoch rauschen sie in Zürich, Genf, Lausanne, Basel, Bern, Lugano und sogar auf der Autobahn immer öfter an verdutzten Automobilisten vorbei.

BMW Motorrad will 10% wachsen

Jetzt fordert auch BMW seinen Anteil an diesem sehr lukrativen Maxiroller-Kuchen und dringt mit dem sportlich orientierten C 600 und dem auch für längere Autobahnabschnitte tauglichen C 650 GT in das Segment ein. «70 bis 75 Prozent unserer Produktion ist für Italien und Spanien gedacht», erklärte Henrik von Kuehnheim, Generaldirektor von BMW Motorrad, bei der Modellpräsentation in Madrid. «Wir sind beim Konzept ähnlich vorgegangen wie beim Topsportler S 1000 RR, mit dem wir vor zwei Jahren erfolgreich in das Topsportler-Segment eingedrungen sind. Wir haben den Roller nicht neu erfunden, sondern versucht, alles ein bisschen besser zu machen als die andern und ein paar neue Ideen einfliessen zu lassen. Wir sind überzeugt, dass wir dank der neuen Roller das Absatzvolumen von BMW Motorrad weltweit in einem Jahr um zehn Prozent steigern werden.»

Interessant: Entwickelt und realisiert wurde das Rollerduo von der gleichen Mannschaft, die auch für die BMW-Motorräder verantwortlich ist. Und sie werden im selben Werk in Berlin gebaut wie die Erfolgsmodelle R 1200 GS und S 1000 RR. «Unsere Roller müssen zu hundert Prozent den üblichen BMW-Standard erfüllen», betont von Kuehnheim. «Das gilt nicht nur für Fahrqualitäten und Sicherheit, sondern auch für die Verarbeitungsqualität und die Kundenbetreuung. Bei Garantie und Vertragsbestimmungen gibt es keine Unterschiede zu den Motorrädern.»

Müssten der C 600 Sport und der C 650 GT angesichts des Zielpublikums nicht über die Auto-Vertriebsschiene unter das bereits BMW-affine Volk gebracht werden? Und gibt es nicht viele BMW-Autobesitzer, die sich nach Jahren Motorradabstinenz für einen C-Roller als «Zweitwagen» entscheiden könnten? «Theoretisch ja», gesteht Kaspar Danzer, Leiter der Baureihe Urbane Mobilität bei BMW. «Aber das wäre logistisch für unsere Autovertriebsstellen ein grosser Aufwand. Das Zweirad ist eine komplett andere Welt. Das Verkaufspersonal müsste geschult und die Infrastruktur angepasst werden.» Kann man dennoch davon ausgehen, dass wir die C-Roller zumindest in den Showrooms der vierrädrigen BMW-Zunft sehen werden? «Das könnte Sinn machen», gibt sich Danzer vorsichtig.

C 650 GT: Für Automobilisten

Die BMW-Produkteplaner waren sich bewusst, dass eine für Wiedereinsteiger vom ersten Kontakt an problemlose Handhabung, eine vollständige Ausstattung und eine hohe Alltagstauglichkeit entscheidend sind für positive Verkaufszahlen. Diese Vorgaben wurden fast zu 100 Prozent erfolgreich umgesetzt. Die Sitzposition auf dem zuerst getesteten C 650 GT ist ausgesprochen komfortabel, die nicht zu weich gepolsterte Bank mit Lendenstütze bietet perfekten Halt nach hinten, und sämtliche Bedienungselemente liegen ergonomisch günstig zur Hand. Selbst nach einem mehrstündigen Fahrtenmix aus Stadt, Überland und Autobahn gibts kein schmerzendes Hinterteil oder steife Handgelenke. Der Wind- und Wetterschutz hinter der voluminösen Front (die grosse Scheibe ist per Knopfdruck am Lenker stufenlos verstellbar) ist hervorragend, nur die Hände liegen leider frei im Windstrom.

