Faszination pur – made in England
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Der strengen Nomenklatur der Formel1-Renner folgend, bekommt der neuste McLaren das Kürzel MP4-12C und steht seit ein paar Wochen für 270000 Franken beim derzeit einzigen Schweizer Händler, bei der Zürcher Schmohl AG. Zeit, diesen sperrigen Namen auszusprechen, bleibt dem Fahrer kaum: Bis man die Buchstaben über die Lippen bekommen hat, zeigt der Tacho auf der Rennstrecke schon mehr als 200 km/h und der Horizont kommt einem gefährlich nahe. Denn schärfer, präziser und schneller als der Exot aus England fährt kaum ein anderer Spitzensportler dieser Preisklasse. Und dank Karbonkarosse, aktiver Aerodynamik, adaptivem Fahrwerk und Bremshilfe beim Lenken ist keiner technisch so nah an der Formel 1 wie der Bolide aus Woking. Das sichert McLaren eine Stellung im Wettbewerbsumfeld, die das Unternehmen aus dem Rennbetrieb bestens kennt – die Poleposition!
600 PS und 600 Newtonmeter
In Fahrt bringt den Zweisitzer ein Mittelmotor mit acht Zylindern und nur 3,8 Liter Hubraum, der aber dank zweier Turbos 600 PS leistet und mit bis zu 600 Nm zur Sache geht. Lässt man die Finger vom Set-up für Antrieb und Fahrwerk, gibt sich der Motor handzahm und lammfromm. Man kann den McLaren buchstäblich mit dem kleinen Finger fahren, der V8 dreht kaum über 2000 Touren, die Doppelkupplung wechselt fast unmerklich die Gänge, und im Auto ist es flüsterleise. Dauerläufe an die Côte d’Azur sind mit dem Briten fast so entspannt möglich wie in einer sportlichen Luxuslimousine.
Doch wehe, man spielt an den beiden Schaltern auf der Mittelkonsole. Im Sport- und erst recht im Track-Modus zeigt der McLaren sein wahres Gesicht: Die Drehzahlen schnellen bis weit in die 8000er, jeder Gangwechsel fühlt sich stark und schnell an wie der Tritt eines Karatekämpfers, und der Motor brüllt selbst die innere Stimme nieder, die den Fahrer vergebens zur Vernunft mahnt. Zu verführerisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich der 1,3 Tonnen leichte Karbonsportler in nur 3,3 Sekunden auf Tempo 100 und in weniger als 10 Sekunden auf 200 km/h beschleunigen lässt, zu spektakulär ist die Leichtigkeit, mit der sich der Wagen durch die Schikanen wedelt, und zu faszinierend die Präzision, mit der er sich an die Ideallinie heftet. Die Formel-1-Technik macht die Jagd nach der Bestzeit auf der Werks-Rennstrecke in Woking zum Kinderspiel und weckt in jedem ein bisschen Lewis Hamilton. Und wer Mut hat, ist mit 330 km/h sogar schneller als mancher Formel-1-Pilot. Dass bei derartigen Spielen die teuren 20-Zöller auf der Hinterachse schneller in Rauch aufgehen als später die Zigarre im Drivers Club und der Bordcomputer so locker mal einen Verbrauch von 20 Litern anzeigt – das dürfte in diesem Falle niemanden stören. Bei maximal 2000 Autos pro Jahr können selbst Klimaschützer gelassen bleiben. Ausserdem ist der Wagen mit 11,7 Litern zumindest im Normzyklus vergleichsweise sparsam.
Von Lewis Hamilton getestet
So spektakulär die Fahrleistungen und so raffiniert die Technik, so zurückhaltend ist das Design: Nicht dass es ihm an Sportlichkeit mangeln würde, und zumindest die Flügeltüren sorgen vor dem Casino von Monte Carlo oder jedem Nobelhotel zwischen Moskau und Miami für den richtigen Showeffekt. Doch wo andere Sportwagen dieses Kalibers aggressiv und provozierend wirken, bleiben die Briten höflich und zurückhaltend. Einzig die riesigen Kiemen an der Flanke, die unkonventionellen Endrohre auf Hüfthöhe, der ausklappbare Spoiler vom Format eines Bügelbretts und natürlich das Fenster zum Motorraum im Heck lassen vermuten, welch heisses Herz unter der kühlen Hülle aus lackiertem Karbon schlägt.
Gebaut wird der 2-Sitzer in Woking, wo auch der Rennstall und die Entwicklung zu Hause sind. Kurze Wege, ein reger Personalaustausch und gemeinsame Mittagspausen sollen dafür sorgen, dass der Geist der Rundstrecke auch auf der Landstrasse lebendig bleibt. Das merkt man selbst an kleinen Details: Nach den abschliessenden Testfahrten von Lewis Hamilton wurde zum Beispiel extra noch einmal der Bezug des Lenkrads modifiziert. Wer dem MP412C jetzt ins Steuer greift, hat exakt das gleiche Gefühl in den Fingern wie der Profi in seinem F-1-Renner. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.02.2012, 13:29 Uhr
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