Fortschritt schlägt Tradition
Von Peter Hegetschweiler. Aktualisiert am 31.07.2010
Wie viel Mini darf es maximal sein? Diese Frage stellt sich nicht erst jetzt, da Mini-Eigner BMW
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das vierte Modell seiner Retro-Reihe an den Start bringt — den Countryman. Denn schon vor drei Jahren gabs erstes Stirnrunzeln bei der von Neuem auf die Marke Mini eingeschworenen Fangemeinde, als die Bayern den Clubman lancierten. Der begeisterte zwar mit seinen legendären Flügeltüren am Heck, verstörte aber mit seiner Übergrösse. Um genau 42 Millimeter hielten ihn seine Entwickler damals noch unter der 4-Meter-Marke, dem Massstab in der Kompaktklasse.
Marcus Siering, mitverantwortlich für das Design des Clubman, bezeichnete diese vier Meter damals als «Schmerzgrenze» für die Marke Mini. Begründung: «Mehr liegt von den Proportionen her schlicht nicht drin.»
Grösser als der grosse Bruder
Und jetzt? Drei Jahre später? Alles passé. Der neuste Mini macht sich weit über vier Meter lang (4,11 Meter), gibt sich 1,80 Meter breit und wuchtet sich auf eine Höhe von 1,58 Meter. Damit überragt der Maxi-Mini selbst seinen grossen Konzernbruder, den 1er BMW. Auch der hat sich seinen Namen längst gemacht: in der Kompaktklasse. Pardon: in der Premium-Kompaktklasse.
Genau dorthin zielen die Bayern nun auch mit Mini Nr. 4. Zwar beschwören sie noch immer das legendäre Go-Kart-Feeling herauf, das den Ur-Mini fast im Überfluss auszeichnete. Der war aber 1,06 Meter kürzer, 38 Zentimeter schlanker und 22 Zentimeter flacher — ganz zu schweigen von seinem Fliegengewicht von 605 Kilo, das er damals auf die Waage brachte. Dafür fährt sich der Countryman statt bretthart äusserst komfortabel. Und eine freudvolle Agilität ist ihm trotz hohem Schwerpunkt und den «angespeckten» 725 Kilo (mit Allrad wiegt der Countryman sogar 1455 Kilo) nicht abzusprechen. Die extrem kurzen Überhänge und der lange Radstand von 2,595 Metern zeigen noch immer Wirkung.
Schluss mit Sentimentalitäten
Zur Kenntnis nimmt man das nach ersten Testfahrten durchaus mit Respekt. Aber auch ziemlich emotionslos. Sentimentalitäten hat sich wohl auch jener Mann verkneifen müssen, der seit 2001 alle Mini der Neuzeit — vom Basismodell Mini One über den Mini Cooper und das Mini Cabriolet bis zum Clubman — gestaltet hat: Gert Hildebrand, der Chefdesigner. Offen zu gibt das der kreative Kopf aus Inzlingen, einem Mini-Dörfchen unweit der Schweizer Grenze bei Basel gelegen, natürlich nicht. Hildebrand spricht bestenfalls davon, diese Entwicklung sei «eine Gratwanderung» gewesen, «das Ergebnis von Kundenwünschen».
Besser wäre wohl zu sagen: Das Ergebnis von befragten potenziellen Kunden, die bislang keinen Mini gekauft haben, weil er ihnen offensichtlich zu klein war. Das — vor allem das — will man bei BMW jetzt ändern. So, wie Audi mit dem A1 junge, urbane Käufer zu generieren sucht, Frauen wie Männer, die ab und zu auch mit Surfbrett, Bike oder gar dem Kinder-Buggy unterwegs sind, bringen die Bayern den Mini-Grenzgänger als Eroberer in dieses erfolgversprechende Segment. 300'000 Countryman jährlich seien das Ziel, heisst es. Bislang hat die BMW-Tochter 1,1 Millionen Minis verkauft. Aber in neun Jahren.