Die Ausstattung ist wie bei allen BMW-Produkten luxuriös und durchdacht: Unter die üppige Sitzbank passen zwei Integralhelme, die ausgeklappte Seitenstütze aktiviert gleichzeitig die Parkbremse, die Blinker sind selbstrückstellend, das übersichtliche Cockpit liefert wirklich alle notwendigen Informationen. Und als Optionen gibt es das volle BMW-Programm (wie bei den Motorrädern): Sitz- und Griffheizung, Bordcomputer, Navigatonsgerät, Tagesfahrlicht, Topcase, Spezialauspuff, jede Menge Kleinteile und sogar eine eigene Roller-Bekleidungslinie inklusive dem passenden Helm.

Souverän und verblüffend schnell

Der grösste Trumpf der GT ist ihr extrem harmonisches und in jeder Fahrsituation souverän agierendes Fahrwerk. Neutraler und fahrerfreundlicher kann eine Geometrie kaum sein. Lenkpräzision und Fahrstabilität sind Motorrad-like, genauso perfekt arbeitet die straffe, sensibel ansprechende Aufhängung vorn und hinten. Die ABS-Bremsen sind auch für Laien gut dosierbar, beide Handhebel sind individuell einstellbar. Bei einer theoretischen Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h laut Tacho sind solche Fahrqualitäten natürlich ein absolutes Muss. Aber selbst beim Kolonnenfahren zwischen 5 und 15 km/h hält die GT treu ihre Spur, da gibts kein nervöses Zappeln mit dem Lenker – ein wichtiger Pluspunkt im Stadtverkehr.

Der 647 Kubikzentimeter grosse Zweizylinder-Motor passt hervorragend zum Charakter der GT. Locker-lässig lässt man dank 60 PS und gut abgestimmter, stufenlos arbeitender CVT-Getriebeautomatik jeden Porsche an der Ampel stehen und hat auf der Landstrasse und selbst auf der Autobahn jede Menge Reserven zum Überholen. Der Sound des mit liegenden Zylindern konzipierten Paralleltwins mit um 90 Grad versetzter Zündfolge ist sonor und gut gedämpft, störende Vibrationen gibt es dank zwei Ausgleichswellen nicht. Verbesserungswürdig und bei steilen, rutschigen Abfahrten lästig ist die zu früh in den Leerlauf schaltende Automatik, und angesichts der hohen Leistung wäre die Integration einer Traktionskontrolle sowie einer Kombibremse für schmierige Verhältnisse sicher eine Überlegung wert.

C 600 Sport: Für Motorradjäger

Das ganz grosse Aha-Erlebnis für sportliche Zweiradfans offeriert der C 600 Sport. Obwohl Motor, Fahrwerk, Aufhängung, Bremsen und Cockpit identisch mit der GT sind, verleiten der niedrigere, schmalere Lenker, die weniger ausladende Plastikverpackung sowie die fahraktivere Sitzposition zu einer wesentlich zügigeren Fahrweise. Auf freien Strassen entpuppt sich der Sport als Motorradjäger. Stabilität, Präzision, Bremsverhalten und Schräglagenfreiheit sind auf Augenhöhe mit Mittelklasse-Bikes, zudem powert er ohne lästige Schaltvorgänge mächtig aus den Kurven heraus. Wegen des Topfahrwerks wünschen sich erfahrenere Leute nach kurzer Zeit sogar 10 bis 20 PS mehr, nur für den Spass an der Freud – das Fahrwerk würde die Mehrleistung problemlos wegstecken.

Fazit: Die neuen Maxiroller – Honda, Aprilia, Yamaha, Suzuki und Kymco (Taiwan) haben ähnliche Modelle im Programm – räubern immer stärker im Motorradrevier. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis nicht nur Automobilisten, sondern auch gestandene Töffahrer von den Vorzügen qualititativ hochwertiger, von den Fahrleistungen her konkurrenzfähiger Roller überzeugt sein werden. Die souveränen BMW C 600 Sport und C 650 GT zeigen den Weg klar vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2012, 21:52 Uhr

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