Flaggschiff vor dem Untergang gerettet

Von Peter Hegetschweiler. Aktualisiert am 11.06.2010

Jetzt kommt er doch noch, der grosse Saab 9-5. Über ein Jahr hat die Krise um General Motors seine Produktion verzögert. Dank dem Sportwagenhersteller Spyker könnte der Schritt in eine neue Ära gelingen.

1/4 Spyker-CEO Victor Muller (links) ist überzeugt, mit dem neuen Flaggschiff 9-5 eine neue und vor allem erfolgreiche Ära für Saab einzuleiten.
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Flaggschiff vor dem Untergang gerettet

   

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«Saab ( 17 -23.94%) City lebt wieder!» Der Mann, der diese Formulierung anlässlich der Lancierung des grossen, neuen Saab 9-5 diese Woche ganz bewusst wählte, hat in der schwedischen Kleinstadt die Produktion wieder zum Laufen gebracht. Sein Name: Victor Muller, Besitzer und CEO des holländischen Sportwagenherstellers Spyker. Fast zwei Monate lang standen die Bänder nach dem Desaster um General Motors, der gescheiterten Übernahme durch Königsegg und dem anschliessend eingeleiteten Insolvenzverfahren zu Jahresbeginn still. Bis Spyker kam. Und Saab für einen Kaufpreis von angeblich 380 Millionen Euro vor dem Untergang rettete – das Flaggschiff 9-5 ebenfalls.

13 Jahre im Programm?.?.?.

So überraschend und unverhofft, wie der Deal mit Spyker letztlich zustande kam, so ungewöhnlich ist auch die Geschichte des 9-5. Mehr als 12 Jahre nämlich hat sich Saab – aus welchen Gründen auch immer – Zeit gelassen, sein Flaggschiff von Grund auf zu erneuern. Stets begnügten sich die Schweden mit einem Facelift, insgesamt viermal. In den Fokus rückten sie dafür mehr und mehr die 9-3-Reihe, ihr sportlich-robustes Mittelklassemodell. Als Limousine, als vierplätziges Cabrio, als Kombi und zuletzt auch noch als Crossover liess sich der 9-3 so gut verkaufen, dass GM-Vize Bob Lutz bei der Weltpremiere der neusten, allradgetriebenen Sportversion am Genfer Salon 2006 noch lauthals verkündete: «Wir glauben an die Schweden.» Und: «GM wird am Standort Trollhättan festhalten.»

Vergangenheit. Je mehr sich die Krise um GM mit Opel und Saab zuspitzte, um so dramatischer gingen in Trollhättan die Produktionszahlen zurück. Mit nur noch 86?000 verkauften Autos rutschten die Schweden 2008 unter die Schwelle von 100?000 Fahrzeugen, letztes Jahr rollten gerade mal noch 33?000 Saab vom Band. 780 davon gingen in die Schweiz.

.?.?. und ein Jahr auf Eis

Mit der Ungewissheit um das Schicksal von Saab ging auch das Vertrauen in den von Bob Lutz eben noch als Hoffnungsträger bezeichneten 9-3 mehr und mehr verloren. Und der längst angekündigte und ebenso überfällige Nachfolger des auf dem Höhepunkt der Krise nach China «verscherbelten» 9-5 (samt seiner Produktionsstrasse) war noch immer nicht da. Zumindest nicht auf dem Markt. Denn entwickelt war er zu diesem Zeitpunkt längst. Und an der Auto Zürich wurde vergangenen Herbst schon seine Schweizer Premiere gefeiert. Mit anderen Worten: Das neue Flaggschiff lag in Trollhättan mehr als ein Jahr lang auf Eis. Immerhin: Die schlimmsten Befürchtungen, der neue, grosse Saab könnte gar nie auf die Strasse kommen, haben sich nicht bewahrheitet. Das Eingreifen von Spyker-Chef Victor Muller hat das neue Flaggschiff definitiv vor dem Untergang bewahrt. Und Saab City, wie es der Holländer nennt, lebt mit zurückhaltender Zuversicht weiter.

9-5 markiert eine neue Ära

Denn Muller, dessen verwegenes Formel-1-Engagement mit Spyker (und Adrian Sutil als Piloten) exakt eine Saison überdauerte, hat mit Saab grosse Pläne. Und so soll denn ganz nach seinem Gusto auch etwas ganz Grosses die neue Ära der schwedischen Traditionsmarke neu begründen: der 9-5, der Hoffnungsträger der schwedisch-niederländischen Freundschaft. Das tut er auch. Mit einer Länge von 5,01 Metern hat er absolutes Gardemass. Da kommen selbst die von Saab-CEO Jan Ake Jonsson und Spyker-Chef Muller gemeinsam anvisierten Konkurrenten im Premium-Segment, der Audi A6, der 5er-BMW und die E-Klasse von Mercedes, nicht annähernd heran. Auch das Platzangebot ist fürstlich. Schwingt man sich auf einen der ausladenden Plätze im Fond des schwedischen Luxusliners, wähnt man sich in einem Flaggschiff, das üblicherweise noch mehr Respekt erheischt: im Audi A8.

