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Auf die hohe Kante
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Einer geht noch: Obwohl es kein anderes Auto aus Deutschland gibt, das sich schon so lange gegen alle Trends sträubt wie die Mercedes-G-Klasse, bekommt der kantige Klassiker jetzt noch einmal ein Facelift: Zum Sommer überarbeiten die Schwaben das Design des Urtyps, möbeln den Innenraum auf und ergänzen die Ausstattungsliste. Das Wichtigste allerdings verbirgt sich unter der mächtigen Haube: Dort halten aus der AMG-Fraktion gleich zwei neue Motoren Einzug. Die Preise ändern sich für G-Klasse-Verhältnisse nur marginal und beginnen bei 115 100 Franken. Das neue Topmodell, der G 65 AMG mit dem 12-Zylinder-Biturbomotor, kostet mehr als das Dreifache.
Optisch wenig Neuerungen
Will man die neue von der aktuellen G-Klasse unterscheiden, dann muss man schon genau hinschauen: Denn nach wie vor ist der Geländewagen ein König der Kanten, der allein mit dem Lineal und dem Winkelmesser gezeichnet scheint. Weil aber die Designer trotzdem ein wenig mit der Zeit gehen müssen, haben sie unter den Kulleraugen der Rundscheinwerfer ein paar LED-Punkte fürs Tagfahrlicht gesetzt und dem Wagen neue Aussenspiegel verpasst. Die bieten nicht nur das grössere Blickfeld, sondern sind auch aerodynamischer und dürften damit das Geräuschniveau reduzieren.
Innen ist der Fortschritt schon etwas deutlicher: Man blickt in ein nagelneues Cockpit mit viel Anleihen von Moder E-Klasse, in dem zwischen Tacho und Drehzahlmesser ein grosses Display prangt. Und über dem Mitteltunnel wächst eine breite Konsole mit einem zweiten Bildschirm und vielen schmucken Tasten. Über sie bedient man zahlreiche neue Ausstattungsoptionen wie das serienmässige Command-System mit Onlinenavigation oder die aufpreispflichtigen Assistenten zum Rückwärtsrangieren, zur Abstandsregelung oder für den Blick in den toten Winkel.
Jetzt von 211 bis 612 PS
Die meiste Arbeit bei der Modellpflege hatten allerdings die Motorenentwickler. In der Grossserie bleibt es zwar beim V8-Benziner im G 500 mit 388 PS und dem V6-Diesel für den 211 PS starken G 350. Doch die AMG-Mannschaft hat ihr Motorenprogramm erneuert und vor allem deutlich erweitert. Aus dem G 55 wird ein G 63, dessen weiterhin 5,5 Liter grosser V8-Motor nun 544 PS leistet, und an die Spitze rückt erstmals ein G-Modell mit zwölf Zylindern: Der G 65 AMG fährt mit einem sechs Liter grossen Doppelturbo, der in jeder Hinsicht die Spitze markiert: Mit 612 PS ist er der stärkste Geländewagen Deutschlands, mit einem Preis von 356 000 Franken das teuerste Modell in der Mercedes-Liste und mit einem Verbrauch von 17 Litern der grösste Schluckspecht der Schwaben. Doch die Kunden in Dubai, Moskau oder Miami werden jubeln.
Und sie sind es, die dem G über alle Jahre die Treue gehalten und ihm so das Leben gerettet haben. Ursprünglich mal für das Militär und die Rettungsdienste entwickelt, kam die Karriere dieses Klassikers in Friedenszeiten nur langsam in Fahrt: Denn friedliche Potentaten und die flaue Kassenlage der öffentlichen Hand limitieren den staatlichen Bedarf. Deshalb beschloss Mercedes eine grosse G-Volution und überstellte den G in die Pw-Division. Dort wurde der urtümliche Krabbler nicht wie geplant nach zwölf Jahren eingestellt, sondern auf den Wogen der ersten Allradwelle zu einem Lifestyle-Objekt, das sich mit Kanten, Charakter und seiner technischen Sonderstellung von den Emporkömmlingen aus dem Inund Ausland differenziert.
Ein gepanzerter «Panzer»
Und nachdem sein Stern wegen des immensen Verbrauchs und der erstarkten Konkurrenz vor einigen Jahren doch beinahe zu verglühen schien, haben plötzlich die Amerikaner ihre Liebe für den «G from Germany» entdeckt und ihm so über sein Karrieretief geholfen. Heute schätzen allerdings rund um den Globus nicht nur Abenteurer und Aufschneider den kantigen Klassiker. Sondern als gepanzertes Modell in der schwersten Schutzstufe B7 ist der G-Guard vielen Prominenten zur Trutzburg auf Rädern geworden.
Zwar ist die G-Klasse der fahrende Beweis dafür, dass auch das Marketing nicht vor Fehlern gefeit ist. Doch mittlerweile steht Stuttgart wieder in Treue fest zu dem kantigen Klassiker – nicht zuletzt, weil jedes Auto bei längst finanzierten Werkzeugen bares Geld verdient: «Unsere G-Klasse ist seit 33 Jahren der Fels in der Brandung», sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche und denkt nicht im Traum an ein Ende für den Dinosaurier. Im Gegenteil: Schon vor drei Jahren zum 30. Geburtstag hat er etwas gesagt, was den Fans für die Zukunft Hoffnung machen sollte: «Wir haben bisher 200000 Exemplare vom G verkauft. Das Fahrzeug ist heute erfolgreicher denn je, die Kunden sind begeisterter denn je, und vielleicht feiern wir ja in zehn Jahren den nächsten runden Geburtstag.»
In der Schweiz hat Mercedes im Januar und Februar beispielsweise 15 G-Modelle verkauft, in der gleichen Zeitspanne aber nur 10 Exemplare des modernen GL. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.04.2012, 12:59 Uhr
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