Ein Thema, an dem sich die Geister scheiden
Lancia Thema
Modell: 4-türige Limousine mit 5 Plätzen.
Masse: Länge 5,07 Meter. Breite 1,9 Meter, Höhe 1,49 Meter. Radstand 3,05 Meter.
Kofferraum: 251 Liter.
Motor: 3,6-Liter-V6-Benziner mit 286 PS (210 kW), 3-Liter-V6-Diesel mit 239 PS.
Fahrleistungen: 7,7 Sekunden (Benziner) oder 7,8 Sekunden (Diesel) auf 100 km/h. Höchstgeschwindigkeit 230 km/h.
Verbrauch: 9,4 (Benziner) bis 7,1 Liter.
CO2-Ausstoss: 219 bis 227 Gramm/Kilometer (Benziner). Diesel 185 bis 191 g/km.
Preise: Benziner ab 53 900, Diesel ab 57 900 Franken.?
Markteinführung: sofort.?
Infos: www.lancia.ch
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Lancia-Liebhaber schwelgen gerne in Erinnerungen. An die guten alten Zeiten, als die italienische Traditionsmarke mit Fahrzeugen wie der Rallye-Ikone Delta HF Integrale noch Grandezza ausstrahlte. Unvergessen bleibt ihnen auch eine von Giugiaro designte Edelkarosse namens Thema, in deren Topversion gar ein Ferrari-Motor wütete. Die mit Alcantara opulent ausgekleidete Limousine fand zwischen 1984 und 1994 immerhin 350'000 Käufer und erwies sich als grösster Lancia-Erfolg in der gehobenen Mittelklasse.
Doch das sind «tempi passati». Schon lange fristet Lancia ein unbedeutendes Nischendasein; seit dem Flop des Thesis liegt das obere Segment brach. Um die darbende Tochtermarke wieder in Fahrt zu bringen, vertraut der Fiat-Konzern jetzt auf den vor zwei Jahren einverleibten Hersteller Chrysler – und etikettiert amerikanische Produkte einfach zu italienischen um. Die «Lancisti» sind vor den Kopf gestossen: Nebst dem Voyager, der samt Modellbezeichnung einfach übernommen wird, ist auch die wiederbelebte Prestigelimousine Thema im Prinzip nichts anderes als ein auf Italienisch getrimmter Chrysler.
Ein «Lancia aus Italien»?
Vor diesem Hintergrund erscheint es beinahe zynisch, dass Markenchef Saad Chehab das neue globale Flaggschiff mit den Worten «Die Welt braucht einen Lancia – einen Lancia aus Italien» präsentierte. Denn die auf Details beschränkte, eine Milliarde Dollar teure Italianisierung des Chrysler-Modells macht noch keinen Lancia aus Italien. Und dennoch wäre es zu einfach, die stattliche Stufenhecklimousine einzig nach ihrer Abstammung zu beurteilen.
Die aktuelle Generation des Chrysler 300 C tritt dank weniger Kanten und grösseren Fenstern eleganter, ja irgendwie europäischer auf als ihr Vorgänger. Mit etwas Wohlwollen und italienischer Detailpflege lässt sich darin auch ein Lancia sehen. Denn anders als sein amerikanisches Pendant zitiert die Italo-Version markante Stilelemente aus ihrer Markenvergangenheit: Die Front ist von der zweiten Auflage des alten Thema inspiriert, das Heck erinnert an jenes der Flaminia. Darüber hinaus stehen dem neuen Thema die amerikanischen Tugenden Grösse und selbstbewusste Präsenz gar nicht mal so schlecht.
Hochwertiges Interieur
Der «Made in Italy»-Anspruch erfüllt sich aber erst im Innenraum, wo anspruchsvolles Design auf warme Materialien und Farben trifft. Das hochwertige Lederinterieur der renommierten Designfirma Poltrona Frau, das offenporige Holz und der dezente Chrom sowie ein elegant gestyltes Armaturenbrett mit saphirblau beleuchteten Instrumenten könnten dem Showroom eines modernen italienischen Möbeldesigners entstammen – ein Romantiker, wer da noch dem 80er-Jahre-Wohnzimmerfeeling vergangener Modelle nachtrauert.
Um Fahrdynamik und Handling nach europäischem Geschmack zu bieten, wurden zahlreiche Fahrwerkskomponenten speziell für Lancia entwickelt. Wirkliche Freude am Kurvenfahren kommt trotz gestrafften Fahrwerks zwar nicht auf, dafür gibts auf geraden Strecken üppigen Reisekomfort – ohne das Gefühl, ein träges Amischiff zu lenken. Für zusätzlichen Luxus sorgt nebst einem Grossaufgebot an innovativen Sicherheits- und Infotainment-Helferlein die Ruhe im Innenraum. Dass unter der Motorhaube 239 italienische Turbodiesel-Pferde arbeiten, lässt sich auch bei höheren Geschwindigkeiten kaum wahrnehmen. Schade nur, dass der kraftvolle, bei VM Motori eingekaufte Selbstzünder vorerst nur mit einer schaltfaulen 5-GangAutomatik erhältlich ist. Demgegenüber bietet die 286 PS starke Topmotorisierung mit dem 3,6-Liter-V6-Benziner aus dem Hause Chrysler bereits eine 8-Gang-Automatik. Für mehr Freude am Tanken empfiehlt sich aber dennoch der Diesel.
10'000 Autos als Ziel
Seine Schwächen macht der neue Lancia Thema letztlich mit einem attraktiven Preis wett. Für 53'900 Franken kann man bei vergleichbaren Limousinen von Audi, BMW oder Jaguar gerade mal in den Verkaufsunterlagen blättern. Gewiss wird es bei Lancia künftig eigenständigere, um nicht zu sagen italienischere Produkte geben müssen, doch vorerst geht es um die Rettung der Marke. 10'000 Abnehmer soll der Thema in Festlandeuropa erobern – eine Rechnung, die mit den enttäuschten «Lancisti» wohl kaum aufgehen wird.
Bleibt also zu hoffen, dass sich genügend Käufer finden, die mit Italo-Nostalgie, Giugiaro und Alcantara ohnehin nicht viel am Hut haben. Das würde auch der Schweiz guttun: Bis Ende September 2011 wurden gerade mal 502 Lancia verkauft – 23,4 Prozent weniger als im Vorjahr.
Nina Vetterli-Treml fuhr den neuen Lancia Thema am 25./26. Oktober auf Einladung von Fiat Schweiz in Norditalien. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.10.2011, 18:46 Uhr
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