Das Geschäft mit der Geschichte

Von Thomas Geiger. Aktualisiert am 06.08.2010

Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Oldtimer wie in Amerika. Kein Wunder, dass Mercedes dort seit fünf Jahren eine Dependance seines Fellbacher Classic Centers betreibt. Die Pflege des rollenden Erbes dient nicht nur der Kundenbindung, sondern ist längst auch ein gutes Geschäft.

1/11 Der Platz ist mit bedacht gewählt: «Die meisten Oldtimer der USA sind in San Diego registriert. Auf Platz zwei liegt Los Angeles. Und mitten drin sind wir», sagt Mike Kunz.
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Das Geschäft mit der Geschichte

   

Der Platz ist mit bedacht gewählt: «Die meisten Oldtimer der USA sind in San Diego registriert. Auf Platz zwei liegt Los Angeles. Und mitten drin sind wir», sagt Mike Kunz. Wir, das sind Kunz und rund 20 Mitarbeiter im Mercedes Classic Center in Irivine an der kalifornischen Küste, die sich nun seit knapp fünf Jahren jenseits des Atlantiks um die Pflege des mobilen Erbes der Schwaben kümmern und damit gut zu tun haben. «Denn Amerika ist nach wie vor der grösste Markt für klassische Autos», sagt Center-Chef Kunz. «Nirgendwo gibt es so viel edles Altmetall auf Rädern, nirgendwo so viele PS-Fans, so grosse Sammlungen oder so gut besuchte Treffen. Auch die Autos aus Stuttgart spielen dort eine grosse Rolle», sagt Kunz. «Dreiviertel aller in den USA verkauten Mercedes sind noch im Einsatz, und in den amerikanischen Oldtimer-Registern stehen mehr als 500 000 klassische Mercedes-Fahrzeuge.»

Entsprechend voll ist das Werkstattbuch in Irvine: «Seit unserer Eröffnung vor knapp fünf Jahren haben wir rund 1 000 Autos restauriert und gewartet», sagt Servicechef Jeff Cote und spannt den Bogen vom 123er Kombi aus den Achtzigern bis zurück zu den Modellen aus dem vorletzten Jahrhundert: «Denn alles, was einen Stern trägt und älter ist als 20 Jahre, das ist bei uns richtig.»

Klassiker waren meist nur historischer Ballast

Zwar gibt es in Europa bei fast jeder etwas prominenteren Marke mittlerweile eine Abteilung, die sich um das edle Altmetall der Kundschaft kümmert. Doch in Amerika ist Mercedes das einzige Unternehmen mit so einem Angebot. «Für die US-Hersteller waren ihre Klassiker meist nur historischer Ballast und die anderen Importeure haben das Geschäft kampflos an private Spezialisten abgegeben», sagt Kunz. Zwar schauen jetzt angeblich Ferrari oder Porsche regelmässig in Irvine vorbei, um die Idee der Schwaben zu übernehmen. «Doch das Geschäft wieder zurückzuholen, wenn es sich draussen erst einmal eingespielt hat, wird ungeheuer schwer», schätzt der Chef des Classic Centers.

Nur eine Fahrstunde von Hollywood und einen knappen Tag vom Silicon Valley entfernt, zählen zu Kunz' Kunden natürlich viele Computermillionäre und Showstars. Talkmaster Jay Leno ist Stammgast im Classic Center, Clint Eastwood ruft alle paar Wochen wegen seines 6.9ers an, und für Patrick Dempsey bauen die Mechaniker gerade einen Rallyewagen auf. «Aber es ist nicht nur die lokale Prominenz, die wir betreuen», sagt Cote. «Sondern die Kunden kommen aus dem ganzen Land und allen Bevölkerungsschichten». Neben millionenschweren Kompressor-Rennwagen aus der Vorkriegszeit oder den legendären Flügeltürern stehen deshalb in Irvine auch viele SL der Baureihe R107 oder 116er S-Klassen.

Ausgerüstet sind die Mechaniker in Irvine für das volle Programm: Sie erledigen Karosseriearbeiten, können lackieren, Motoren prüfen, Metallteile nachbauen und Schreinern oder Sattlern. «Doch komplette Restaurierungen sind bei uns eher selten», sagt Cote. Vielmehr lassen die allermeisten Kunden ihren Wagen hier fast so warten, wie einen neuen Mercedes in einer normalen Werkstatt. «Sie wollen einfach sicher sein, dass alles funktioniert und sie damit im Alltag möglichst wenig Probleme haben,» erläutert Cote: «Denn die meisten fahren ihre Autos Tag für Tag.» Das gilt laut Cote nicht nur für die Autos aus den Jahren 1955 bis 1971, die das Gros der Flotte stellen. «Sondern wir haben zum Beispiel auch einen Kunden mit einem Benz von 1890, der ihn regelmässig nutzt.»

