Oldies but Goldies
Von Dieter Liechti. Aktualisiert am 24.08.2010
Die Angst vor einem neuerlichen Finanzkollaps und das anhaltende Bankensterben scheint in den USA einen ganz anderen Bereich zu beflügeln: Das Geschäft mit Oldtimern. Bei der 25. Auktion «Sports & Classics of Monterey» an der Pazifikküste
Mitte August brachte das Auktionshaus RM Auctions 95 Prozent der Angebote an den Mann oder die Frau. «Ein sensationelles Resultat», freut sich Rob Myers, Gründer und Chef des grössten Automobil-Auktionshauses der Welt über das Gesamtergebnis von 67 Millionen US-Dollar. «Wir haben nach den 33 Millionen Euro Anfang Mai in Monaco ein gutes Resultat erwartet, aber nicht ein so tolles.»
Dabei überschritten 16 der insgesamt 283 Angebote die ominöse 1-Million-Dollar-Marke. Alleine neun dieser 16 Millionen-Autos stammten aus dem Hause Ferrari: Topmodell war ein 357 MM Berlinetta von 1954, der für 4,62 Millionen US-Dollar versteigert wurde. Am anderen Ende dieser prestigeträchtigen Liste steht ein 275 GTB/4 Berlinetta von 1967. Auch er schaffte den Sprung in den «Millionärsklub» und wurde für 1,045 Millionen US-Dollar an seinen neuen Besitzer übergeben.
«Automobiles Kunstwerk»
Der eigentlich Star der «Sports & Classics of Monterey» stammte zwar auch aus Europa, aber nicht etwa aus Italien oder England, sondern aus Frankreich: Das Talbot-Lago T150-C Speciale Teardrop Coupé mit der Chassis-Nummer 90034.
Dieses, laut Myers «einzigartige automobile Kunstwerk», wurde 1938 von den französischen Karosseriekünstlern Figoni et Falaschi in eine auch heute noch faszinierende Tropfenform gekleidet. Bei dem versteigerten Exemplar handelt es sich um den einzigen Lago Speciale Teardrop mit langem Radstand. Im Vergleich zum normalen Coupé wurde der Radstand bei diesem «goutte d’eau» um 30 Zentimeter verlängert.
«Der Lago Speciale ist ein wunderbarer Repräsentant französischer Kreativität und Fantasie aus der Vorkriegszeit», schwärmte Rob Myers. «Es entstand in der Hochphase des Art Déco und ist auch heute noch eines der anmutigsten Automobile der Welt.» So viel Lob hat natürlich auch seinen Preis: Mindestens 3,5 bis 4,5 Millionen US-Dollar hatte sich RM Auctions für das französische Schmuckstück erhofft, für 4,62 Millionen — gleich viel wie der Ferrari 375 MM brachte — fand es schliesslich einen neuen Besitzer.
Mit 140 PS zum Sieg in Spa
Das «Tränen-Coupé», das 1938 für den erfolgreichen Pariser Banker Antoine Schumann gebaut worden ist, war in seiner «Jugend» nicht nur schön, sondern auch aussergewöhnlich schnell: Sein zweiter Besitzer Freddy Damman — Antoine Schumann kam im Zweiten Weltkrieg um — konnte 1948 bei seinem Renndebüt mit dem Talbot-Lago bei den 24 Stunden von Spa einen Klassensieg verbuchen. Angetrieben wird das Coupé von einem 4-Liter-Sechszylinder, der rund 140 PS leistet.
Das Coupé, das unter anderem auch zwei Jahre lang dem französischen Filmemacher Michel Seydoux («Cyrano de Bergerac») gehörte, wechselte sechsmal den Besitzer. In den vergangenen Jahren wurde das Auto von den Spezialisten der RM Auto Restoration von A bis Z restauriert. Während das Original die Werkstatt von Figoni et Falaschi in edlem Dunkelblau verliess, glänzt der Talbot-Lago jetzt in Schwarz und mit einem edlen Interieur in «Tobacco».
Krisenresistente Oldtimer
Obwohl man im Oldtimer-Business auch heute noch nur ungern das Wort «Investition» in den Mund nimmt, bestätigen die Zahlen der Historic Automobil Group International (HAGI), dass Oldtimer in der heutigen Zeit ein sichererer Wert sind als Aktien. Auch wenn die aktuellen Zahlen des Oldtimer-Indexes leicht sinken, so weisen die Oldtimer im direkten Vergleich mit den Aktien seit Jahrzehnten die deutlich höhere Wertbeständigkeit auf.
«Das können wir bestätigen», sagt Reinhard Schmidlin von der Oldtimer Galerie im bernischen Toffen. «Wir haben von der Wirtschaftskrise viel weniger gemerkt als andere Branchen.» Schmidlin ist überzeugt, dass sich das in naher Zukunft auch nicht ändern wird. «Ein gepflegter oder restaurierter Oldtimer mit einer lückenlos dokumentierten Vergangenheit ist ein Kulturgut, kein Auto. Und Kulturgüter behalten ihren Wert. Auch in der Krise.»
Raid-Prolog morgen in Zürich
Oldtimer-Fans kommen morgen Mittwoch in Zürich auf ihre Kosten: Anlässlich des zum achten Mal stattfindenden Prolog Zürich des Raid Suisse-Paris (www.raid.ch) versammeln sich über 90 Oldtimer zur grossen Klassiker-Parade auf dem Zürcher Bürkliplatz und zur anschliessenden Rallye von Zürich nach Basel.
10.00–12.45 Uhr: Concours d’Elegance mit Bewertung der historischen Automobile.
12.45–13.15 Uhr: Corso und Siegerehrung. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.08.2010, 08:26 Uhr
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