Das amerikanische Sakrileg
Echten Oldtimer-Fans wird dieses Auto die Zornesröte auf die Stirn treiben. Denn Hand an einen Bugatti aus den Dreissigern zu legen, ist für sie ein absolutes Sakrileg. Doch Terry Cook aus Long Valley vor den Toren von New York sieht das etwas entspannter. Obwohl er sein Geld mit Hot-Rods verdient, schwärmt auch der 68jährige für die legendären Entwürfe aus Molsheim und zollt seinen Idealen jetzt einen ganz besonderen Respekt: Pünktlich zum Concours d'Elegance Mitte August in Pebble Beach zwischen San Francisco und Los Angeles lässt er den traumhaften Bugatti 57S wieder auferstehen – na ja, beinahe zumindest.
«Ein echter Bugatti zählt nicht nur zu den seltensten, sondern auch zu den teuersten Oldtimern der Welt. Damit ist er für viele Fans absolut unerreichbar», sagt der Karosseriebauer, der neben seiner Hot-Rod-Firma Decorides eigens für die Vorkriegsmodelle als zweites Standbein das Unternehmen Delahaye USA aus der Taufe gehoben hat. «Ausserdem verbieten sich bei einem solchen Original sämtliche Anpassungen an die Neuzeit von selbst.» Um das Problem mit dem Preis zu lösen und obendrein ein wenig Komfort in die Welt der Klassiker zu bringen, baut Cook «seinen» Bugatti deshalb kurzerhand selbst und lässt dabei auch noch ein paar Ideen aus dem Hot Rod-Design einfliessen.
Karbon – nur auf Wunsch Aluminium
So entsteht ein fünf Meter langer Stromlinien-Kreuzer mit wunderbar fliessenden Linien, eleganten Proportionen und beinahe wollüstigen Formen, der gespickt ist mit ein paar filigranen Zierleisten aus Chrom, klassischen Speichenrädern und einem Kühlergrill, der auch vom Original stammen könnte. Nur wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass zwischenzeitlich 70 Jahre vergangen sind. Denn wo Bugatti seine Autos noch aus Blech gedengelt hat, lässt Cook die Karosse aus Karbon formen und überzieht das Fasergeflecht nur noch mit Klarlack. Nur auf speziellen Wunsch soll es den Wagen auch aus Aluminium geben.
Unter der eleganten Hülle steckt ein ebenfalls selbst gefertigter Rahmen, der sich an der Originalkonstruktion orientiert: Blattfedern und Starrachsen sind deshalb gesetzt. Allerdings sorgen eine Servolenkung für gehobenen Fahrkomfort und ein Zwölfzylinder aus dem Siebener BMW für adäquate Fahrleistungen. Ausserdem baut Cook natürlich eine Automatik ein – schliesslich will er den Wagen vor allem in Amerika verkaufen.
Auch innen gehen Vergangenheit und Gegenwart Hand in Hand. Ganz klassisch plant der Karosseriebauer eine luxuriöse Welt aus Lack und Leder und will das Bugatti-Boudoir von Kunsthandwerkern individuell ausschlagen lassen. Doch sollen seine Kunden auf Annehmlichkeiten wie eine Klimaautomatik, elektrische Fensterheber oder eine Musikanlage deshalb nicht verzichten müssen.
Aus Bugnotti wird Bella Figura
Dafür jedoch werden sie sich nicht mit dem echten Namen schmücken können. Denn mit Rücksicht auf den VW-Konzern, der die Rechte an Bugatti hält, nennt Cook seinen Entwurf im Scherz gerne Bugnotti, was bei amerikanischer Aussprache fast genauso klingt. «Aber ich weiss nicht, wie viel Spass die Anwälte in Wolfsburg verstehen,» sagt der Karosseriebauer und lässt auch diesen Titel deshalb immer häufiger weg. «Meistens nenne ich den Wagen nur noch ‹Bella Figura›, das ist unstrittig.» Und das steht ausser Zweifel.
Natürlich ist auch der Bugnotti, der mit Aluminiumkarosserie etwa 450'000 Dollar und in Karbon rund 300'000 Dollar kosten wird, ein teures Vergnügen. Doch vergleicht man das mit den Millionenpreisen für eines der raren Originale, ist der Wagen fast schon ein Schnäppchen. Und schwitzen muss man darin auch nicht. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.06.2010, 06:35 Uhr
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