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Lamborghini stürmt das Gelände
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Die ersten Lamborghini waren Traktoren, und jetzt kehren die Italiener womöglich bald wieder auf schweres Terrain zurück. Denn um sich unabhängiger von konjunkturellen Schwankungen zu machen und neue Kunden auf neuen Märkten anzusprechen, plant auch die schnelle VW-Tochter einen Geländewagen. Doch keine Sorge: Wenn eine aufs Extreme spezialisierte Sportwagenschmiede ein SUV baut, wird das keine neumodische Familienkutsche. «Sondern ein SUV von Lamborghini wird genauso extrem und kompromisslos wie der Gallardo und der Aventador», verspricht Firmenchef Stephan Winkelmann und zieht zum Beweis in Peking das Tuch von der Designstudie Urus.
Der futuristische SUV passt aber nicht nur wegen seines Namens perfekt in die Lamborghini-Familie. Denn Urus steht im Lateinischen für den Auerochsen und damit für den Urvater jenes Kampfstiers, den die Italiener im Markenzeichen tragen. Auch das Design orientiert sich am bekannten Muster: Als hätte er sich mal wieder von Düsenjägern inspirieren lassen, hat Designchef Filippo Perini den Wagen eher mit dem Rasiermesser als mit dem Bleistift entworfen. Scharf und kantig reckt er deshalb seine aggressive Front in den Wind und duckt sich dabei tiefer als jeder andere seiner Art. «Mit 1,66 Metern haben wir das flachste Auto im Segment», sagt Perini zu der über fünf Meter langen Studie und zeigt auf ein paar Skizzen, dass selbst ein BMW X6 noch etwas höher ist.
Kofferraum statt Motor im Heck
So gibt es zum Aventador-Gesicht eine Silhouette, die durchaus an den Gallardo erinnert. «Denn das Verhältnis von Karosserie und Glas ist identisch», sagt Perini und streicht über die stark taillierte Flanke, die ihn an eine Cola-Flasche erinnert. Nur das Heck ist ungewöhnlich. Von aussen, weil es ein paar Linien zu viel trägt, um die Luft zu leiten. Und von innen, weil dort diesmal kein Motor, sondern ein Kofferraum vorgesehen ist.
Auch sonst ist innen natürlich alles anders als üblich bei einem Lamborghini. Ja, die Sessel sind genauso schmal und sportlich geschnitten wie im Aventador, die Instrumente sind wieder voll animiert, der Tacho geht bis weit über Tempo 300, und auf der Mittelkonsole gibt es einen Starterknopf mit einem Schutzkläppchen wie im Kampfflieger. Doch zum ersten Mal mussten sich Designer und Entwickler auch über Dinge wie Kopf- und Kniefreiheit oder das Ladevolumen richtig Gedanken machen. Und es klingt schon ein wenig ungewöhnlich, wenn jemand wie Mauricio Reggiani als Vater des Aventador plötzlich über den komfortablen Einstieg, die bequeme Rückbank oder die niedrige Ladekante philosophiert. Aber das muss man wohl, wenn man endlich auch mal den Erstwagen im Haushalt stellen will und nicht nur das Spielzeug. Und genau das ist die Mission des Urus: Er soll ein Auto sein, mit dem man auch mal Brötchen holen, die Kinder zur Schule bringen oder ins Büro fahren kann.
Aber Reggiani hat die alten Tugenden deshalb nicht vergessen. Schliesslich hat sein Chef Winkelmann versprochen, dass der Urus «die extremste Interpretation des SUV-Gedankens» und ein waschechter Lamborghini ist. Deshalb muss das Auto das sportlichste SUV aller Zeiten werden und sich strammer und schärfer fahren lassen als die Konkurrenz.
Sparen und Spurten
Damit man das Auto trotzdem auch halbwegs komfortabel und zur Not auch mal über Stock und Stein bewegen kann, setzt Reggiani auf eine Luftfederung mit extrem grossen Verstellwegen und eine aktive Aerodynamik. Verstellbare Spoiler an Front und Heck sollen bei verschärfter Gangart den nötigen Anpressdruck erzeugen und ansonsten den Verbrauch mindern.
Denn auch das ist ein Ziel der Italiener: Bei allem Vergnügen soll der Urus auch ein halbwegs vernünftiges Auto werden. Dafür verzichtet Winkelmann gerne auf den V12-Motor, der den Urus-Vorgänger LM002 vor 35 Jahren (siehe unten) zu so einem exklusiven Exoten gemacht hat, dass die Produktion bereits nach 301 Exemplaren wieder eingestellt wurde. Stattdessen liebäugelt er mit einem V8-Motor mit Biturbo und Hybridbaustein, der die in Peking annoncierten 600 PS genauso gut schaffen könnte. Was zusätzlich beim Spritsparen und beim Spurten helfen soll, ist konsequenter Leichtbau. Nicht nur die Zierteile im Innenraum sind deshalb aus Karbon, sondern die gesamte Fahrzeugstruktur wird aus Kohlefasern gebacken, sagt Reggiani: «Damit wollen wir mindestens 100 Kilogramm leichter sein als andere Modelle dieses Segments.»
Entwicklung steht am Anfang
Wenn die Italiener über den Urus sprechen, dann klingen sie so, als wäre die dritte Baureihe beschlossene Sache. Doch so weit ist das Projekt noch nicht. Bevor pro Jahr zu Preisen auf Gallardo-Niveau um die 3000 SUV verkauft werden können, braucht Winkelmann erst noch grünes Licht aus Wolfsburg. Und die Entwicklung steht erst am Anfang. Vier, eher fünf Jahre wird es deshalb noch dauern, bis der Urus in Serie gehen könnte. Und Winkelmann wählt den Konjunktiv mit Bedacht. Denn der Firmenchef weiss sehr wohl, dass dieser Traum auch noch platzen kann. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.04.2012, 20:42 Uhr
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