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Der gute Geist von Goodwood

Von Thomas Geiger, Nizza. Aktualisiert am 11.05.2012

Im Herbst rollt der neue Rolls-Royce Phantom an den Start. TA-Mitarbeiter Thomas Geiger ist den Luxusliner schon gefahren.

1/5 2,5 Tonnen, 460 PS und 5,83 Meter lang:
Bild: Rolls-Royce

   

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Rund 7000 Exemplare in neun Jahren – viel mehr als die Verkaufszahlen des Phantoms braucht es nicht, um die erfolgreiche Renaissance von Rolls-Royce zu belegen. Während das Comeback von Maybach kläglich gescheitert ist und die alte Schwester Bentley noch immer rote Zahlen schreibt, ist Rolls-Royce unter der Regie von BMW längst wieder dort angekommen, wo die Mutter aller Luxusmarken hingehört – ganz oben.

Zwar verkaufen sie heute schon dreimal so viel Ghost. Doch zu verdanken haben die Briten ihre imposante Rückkehr dem Phantom, der 2003 als erstes Modell unter bayerischer Flagge aufgelegt wurde und von Rolls-Royce ohne jede Spur von Arroganz als «bestes Auto der Welt» gefeiert wird.

LED-Scheinwerfer und 8 Gänge

Kein Wunder also, dass sich die von Crewe nach Goodwood umgezogene Manufaktur ein wenig Zeit mit der Modellpflege gelassen hat. Erst nach neun Jahren, wenn bürgerliche Autos längst zum alten Eisen zählen, haben die Briten ihr Flaggschiff deshalb jetzt etwas aufgefrischt und sind dabei so behutsam vorgegangen, dass man die Unterschiede zumindest optisch eigentlich nur an den jetzt serienmässigen LED-Scheinwerfern und dem neuen Navigationsmonitor erkennt. Sogar die neue 8-Gang-Automatik spürt man nicht, weil schon das alte 6-Stufen-Getriebe so dezent geschaltet hat. Und dass der Wagen jetzt rund zehn Prozent weniger verbraucht? Wer um die 600000 Franken für ein Auto ausgibt und zum Tanken ohnehin sein persönliches Personal hat, der hat wahrscheinlich noch nie auf den Bordcomputer geschaut.

7000 Exemplare in neun Jahren – das ist zwar kein schlechtes Ergebnis. Aber auf unseren Strassen bleibt ein Rolls-Royce ein absoluter Exot, den man eher im Kino oder im Klatschmagazin als im echten Leben zu Gesicht bekommt. Wer den Wagen allerdings einmal gesehen hat, wird ihn kaum mehr vergessen. Denn schon auf den ersten Blick macht der stolze Brite deutlich, dass Grösse durchaus etwas Relatives ist: Mit einer Länge von 5,83 Metern und einer Höhe von 1,63 Metern degradiert er selbst den wuchtigen 7er von BMW zum Kleinwagen und ragt aus dem Verkehr wie der Buckingham Palace aus der Londoner Skyline.

2,5 Tonnen Luxus pur

Ob man im Rolls-Royce Phantom am besten vorne links oder hinten rechts sitzt, ist vor allem eine Frage des persönlichen Geschmacks. Denn der Wagen ist für den Fahrer wie für den Passagier gleichermassen ein Genuss. Vorn thront man hinter einem spindeldürren Lenk- oder besser Steuerrad und ist Herr über einen flüsterleisen 12-Zylinder mit imposanten 6,75 Litern Hubraum, 460 PS und 720 Nm. Das sind Kräfte, die man früher zu Recht als «ausreichend» gelobt hätte und die einem auch heute noch den Atem rauben. Obwohl der Wagen trotz Alukarosse rund 2,5 Tonnen wiegt, reichen weniger als sechs Sekunden für den Spurt auf Tempo 100. Und dass sich der mit Luft gefederte und von einer kaum spürbaren Automatik geregelte Luxusliner mit 240 km/h begnügen muss, ist auch kein Schaden.

Wer das Steuer aus der Hand gibt und durch die gegenläufig angeschlagenen Türen fast aufrecht in den Fond tritt, wird für den Verzicht auf die Führungsrolle mit einem wahrhaft königlichen Salon belohnt, dessen wahre Grösse sich erst in den vielen liebenswerte Kleinigkeiten zeigt: So wird das Holz im ganzen Auto spiegelbildlich verarbeitet. Die Gitter der Lüftung sind aus dem vollen Metallblock gefräst. Hinter den Leuchten schimmert der Kunststoff wie geeistes Kristallglas. Für die Polster mussten 16 Rinder ihre Haut zu Markte tragen. Die Klimaanlage wird auch heute wie mit einem Orgelzug bedient. Und für den Londoner Regen warten in den Türen Schirme mit versilberten Griffen.

Majestätisch sitzen, nicht loungen

Dabei reist man im Fond nicht auf Sesseln, sondern auf einer Chaiselongue, die weit um die Schultern herum gezogen ist und die Passagiere zu einer untadelig aufrechten, ja majestätischen Sitzposition erzieht. Lümmeln soll man gefälligst in anderen Autos, mögen die Briten dem Hinweis auf die Liegesitze im Maybach entgegnen, zumal es an Beinfreiheit im Phantom nun wirklich nicht mangelt. Und auch die Kritik an den ziemlich kleinen Fenstern werden sie kaum gelten lassen. Das dient – neben den elektrisch zusurrenden Vorhängen schliesslich auch der Privatsphäre.

BMW hat die Zeit mit Rolls-Royce nicht nur genutzt, um die Marke zurück an die Spitze zu führen und mit dem Phantom den Massstab für automobilen Luxus neu zu definieren. Sondern Bayern und Briten haben aus dem Singulär mittlerweile eine feine Familie gemacht. Neben der kurzen und der langen Limousine gibts auch noch ein famoses Coupé und als Luxusjacht auf Rädern auch ein Cabrio. Technisch identisch, im Charakter dafür grundverschieden wären diese vier Varianten für normale Kunden eine Qual der Wahl. Doch bei Rolls-Royce sei das ein bisschen anders, sagt Firmenchef Torsten Müller-Ötvös: «Wer sich nicht entscheiden kann, der kauft einfach mehrere Autos.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2012, 21:19 Uhr

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