Ein Saubermann ohne Visum
Bei den alternativen Antrieben sieht Ford derzeit nicht sonderlich gut aus. Zwar gibt es sparsame Diesel, die Umrüstung auf E85, Erd- und Flüssiggas und demnächst sogar eine kleine Testflotte mit dem elektrischen Focus. Doch bei dem längst auch in Europa angekommenen Modethema «Hybrid» bleiben die Kölner blass. Dabei müssten die Entwickler nur mal über den grossen Teich fliegen und sich dort mit ihren US-Kollegen unterhalten. Schliesslich bauen die nicht nur den Geländewagen Escape zum Teilzeitstromer um und stellen damit zum Beispiel das Gros der neuen Taxen in New York. Sondern dort gibt es seit einem knappen Jahr auch den Fusion Hybrid. «Mit jetzt schon mehr als 40 000 Verkäufen hat er sich auf Platz zwei der Hybridcharts geschoben und damit ausser dem Prius alle Japaner hinter sich gelassen», erzählt ein Ingenieur aus dem amerikanischen Entwicklungsteam.
Bis Tempo 75 unter Strom
Obwohl der Fusion in Europa oberhalb des Mondeo gut aufgehoben wäre oder man seine Technik relativ leicht in die europäische Mittelklasse bringen könnte, fehlt dem Saubermann die Einreisegenehmigung: «Die Übernahme der Technik ist nicht geplant», heisst es bei Ford in Köln.
Dabei macht das Stufenheck bei einer ersten Testfahrt in Amerika eine ausgesprochen gute Figur. Wo die V8-Motoren von Mustang & Co. beim nächtlichen Ausritt über den Las Vegas Boulevard auch im Stillstand brabbeln und dicke CO2-Wolken in die Nachtluft blasen, tut sich in der geräumigen Familienkutsche nichts: Man hört nichts, man sieht nichts, und man riecht nichts. Denn längst hat die Start-Stopp-Automatik den 2,5 Liter grossen Vierzylinder gestoppt. Und wenn eine kurze Grünphase tatsächlich etwas Freiraum schafft, schnurrt der fast fünf Meter lange Fusion lautlos mit der Kraft seines Elektromotors davon. Natürlich reicht die gespeicherte Energie nur für ein paar Kilometer. Doch als einziger Hybrid-Pkw erreicht der Fusion nun 75 km/h allein mit elektrischer Kraft und schafft so selbst die Stadtautobahn mit Strom.
Beim Bremsen wird der Stromer zum Generator und erzeugt Energie für den nächsten Spurt. Weil die Ingenieure zudem eine sparsame Klimaanlage eingebaut haben und den Fahrer mit bunten Diagrammen im digitalen Cockpit zum Sparen animieren, erreichen sie überraschende Reichweiten. Im US-Zyklus
schafft der Fusion im Stadtverkehr 41 Meilen pro Gallone (mpg) und 36 auf dem
Highway – das entspricht dem Verbrauch von 5,7 bis 5,5 Liter auf 100 Kilometer. Wer sich Mühe gibt, kann den Verbrauch noch deutlich weiter drücken: Ein Sparkönig hat sogar mehr als 2300 Kilometer mit einer Tankfüllung geschafft.
In Fahrt bringt den Fusion ein 2,5 Liter grosser 4-Zylinder mit 156 PS und 185 Nm. Zwar ist der Motor etwas träge, und die stufenlose Automatik nervt, doch kompensiert das der Stromer. Er leistet 106 PS und macht dem Fusion vor allem beim Ampelstart mächtig Dampf: Eine Systemleistung von 191 PS und ein Sprintwert von 0 auf 100 in knappen neun Sekunden können sich deshalb mehr als sehen lassen. Und dass der Wagen bei 180 km/h elektronisch abgeregelt ist, stört weder in den USA noch in der Schweiz.
27 675 Dollar für den Hybrid
Dafür ärgern sich die Amerikaner über den Preis: Während das Einstiegsmodell bereits für 19 270 Dollar verkauft wird, ist der Hybrid nur eine Handvoll Dollar billiger als der voll ausgestattete V6 mit Allradantrieb für 27 675 Dollar. In den USA mag das Grund zur Klage sein, doch den Schweizer Kunden kommen bei solchen Zahlen ohnehin die Tränen. Denn für dieses Geld gibt es bei uns nicht einmal den günstigsten Mondeo.
Zwar hat der grosse und saubere US-Vetter des Mondeo bei uns keine Chance, doch lange wollen sich auch die Kölner beim Hybridantrieb keine Blösse mehr geben. Deshalb soll schon bald ein Modell auf der neuen Focus-Plattform zum Teilzeitstromer umgerüstet werden. Als Konkurrent VW im Januar bei der Motorshow in Detroit durchblicken liess, dass der Hybridantrieb der schmucken Jetta-Coupé-Studie innert zwei Jahren in Serie gehen könnte, blieb Focus-Vater Gunnar Herrmann wohl deshalb demonstrativ gelassen: «Bis dahin», so versprach der Chief Vehicle Line Director, «sind wir längst mit einem Hybrid auf dem Markt.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.02.2010, 08:20 Uhr
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