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Ich – mein härtester Gegner

Von Nina Vetterli. Aktualisiert am 20.04.2012

Einen Porsche auf öffentlichen Strassen zu bewegen, macht nur begrenzt Spass. Beim Sports Cup Suisse können ambitionierte Fahrer dafür ans Limit gehen – vor allem ans eigene.

1/3 Der Porsche 911 beim Sports Cup Suisse in Mugello.
Bild: D. M. Deckbar

   

Porsche Sports Cup Suisse

Der Porsche Sports Cup Suisse ist eine seit 25 Jahren ausgetragene Clubund Kundensportserie, die Fahrern die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Sportwagen auf europäischen Rundkursen unter Rennbedingungen zu bewegen. Die Saison 2012 startete am 12. bis 14. April erstmals seit sechs Jahren wieder in Mugello. Bis im September sind fünf weitere Rennwochenenden vorgesehen, unter anderem in Imola, Dijon und Magny-Cours. In der Gleichmässigkeitsprüfung Porsche Driver’s Challenge wird eine regionale Rennlizenz vorausgesetzt, für den Porsche Sports Cup und den Porsche Super Sports Cup ist die nationale erforderlich.

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«Mugello? Wurde in letzter Zeit häufig gebucht», verriet mir Wani Finkbucher vom Geschäft gleich bei mir um die Ecke. Das übrigens kein Reisebüro ist, sondern Racing Fuel, eine Firma für Motorsportausrüstung, die unter anderem einen Rennsimulator anbietet. Beim virtuellen Racing auf dem bewegten Sportschalensitz lässt sich ein Rundkurs ziemlich gut kennen lernen – so auch die 4,3 Kilometer lange, nördlich von Florenz gelegene Formel-1-Teststrecke Autodromo del Mugello. Und weil die Strecke im Rennkalender des Porsche Sports Cup Suisse neu ist, wollten offenbar viele Fahrer auf dem Simulator einen heimlichen Vorsprung gewinnen (heimlich, da dies natürlich niemand zugeben würde). Jedenfalls dachte ich mir, prima, ich bin weder mit der Rennstrecke noch dem Rennfahren an sich wirklich vertraut, da kann der heimliche Vorsprung auch mir nicht schaden.

«Warum tu ich mir das an?»

Falsch, fand jedoch mein Magen schon nach vier Runden – und so fuhr ich den von Porsche Schweiz zur Verfügung gestellten neuen 911 Carrera S letztlich unvorbereitet in die Toskana. Wirklich vorbereiten auf das, was man auf so einer Rennveranstaltung erlebt, kann einen der Simulator aber ohnehin nicht. Er kann nicht erklären, warum 64 Amateurpiloten weit mehr als ein durchschnittliches Schweizer Jahreseinkommen pro Saison ausgeben, um ihren Porsche im Kreis zu fahren. Oder die Atmosphäre beschreiben, wenn die verschiedenen Fahrzeuge – vom rennmodifizierten GT2 mit gigantischem Heckflügel über den 911-Veteranen bis hin zum gewöhnlichen Boxster S – in die Boxen gerollt, bunt beklebt und von den Mechanikern für den Einsatz parat gemacht wird. Wenn die Motoren gestartet und die Boliden ohrenbetäubend über die Zielgerade jagen. Und man dann selber in den Renndress schlüpft, um plötzlich ein lautes Hämmern zu vernehmen (es wird wohl das Herz sein, Motoren klingen anders) und sich zu fragen: «Warum genau tu ich mir das an?» Vor allem aber kann man auf dem Simulator nicht erahnen, wie das ist, wenn man es sich dann trotzdem antut.

