Der erste Mercedes war ein Motorrad
Die Prozedur ist langwierig, kompliziert und nicht immer von Erfolg gekrönt. Bereits zum dritten Mal laboriert Michael Plag jetzt mit dem brennenden Stäbchen im Innenleben des Motors herum, doch die Flamme in der Glühkammer will partout nicht zünden. Schon vorher hat er den kleinen Tank hinter dem Sitz und den Vergaser aus filigranen Kannen mit Spezialbenzin befüllt, das der Mechaniker aus dem Mercedes Classic Center eigens in der Raffinerie anmischen lässt. Mit spitzen Fingern musste er an feinen Rädchen drehen. Er hat die Lunte getränkt, die um das Zündstäbchen gewickelt ist, hat das kleine Schauglas mit Motoröl befüllt und immer wieder sein Feuerzeug gezückt. Dann macht es lautstark «wusch», drei, vier Flammen schlagen aus dem Holzgestell, und Plags besorgter Blick hellt sich auf: Endlich brennt das Feuer, das Glührohr färbt sich langsam kirschrot, und der Mechaniker greift zur grossen Kurbel: Schnell noch mit ein bisschen Millimeterarbeit am Hebel vor dem Lenker das Gemisch abstimmen, dann endlich kann er den Motor anwerfen.
Maschine aus Messing und Bronze
Zwei Runden muss er kurbeln, dann ist es vorbei mit dem Vogelgezwitscher in dem kleinen Park von Bad Cannstatt. Denn genau wie vor 125 Jahren, als hier noch die Villa von Gottlieb Daimler stand, erfüllt jetzt wieder ein warmes, rhythmisches Tuckern die Luft. Und aus der weissen Gartenlaube, die Daimler und seinem Konstrukteur Wilhelm Maybach als Werkstatt diente, rumpelt im Schritttempo ein hölzernes Vehikel mit zwei grossen Kutsch- und zwei kleinen Stützrädern, das Daimler damals «Reitwagen» nannte. Zumindest für ein paar Minuten, dann stirbt der Einzylinder ab, und der jetzt nicht mehr ganz so gut gelaunte Mechaniker greift erneut zum Zündstäbchen. «Kein Wunder, dass sich die Glührohrzündung als eine der wenigen Erfindungen von Gottlieb Daimler nicht hat durchsetzen können», sagt der «Pate» des Zweirads und schimpft bei aller Ehrfurcht über die Maschine aus Messing und Bronze, weil er sich mal wieder die Finger verbrannt hat.
Dem Siegeszug des eigenwilligen Vehikels und vor allem seines Motors hat der komplizierte Start allerdings keinen Abbruch getan. Denn der am 29. August vor 125 Jahren zum Patent angemeldete Reitwagen war nicht nur das erste Motorrad der Welt und der fahrende Beweis für die Tauglichkeit des schnelllaufenden Verbrennungsmotors, mit dem Daimler die Welt zu Lande, zu Wasser und in der Luft in Fahrt bringen wollte. Sondern der Feuerstuhl, der hier und heute vor der Daimler-Gedächtnisstätte zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder angeheizt wird, ist zugleich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Automobil, das nur wenige Monate später als Benz-Patent-Motorwagen und als Daimler-Motorkutsche seine ersten Fahrversuche macht. Wenn die Welt im nächsten Jahr den 125. Geburtstag des Autos feiert, dann wäre das ohne den Reitwagen nicht denkbar.
Antrieb wie bei einer Harley
Zwar bezeichnet Mercedes den Reitwagen als das «erste von einem Menschen kontrollierte Strassenfahrzeug mit einem Verbrennungsmotor». Doch von einer so richtig selbstbestimmten Fahrt kann man beim Ritt auf dem heissen Ofen nur in der Theorie sprechen: Man hängt eher im ledernen Sattel, als dass man darin sitzt, mit jeder Minute spürt man das Feuer zwischen den Beinen stärker, und eher schlecht als recht rumpelt man auf den eisenbeschlagenen Holzrädern über den Kiesweg. Die Richtung kann man dabei mit dem filigranen Lenker aus dünnem Draht allenfalls grob bestimmen — zumal man mit einer Hand immer am Fahrhebel zwischen den Beinen bleiben muss. Über einen Seilzug regelt er die Spannung des Lederriemens, der die Kraft vom Motor auf das Hinterrad überträgt — «ein Prinzip, das man auch heute noch an jeder Harley-Davidson wiederfindet», sagt Mechaniker Plag stolz. Drückt man den gleichen Hebel dagegen nach vorn, löst sich der Riemen, und ein dicker Bremsbacken drückt aufs Rad, um die immerhin 90 Kilo schwere Fuhre irgendwie anzuhalten.
Zwar war der Reitwagen die Vorstufe zum Auto und damit auch die Wiege von Mercedes-Benz. Doch wo andere Hersteller wie Opel oder einige Ursprungsmarken von Audi erst durch den erfolgreichen Bau von Zweirädern ins Autogeschäft eingestiegen sind oder wie BMW mit Motorrädern und Peugeot mit Fahrrädern und Rollern noch heute gutes Geld verdienen, hatte der Reitwagen bei Mercedes schnell nur noch museale Bedeutung. Sobald Daimler 1886 das Patent für seine Motorkutsche hatte, wollte er von Fahrzeugen mit weniger als vier Rädern offenbar nichts mehr wissen.
Zeigt Mercedes ein Smart-Bike?
Doch in den letzten Monaten war der Reitwagen bei den Daimlers wieder ein gefragtes Sammlerstück — und zwar nicht nur, weil sich Mercedes so langsam auf den 125. Geburtstag des Automobils einstimmt. Sondern auch, weil die Schwaben nun plötzlich doch ins Zweiradgeschäft einsteigen wollen. Das zumindest hat Vorstandschef Dieter Zetsche vor einigen Wochen in einem Nebensatz angedeutet und bereits für eine der nächsten europäischen Messen Entwürfe angekündigt. Vieles von dem Wenigen, was man dazu aus Stuttgart hört, spricht deshalb für eine Art schwäbischer Vespa für Übermorgen, die bereits nächsten Monat auf dem Pariser Salon am Smart-Stand stehen könnte und so den Geist des Reitwagens fortschreibt. Viele Parallelen gibt es bis auf die Zahl der Räder und die Sitzposition freilich nicht mehr. Und wenn Classic-Spezialist Plag damit mal eine Probefahrt machen sollte, kann er sein Feuerzeug getrost in der Tasche lassen. Denn den Benzinmotor haben die Schwaben dafür bereits ausgemustert. So, wie Daimler damals an den Siegeszug des schnelllaufenden Verbrenners glaubte, sehen die Ingenieure ihr Heil heute im Elektroantrieb. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.08.2010, 10:53 Uhr
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