Auto

IAA: Fahrspass, Sparspass und Visionen

Von Dieter Liechti und Thomas Geiger, Frankfurt. Aktualisiert am 18.09.2009

Beim grossen Branchengipfel in Frankfurt, der IAA, zeigt sich die Autoindustrie optimistischer als auch schon. Dafür sorgen viele saubere Versprechungen und ein reales Traumauto mit Flügeln.

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82 Weltpremieren von mehr als 60 Herstellern: An der IAA in Frankfurt zeigt sich die Industrie von ihrer innovativen Seite – und setzt vor allem auf umweltfreundliche Elektroantriebe.
Bild: Keystone

   

Die Autoindustrie ist gefangen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das belegt ein Rundgang durch die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt. Was vor zwei Jahren gleichenorts begann, wird in diesem Jahr mit aller Konsequenz fortgesetzt: Die Autoindustrie steht unter Strom – es gibt kaum einen Hersteller, der nicht mit einem Elektrofahrzeug kokettiert. Doch vor 2012 werden selbst die Kleinserien der Stromer keine nennenswerten Stückzahlen erreichen. «Bis ein Stromer die Produktionskurve eines Polo schneidet, wird es mindestens 2020», so VW-Chef Martin Winterkorn.

Trotzdem tut die ganze Branche so, als habe das Elektro-Zeitalter längst begonnen, und feiert einen Stromer nach dem anderen: So wird der VW-Kleinstwagen Up! zum elektrischen Stadtflitzer mit 100 Kilometern Reichweite; bei Mercedes parken der Smart und die futuristische B-Klasse-Weiterentwicklung Blue Zero an der Steckdose, Opel sieht den Ampera auf Basis des Chevrolet Volt als Markstein für den «Beginn eines neuen Automobilzeitalters», Renault glänzt gleich mit vier E-Autos, und Peugeot und Citroën zeigen nach der Kooperation mit Mitsubishi ihre eigene Interpretation des i-MiEV von Mitsubishi. All diese Autos haben zwar Serienchancen, aber nur wenige, wenn überhaupt, wird man bis zur nächsten IAA 2011 auch tatsächlich kaufen können.

Stromer mit Spassfaktor

Obwohl das neue Segment der Elektromobile noch gar nicht richtig aus den Startlöchern gerollt ist, gibt es bereits einen weiteren Trend: das Spass-Sparen. Stand bisher immer nur das Sparen im Fokus der Stromer, so zeigen die Hersteller an der IAA, dass der Fahrspass auch in Zukunft nicht auf der Strecke bleibt. So wird der Audi R8 zum schnellen, aber flüsterleisen Elektrosportler E-Tron, bei Mercedes plant man ganz konkret einen elektrisch angetriebenen SLS, und unter den Kleinserienherstellern und Tüftlern findet man Firmen, die nun sogar Formel-Sportwagen mit Batterien bestücken.

Als Zwischenschritt auf dem Weg zum Elektroantrieb gewinnt der Hybrid weiter an Bedeutung. Nachdem hier bis dato nur Toyota, Lexus und Honda aktiv und erfolgreich waren, hat sich aus europäischer Sicht bisher nur Mercedes an dem Hybrid-Reigen beteiligt. Doch nun holen die Europäer nach, was die Japaner vorgemacht haben. BMW macht deshalb in Frankfurt den 7er und den X6 zu Teilzeit-Stromern, und Peugeot verspricht als Erster die Kombination von E-Motor und Diesel, weil so der Spareffekt glatt verdoppelt werden könne.

Doch der reine Hybrid, wie er mit Toyota Prius oder Honda Insight eingeführt wurde, ist schon wieder von gestern. Die nahe Zukunft gehört der Plug-in-Technik. Dazu bekommen die Doppelherz-Modelle eine viel grössere Batterie, die nicht für drei oder vier, sondern gleich für 30 oder 40 Kilometer reicht und zudem auch daheim an der Steckdose geladen werden kann. Das hat einen immensen Effekt auf Verbrauch und CO2 und macht beispielsweise die S-Klasse von Mercedes zum ersten 3-Liter-Auto in der Luxusklasse. Beim Toyota Prius sinkt der CO2 als Plug-in-Hybrid auf nur noch 60 Gramm pro Kilometer, und auch die BMW-Studie «Vision Efficient Dynamics» oder der Fisker Karma kommen so mit weniger als vier Litern aus.

Gruppendruck hilft beim Sparen

Den König der Sparer stellt aber VW: Während die Wolfsburger mit den neuen Blue-Motion-Modellen den Verbrauch etwa beim Polo auf 3,3 Liter gedrückt haben, zeigt Konzernchef Winterkorn mit einer Weiterentwicklung des 1-Liter-Autos, wohin die Reise wirklich geht. Der 380 Kilogramm schwere Zweisitzer L1 kommt mit einem Diesel-Hybrid und knapp 60 PS auf 1,49 Liter und wird damit zum sparsamsten Verbrenner der Welt. Mit solchen Superlativen versuchen fast alle Hersteller zu punkten – denn ohne grüne Versprechen, blaue Sparwunder, Effizienz-Weltmeister oder CO2-Champions wagt sich in diesen Zeiten fast kein Hersteller mehr an eine Automesse. Dieser Gruppendruck tut gut, denn die Autoindustrie steht nun auch beim Sparen auf dem Gas.

Die Faszination Auto lebt

Den Blick in die Zukunft beherrschen die Aussteller besonders gut. Doch müssen sie auch bis dahin noch ein paar Autos verkaufen. Zwischen all den Studien und Showcars finden sich deshalb an der IAA tatsächlich noch ein paar ganz reale Premieren ohne serienmässige Geduldsprobe. Sie fahren zwar wie eh und je mit Benzin oder Diesel und sind nicht ganz so gut für die Umwelt. Doch haben sie einen entscheidenden Vorteil: Schon kurz nach der Messe kann man sie auch tatsächlich kaufen.

Das mit Abstand wichtigste Modell in dieser Kategorie ist der neue Astra, mit dem Opel den erfolgreichen Neustart ohne GM versuchen muss. Dabei bauen die Deutschen auf ein modernes Design, ein gewachsenes Format und – natürlich – auf sparsamere Motoren. Doch das mit Abstand spektakulärste Modell in dieser Kategorie ist der Mercedes SLS AMG. Der «bezahlbare Supersportler» (177'000 Euro) verleiht nicht nur seiner Marke Flügel, sondern der ganzen Branche.

Und der SLS beweist, dass die Faszination Auto noch immer am Leben ist. Diese Erkenntnis passt bestens zum Slogan der IAA: «Erleben, was bewegt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2009, 15:42 Uhr

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