Markant und markentypisch zugleich ist die dynamisch gezeichnete Front, die auf dem einst preisgekrönten Aero-X-Concept basiert. Das hat ansatzweise schon der 9-3-Reihe skandinavische Coolness vermittelt. Und ihr erfrischend gutgetan. Weniger gefällig kommt das Heck daher, es wirkt schwerfällig und mit dem über die gesamte Breite des Kofferraums verlaufenden Leuchtband eher postmodern. Spürt man da doch etwas vom Dornröschenschlaf, in den Saab sein Flaggschiff zwischenzeitlich versetzt hat? Positiv dafür: Unter dem üppigen Blech tut sich ein Stauvolumen von über 500 Litern auf. Und das, bevor die teilbare Rückbank auch nur schon zu 40 Prozent umgeklappt wird.

Vorbildlich: Das Head-up-Display

Im Innern bleibt auch der neuste Saab ganz Saab: Ein fahrerzentriertes Cockpit, funktional gestylte Armaturen in kühlem, grünem Licht. Ebenso grünfarben wird die Geschwindigkeit dank Head-up-Display digital auf die Windschutzscheibe projiziert. Wohltuend fürs Auge ist das – und gut für die Sicherheit. Dies vor allem deshalb, weil der Blick immer nach vorn und damit immer auch auf die Strasse geht. Vom Aspekt der Sicherheit her wurden auch im neuesten Saab keinerlei Abstriche gemacht. Das hat im schwedischen Autobau – ob bei Saab oder bei Volvo – beste Tradition. Tradition hat bei Saab seit mehr als 30 Jahren Erfahrung auch die Turbo-Aufladung. Und so umfasst das Antriebsportfolio des neuen 9-5 ausschliesslich aufgeladene Motoren.

Zur Modelleinführung im Juli gibts zwei Vierzylinder, den 2-Liter-Turbo-Diesel mit 160 PS und den 2-Liter-Turbo-Benziner mit 220 PS. Topaggregat ist der 2,8-Liter-V6-Turbo, der bei einem maximalen Drehmoment von 400 Newtonmetern 300 PS leistet. In der OPC-Version des Opel-Flaggschiffs Insignia bringt es das gleiche Aggregat allerdings auf 325 PS. Und auch der Allrad-Antrieb, beim V6 serienmässig, ist der gleiche: Er stammt von Haldex, und Saab hat ihn auch schon in entsprechenden 9-3-Versionen verbaut.

Flaggschiff für 52?500 Franken

Die Preisspanne beginnt bei 52?500 Franken. Dafür liefert Saab den 9-5 als 220-PS-starken Benziner in der tiefsten von drei Ausstattungsversionen. Das Topmodell 2.8T V6 mit Allrad gibts nur in der Version Aero für 76?900 Franken. Will man den Hoffnungsträger mit einem Leergewicht von rund zwei Tonnen auch nur annähernd so rassig fahren, wie es das Auto optisch vorgibt, dann ist diese Wahl allerdings keine Qual. Nur eine Budgetfrage.

*??Peter Hegetschweiler fuhr den neuen 9-5 am 7./8. Juni auf Einladung von Saab Schweiz in Schweden.

Saab 9-5

Masse: Oberklasse-Limousine mit 4 Türen und 5 Plätzen. Länge 5,01 Meter. Breite 1,86 Meter. Höhe 1,47 Meter.
Motoren: Zum Marktstart zwei Benziner (Vierzylinder mit 220 PS, V6 mit 300 PS) und ein Zweiliterdiesel mit 160 PS. Beide Benziner mit Allrad erhältlich, beim V6 Serie.
Fahrleistungen: Spurt von 0 auf 100 km/h in 6,9 bis 9,9 Sekunden. Spitze 215 bis 250 km/h. Verbrauch: 8,4 bis 10,6 Liter (Werksangabe). CO2: 139 bis 244 g/km.
Preis: 52?500 bis 76?900 (V6 mit Allrad in der höchsten Ausstattungsversion Aero).
Infos: www.saab.ch (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.06.2010, 18:14 Uhr

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