Kraft statt Kultur – im Rennanzug wird der Lexus IS-F zur bitterbösen Bestie

Von Thomas Geiger. Aktualisiert am 13.08.2010

Die Nachfrage nach der «Black Series» von Mercedes AMG und das Echo auf den gerade vorgestellten BMW M3 GTS zeigen, dass es immer noch genügend Interessenten für verrückte Sportwagen mit brachialer Power gibt. Dies hat die Lexus-Ingenjeure dazu veranlasst, den IS-F zur ultimativen Rennmaschine umzubauen. Kaum eine einzige Schraube kam ungeschoren davon.

1/6 Befreit von den Auflagen der Strassenzulassung brüllt der Motor des zum Rennboliden mutierten IS-F so laut durch den Sportauspuff, dass ...
Bild: Lexus

Kraft statt Kultur – im Rennanzug wird der Lexus IS-F zur bitterbösen Bestie

   

Es ist brüllend laut, brütend heiss und so eng, als sässe man in einem Schraubstock. Dass dieses Auto mal eine Luxuslimousine gewesen sein soll, kann man den Entwicklern beim besten Willen nicht glauben. Dabei ist es gerade einmal ein halbes Jahr her, da war der weisse Bolide mit den bunten Aufklebern tatsächlich noch ein ganz normaler Lexus IS. Na ja fast zumindest, denn immerhin trug er schon damals das «F» im Typenkürzel, das ihn zum Sportler stempelt. 423 PS und 500 Nm stark, 270 km/h schnell und knapp 110 000 Franken teuer, gibt er mit einem fünf Liter grossen V8-Motor die japanische Antwort auf Autos wie den BMW M3 oder den Mercedes C 63 AMG.

Doch mit dem Prestigeduell auf der Überholspur wollten es die Japaner nicht mehr bewenden lassen und haben den IS deshalb fit gemacht für die Rundstrecke. Und zwar nicht für irgendeine. Sondern ausgerechnet beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, für viele die härteste Prüfung der Welt, sollte sich der Wagen bewähren. Und weil er seine Sache dort so gut gemacht hat – immerhin kam er in der Gesamtwertung auf Rang 59 und wurde in seiner Klasse Vierter – steht der alles andere als zurückhaltende Kraftmeier jetzt noch einmal zu einer Probefahrt auf einem ehemaligen Militärflughafen bereit und scharrt ungeduldig mit seinen blanken Slick-Reifen.

Als gäbe es kein morgen mehr...

Also klettert man mühsam durch den Überrollkäfig, lässt sich von ein paar helfenden Händen im Schalensitz so festzurren, dass man buchstäblich eins wird mit dem Auto, setzt den Helm auf, krallt sich am Lenkrad fest und drückt den Starterknopf. Was Projektleiter Norbert Kremer bis jetzt nicht erläutert hat, kann er nun auch gar für sich behalten. Denn an Smalltalk und Benzingespräche ist fortan nicht mehr zu denken: Befreit von den Auflagen der Strassenzulassung brüllt der Motor so laut durch den Sportauspuff, dass ringsum die ersten Bäume ihre Blätter fallen lassen, als hätte jemand vorzeitig den Herbst eingeläutet.

Dann geht alles ganz schnell: Den Wählhebel der Automatik ins Sportprogramm gedrückt, die Hände an die Wippen hinter dem Lenkrad und den Blick stur gerade aus, schiesst der Lexus davon als hätte ihn jemand von seinen Fesseln befreit. Wo andere ihre Muskeln in einen Smoking quetschen müssen, gibt er ganz ungeniert den Bodybuilder. Er brüllt, quietscht und schlingert sogar ein wenig, wenn man die Bremspunkte verpasst, in den Kurven zu früh Gas gibt oder das Lenkrad allzu locker lässt. Aber dafür lässt der Sportler das Serienmodell Runde um Runde weiter hinter sich. Wo der noch 4,7 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 braucht, schafft es der Rennwagen in kaum mehr als vier Sekunden. Und wo beim zivilen IS die Elektronik spätestens bei 270 km/h den Hahn zudreht, hat die Boxencrew ihren Rennwagen auf der Nordschleife schon mit 283 km/h gemessen.

Ein IS-F hautnah und ohne Filter

Natürlich ist der Rennwagen mit einem Serienmodell nicht mehr zu vergleichen. Immerhin wurde er innen komplett ausgeräumt, hat einen Renntank im Kofferraum, einen Überrollkäfig in der Kabine und mit Blick auf das Gewicht sogar Hauben und Türen aus Karbon. Ausserdem trägt er Schürzen bis fast auf den Boden und einen Heckflügel Marke «Pommestresen». Doch zumindest an der Antrieb ist fast serienmässig, sagt Projektleiter Kremer. Einzig die Stabilitätskontrolle wurde ein wenig anders programmiert, das Sperrdifferential ist kürzer übersetzt, und mit Blick auf das Reglement haben die Ingenieure den achten Gang der Automatik stillgelegt. «Alles andere ist Original», beharrt Kremer. Dass sich der Wagen trotzdem völlig anders anfühlt, liegt am strammeren Fahrwerk, den bissigeren Bremsen, den 125 eingesparten Kilogramm und vor allem an der fehlenden Isolierung: Ohne Schutz vor Lärm und Hitze erlebt man den Wagen hautnah und ohne Filter.

Zwar haben alle Entwickler sichtlich Spass an dem Projekt, für das so manche Überstunde geopfert wurde. Doch selbst wenn die Entwicklung auf kleiner Flamme lief und Toyota nicht wie sonst bei Prestigeprojekten nur so mit den Millionen um sich war, haben sie für mehr gearbeitet als Rum und Ehre. «Wir wollten zeigen, was man mit kleinem Aufwand alles bewerkstelligen kann», sagt Projektleiter Kremer und kann sich gut vorstellen, dass manche Kunden einen ähnlichen Weg gehen wollen. Offiziell wird es den IS-F wohl kaum im Renntrimm geben, muss Kremer einräumen. «Doch wer uns fragt, dem werden wir schon helfen», lässt er durchblicken.

Fragen könnten aber auch die Entwicklungsingenieure in Japan. Denn die «Black Series» vom Konkurrenten Mercedes AMG und das Echo auf den gerade vorgestellten BMW M3 GTS zeigen, dass es in dieser Liga durchaus Interesse an Sportlern ohne Smoking gibt. Und selbst wenn man den Überrollkäfig aus- und dafür wieder ein paar mehr Sitze einbaut, könnte der 24h-Rennwagen mit seinen Karbonteilen dafür durchaus als Vorbild dienen. Dieser Gedanke gefällt offenbar auch Kremer. Bestätigen will er solche Projekte natürlich nicht. «Aber die Idee hat durchaus ihren Reiz.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2010, 17:10 Uhr

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