Der Zweck also heiligt auch bei einer Ikone wie dem Mini die Mittel. Dass zumindest beim Countryman mit der Tradition gebrochen wird, gibt selbst BMW zu. Indirekt zumindest, wenn es vom Neuling als Crossover spricht. Der kommt auch nicht mehr aus dem englischen Oxford, sondern aus dem österreichischen Graz. Dort, bei Magna, sind nicht nur die erforderlichen Kapazitäten vorhanden, es gibt das passende Allradkonzept gleich mit dazu. Bei Mini nennt man das trendig ALL4. Das System steuert über ein Mitteldifferenzial die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse stufenlos. Auf trockener Strasse werden bis zu 50 Prozent auf die Hinterräder geleitet, im Extremfall sind es 100 Prozent. Das macht den Maxi-Mini auf seine Art einmalig. Zumindest auf Schnee.
Aber natürlich bietet der Countryman auch andere, bisher bei Mini nicht gekannte Gefühle. Und Vorteile. Gemeint ist damit zum einen die erhöhte Sitzposition des Lenkers oder der Lenkerin, aber auch das grosszügige Raumgefühl auf den beiden getrennt montierten Rücksitzen. Auf Wunsch kann der Über-Mini aber auch mit einer dreisitzigen Rückbank geordert werden, die sich im Verhältnis 40:20:40 umklappen lässt. So entsteht in der Mitte eine Art Durchreiche, wo selbst ein Surfbrett hindurchpasst, ohne die Fondpassagiere zu behindern. Gleiches gibt es im Moment bestenfalls noch beim neuen 5er-Touring von BMW, dessen Laderaum sich so auf 1670 Liter vergrössert. Der Countryman kommt maximal auf 1170 Liter. Selbst in der Kompaktklasse, welcher der Viertürer jetzt angehört, ein respektvoller Wert.
Minimalismus bei der Effizienz
Wo selbst der Countryman in schöner Tradition auf Minimalismus macht, ist die Effizienz: «Auf diesem Niveau gibt es keinen Konkurrenten mit besseren Werten», liess sich vergangene Woche der Markensprecher von Mini bei der Lancierung des jüngsten Familienmitglieds zitieren. Zurzeit liege der Schadstoff-Ausstoss der Palette bei 127 g/km — der 211 PS starke John Cooper Works mit eingeschlossen. Als solchen Renner wird es den neuen Grossen allerdings nicht geben.
Derzeitige Topversion ist der Countryman als Cooper S mit Allradantrieb, der 184 PS leistet, die 1,45 Tonnen Eigengewicht in nur 7,6 Sekunden auf 100 km/h wuchtet und eine Höchstgeschwindigkeit von 215 km/h erreicht. Dennoch soll er sich dank Start-Stopp-Automatik und weiteren BMW-spezifischen Sparmassnahmen mit 6,1 Liter auf 100 Kilometer bescheiden.
Mit einem Preis von 39 400 Franken ist der Cooper S ALL4 auch klar der teuerste der Palette, die insgesamt drei Benzin- und zwei Dieselversionen umfasst. Einstiegsmodell ist der Countryman One mit 98 PS ab 27 '900 Franken, der stärkere Diesel leistet im Cooper D 112 PS, verbraucht laut Werk 4,1 Liter und kostet mit Vorderradantrieb 33 '100 Franken, für den Allradantrieb bezahlt man 2500 Franken drauf. In die Schweiz kommt der Maxi-Mini am 18. September.
* Peter Hegetschweiler fuhr den neuen Mini Countryman am 23./24. Juli auf Einladung von BMW Schweiz in Deutschland.
Mini Countryman
Masse: Kompakter Crossover mit 4 Türen
und 4 Plätzen. Länge 4,11 Meter. Breite 1,79
Meter. Höhe 1,56 Meter. Kofferraumvolumen 350 bis 1170 Liter.
Motoren: Drei Benziner mit 98, 122 und
184 PS, zwei Diesel mit 90 und 112 PS.
Fahrleistungen: Spurt von 0 auf 100 km/h
in 7,6 bis 12,9 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 170 bis 215 km/h.
Verbrauch: 4,4 bis 6,3 Liter. CO2:
115 bis 157 g/km.
Preis: 27 '900 (Mini One) bis 36' 900 Franken (Cooper S mit Allradantrieb).
Markteinführung: 18. September 2010.
Infos: www.mini.ch (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.07.2010, 14:40 Uhr
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