«Die Konzentration war weg»

Aber eins nach dem anderen. Dem Renntag gingen Trainingstage voraus; während freier Fahrten zu 25 Minuten hatten Teilnehmer die Gelegenheit, die 14 Kurven der Strecke zu verinnerlichen, die Ideallinie zu finden, Brems- und Einlenkpunkte zu bestimmen, die Grenzen auszuloten. Dabei half mir ein hervorragender, von Porsche engagierter Instruktor (dem es allerdings komisch vorkam, sogenannt zu werden, weil er den Job bloss nebenberuflich macht). Zunächst wollte «Mäse» Marty, dass ich – wie er es nannte – bei ihm «mitreite». Weil sich der Magen dabei aber wie auf dem Simulator fühlte, war es bald er, der bei mir «mitreiten» musste. Und der Mann lebte gefährlich.

Doch was zu Beginn noch unkontrolliert war, wurde von Runde zu Runde sicherer, präziser und damit auch schneller. Die ganze Strassenbreite auszunutzen, die «Curbs» gleich mitzunehmen, genauso hart auf die Bremse wie aufs Gas zu treten und die Nerven zu haben, in eine blinde Kurve zu rasen – daran muss man sich erst mal gewöhnen. Am meisten aber hatte ich mit der Konzentration zu kämpfen: Jeweils nach drei Runden ritt sie nicht mehr mit, sondern davon, und schon begann ich gemäss meinem erfahrenen Beifahrer zu «jufeln».

«Zwei gutmütige Lehrer»

Genau wie mein Instruktor war auch der neue 911er der Modellnummer 991 ein gutmütiger Lehrer. Mit seiner – nicht zuletzt dank verlängertem Radstand – satten Strassenlage, der elektrohydraulischen Lenkung, dem Doppelkupplungsgetriebe, das man im Sport-Plus-Modus auf der Strecke geradeso gut selber schalten und walten lässt, sowie den 400-Boxer-PS im Heck lässt es sich mit der normalen Strassenversion des Carrera S ungeniert gegen die aufgepumpten GT2 und GT3 der letzten Baureihen antreten. «Wilde Hilde» heissen bei Porsche Schweiz die roten 11er, die seit einigen Jahren beim Sports Cup eingesetzt werden. Womit ich nicht einverstanden bin. Für ein weibliches Wesen verhielt sich der (nicht die) Porsche viel zu wenig zickig: Selbst als ich bei strömendem Regen im Wertungslauf zu früh nach der Kurve aufs Gas trat und das Heck zu zuckeln begann, verzieh er mir dank seinen Regelsystemen und brachte mich rasch wieder auf die gewünschte Linie.

Während sich die ehrgeizigen Piloten in den Serien Porsche Sports Cup, Super Sports Cup und GT3 Cup Challenge das volle Rennprogramm um Millimeter und Millisekunden gaben, gings bei der Porsche Driver’s Challenge etwas gemässigter zu. In dieser Wertung messen sich jeweils Neueinsteiger oder solche, die ihr Auto und Portemonnaie schonen möchten bei einer Gleichmässigkeitsprüfung. Das Ziel besteht darin, möglichst oft die Zeit einer im Voraus unbekannten Referenzrunde zu erreichen. Nicht der Schnellste gewinnt, sondern der Regelmässigste. Wobei elektronische Hilfsmittel wie etwa GPS verboten sind, wie beim Fahrerbriefing betont wurde. Man fährt also nach Gefühl, und es bringt einem absolut nichts, wenn man – so wie ich – zwei Runden hinter langsameren Fahrzeugen hertümpelt, um sie anschliessend zu überholen und schnellere Zeiten hinzulegen.

«Was, schon vorbei?»

Die routinierten Fahrer lagen in der Siegerwertung denn auch vorne. Und nur die mässig Talentierten liessen sich dazu hinreissen, anderen Fahrern oder dem Regen die Schuld zu geben. Schliesslich fahren alle unter denselben Bedingungen, und alle kämpfen gegen den härtesten Gegner, den es auf der Rennstrecke überhaupt gibt: sich selbst.

«Hauptsache, es hat richtig Spass gemacht», sagte mein geduldiger Instruktor am Ende des Rennweekends. Und wie! Doch das dominierende Gefühl nach dem Einsatz in Mugello – und auch darauf bereitet einen der Simulator nicht vor – ist die Enttäuschung: Was, schon vorbei? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2012, 17:19 Uhr

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