Obwohl viele deshalb mit einer Rechnung im vier oder allenfalls niedrigen fünfstelligen Bereich vom Hof fahren, kann es bei einer kompletten Restaurierung natürlich auch teurer werden. Viel teurer sogar, wie das 230er Cabrio in der Halle beweist. Bis das wieder aussah wie bei der Auslieferung 1936, waren 50 000 Dollar fällig. Nun steht er als eines von drei Dutzend Schmuckstücken in der Schatzkammer des Classic Centers, in der in zwei Reihen und auf zwei Etagen die schönsten Kundenfahrzeuge aus- und zur Abholung bereit gestellt werden.

40 000 verschiedene Teile sind immer auf Lager

Die Werkstatt ist für Kunz allerdings nur ein Standbein. Das zweite ist die Ersatzteilversorgung, die rund die Hälfte des Umsatzes ausmacht. «Etwa 40 000 verschiedene Teile sind in Irvine immer auf Lager, alles andere wird in Deutschland bestellt,» erläutert Mechaniker Nate Lander. Weil Mercedes die Motorhaube einer neuen S-Klasse logistisch gleich behandelt wie das Scheinwerferglas eines alten SL, sind auch die Klassikteile in nach 48 Stunden in Amerika, sagt er Lander stolz. «Nur grosse Karosserieteile oder Gefahrgut mit Flugverbot dauern länger.» Von dieser Logistik profitieren nicht nur die Amerikaner. Sondern weil die Zeitverschiebung günstiger ist und sie besser englisch sprechen als Deutsch, rufen auch viele japanische Mercedes-Sammler lieber in Irvine als im Stammhaus in Fellbach an.

Neben Restauration und Teileversorgung kümmert sich Kunz auch selbst um den Nachschub: Im ganzen Land kauft das Classic Center Oldtimer auf, bringt sie auf Vordermann und bietet sie dann im Eingangsbereich zum Verkauf an. «Allerdings kümmern wir uns da nur um vielversprechende Fahrzeuge die entweder sehr selten oder in einem guten Grundzustand sind. Sonst kämen wir ja mit der Arbeit kaum hinterher», erläutert Kunz, der so im Jahr etwa 20 Klassiker neu auf die Strasse bringt. Zurzeit zum Beispiel stehen in Irvine Raritäten wie ein 300 SL Raodster von 1957 im extrem raren Erdbeerrot-Metallic für 719 000 Dollar, das Unikat eines von Binz zum Kombi umgebauten 300ers von 1956 oder ein 300er Cabrio aus dem selben Jahr für 595 000 Dollar. Und das absolute Schmuckstück ist ein weisser 6.9er, der zwar schon 31 Jahre auf dem Buckel aber erst 229 Meilen auf der Uhr hat und bescheidene 175 000 Dollar kostet.

Auch die Krise ging bei Kunz spurlos vorüber

Während seine Kollegen im Neuwagengeschäft das Klagelied der Krise singen, hat Kunz von der maroden Wirtschaftslage nichts gespürt. «Keine Ahnung, wie stark der Markt sonst gewachsen wäre, aber selbst während der Flaute ist das Geschäft mit Klassikern immer mehr geworden», sagt Kunz und verwandelt sich dabei vom Kurator zum Kaufmann. Das gelte nicht nur für den Werkstattbereich, weil jemand der einen Oldtimer besitzt, seinen Wagen auch immer reparieren lassen wird. Sondern das gelte auch für das Neu- pardon – Altfahrzeuggeschäft. Einzig die überteuern Preise für Fahrzeuge mit windiger Geschichte und schlechtem Zustand seien offenbar passé.

Dass sich Kunz bei solchen Analysen vom Kurator zum Kaufmann wandelt, hat einen einfachen Grund: Zwar sei die Pflege von Kundenbeziehungen und Markengeschichte ein wichtiger Bestandteil des Classic Centers. «Doch auch wir sind ein Profit-Center.» In den Aufbaujahren habe man ihm noch Defizite zugestanden. Aber jetzt fordert Stuttgart aus Irvine zumindest eine «schwarze Null». Die ist Kunz aber zu wenig. Deshalb wird er in diesem Jahr erstmals einen kleinen Gewinn ausweisen können und den in Zukunft weiter steigern. «Denn Geschichte ist auch ein gutes Geschäft.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2010, 07:19 Uhr

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