R8 Spyder: «Willkommen beim schönsten Audi aller Zeiten!»
Das werden viele Kollegen aus dem Audi-Design gar nicht gerne hören. Doch wenn Jürgen Wacker von der Quattro Gmbh von seinem jüngsten Kind spricht, platzt er fast vor Stolz: «Willkommen beim schönsten Audi aller Zeiten», ruft der Projektleiter seinen Gästen zu und bittet danach zur ersten Ausfahrt mit dem neuen R8 Spyder: Mindestens 243?000 Franken teuer, 525 PS stark und 313 km/h schnell, wollen sich die Bayern damit die Lufthoheit auf der Überholspur sichern. Jeder zweite R8-Kunde, so schätzen die Herren der Ringe, wird sich künftig für die offene Variante des Zweisitzers entscheiden – obwohl Audi eine stolze «Openairsteuer» von 19?400 Franken erhebt.
Grosse Kiemen statt Sideblades
Auf dem Weg an die frische Luft hat Audi dem Renner nicht einfach das Dach abgeschnitten und ihm stattdessen eine vollgasfeste Haube aus Stoff aufgesetzt. Sondern die Designer haben vor allem an der weitgehend aus Kohlefaser gebackenen Kehrseite des Sportlers eine neue Linie gefunden: Die auffälligen Sideblades des Coupés weichen deshalb grossen Kiemen, durch die der Motor im Heck beatmet wird. Und wo bislang ein beleuchtetes Schaufenster den Blick auf das Kraftwerk freigab, prangt nun eine Heckklappe aus Kohlefaser. Sie trägt zwei markante Hutzen mit verchromten Kühlrippen, die bis zur Abrisskante am Heck reichen.
Gleichzeitig nähert sich die Form des R8 damit allerdings zumindest am Heck weiter dem Lamborghini Gallardo an, mit dem der bayerische Roadster zumindest viele Teile gemein hat. Wo der südländische Vetter allerdings den italienischen Macho imitiert, bleibt der R8 der Sportler mit Stil, der aus jeder Perspektive gleich gut aussieht: «Der schönste Audi aller Zeiten eben», wiederholt Wacker.
Für die erste Ausfahrt lässt der R8 die Hüllen blitzschnell fallen: Ein Knopfdruck genügt, schon faltet sich das Textilverdeck samt des Magnesium-Gestänges in einem doppelten Z hinter die Sitze und gibt den Blick frei zum Himmel. Dass die Zeremonie im ungünstigsten Fall 19 Sekunden dauert, ist für den R8-Fahrer kein Problem – denn bis Tempo 50 funktioniert der Striptease auch während der Fahrt.
Dann wird es aber höchste Zeit für eine Sturmwarnung. Wer ohne Dach die Scheiben hochfährt, die separate Heckscheibe ausfährt und zudem das Windschott aufstellt, spürt beim Bummel über den Boulevard nur ein laues Lüftchen. Doch mit versenkten Scheiben und höheren Tempi reicht es auch für einen mittleren Orkan. Als Windmaschine wirkt dabei der V10-Direkteinspritzer der aus 5,2 Liter Hubraum 525 PS und ein maximales Drehmoment von 530 Nm schöpft. Wer Gas gibt, beschleunigt nicht nur in 4,1 Sekunden auf Tempo 100, sondern der verliert auch den Glauben an die serienmässige Musikanlage von Bang & Olufsen. Denn da können die schmucken Boxen noch so edel tönen – die schönste Musik dieses Sommers kommt aus dem Auspuff.
Dass der R8 für die Openair-Saison trotz Alurahmen und Leichtbaukarosse rund 100 Kilogramm zugelegt hat, merkt man dem Renner nicht an. Im Gegenteil: Obwohl der im Unterbau verstärkte Roadster extrem steif und solide wirkt, nimmt er die Kurven mit der Schärfe eines Skalpells und überzeugt mit seiner faszinierenden Agilität. Wie es sich für einen Spitzensportler gehört, ist der neueste Roadster aus Deutschland auch der schnellste. Zumindest vorübergehend.
Der teuerste Audi im Angebot
Der R8 Spyder hat zwar viele schöne Seiten. Doch beim Blick in die Preisliste müssen wohl sogar die Besserverdiener erst einmal leider schlucken. Denn der offenherzige Sportwagen ist nicht nur der schönste, sondern leider auch der teuerste Audi im Programm: Selbst der Q7 mit V12-TDI ist 27?850 Franken billiger, und auch der neue A8 kommt da nicht mit.
Aber so, wie sich die Designer sicherlich einen neuen Coup einfallen lassen, wird auch das Marketing die Positionierung in den nächsten Monaten zurechtrücken. Denn erstens gibt es ja irgendwann auch mal wieder einen S8, und zweitens bietet Audi das R8 Coupé auch mit Achtzylinder an. So kostet das R8 Coupé mit 420 PS «nur» noch 167?500 Franken. Spätestens wenn der erste Run auf den Roadster einmal abgeebbt ist, könnte der Audi zur Openair-Saison 2011 dann auch als «Einsteigermodell» nachrücken – für unter 190?000 Franken.
*??Thomas Geiger fuhr den neuen R8 Spyder
am 5. März auf Einladung von Audi Deutschland in Südfrankreich.
Erstellt: 09.03.2010, 19:28 Uhr
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