Autos, die die Welt nicht kennt
Der Reiz des Raren – das ist für viele offenbar ein wichtiges Kriterium. In einer uniformen Welt, in der jeder das gleiche Handy hat und alle in denselben Modehäusern einkaufen, blühen deshalb nicht nur Massschneider und die Anbieter von Individualferien, sondern auch die sogenannten Kleinserienhersteller in der Autowelt. Was sonst soll man sich denn kaufen, wenn man nicht den fünften Porsche, den dritten Lamborghini oder den zweiten Ferrari im Golf-Club fahren möchte und es halt noch nicht zum Bugatti reicht?
Von der Antwort auf diese Frage leben weltweit eine Reihe von Karosseriebauern, Tunern und Sportwagenschmieden, die selbst in Zeiten der Krise gut über die Runden kommen. Wie ideenreich das Geschäft in der luxuriösesten Nische des Automarktes ist, sieht man jedes Jahr in Genf. Denn auf keiner anderen Messe sieht man so viele Autos, die die Welt nicht kennt.
Malaysischer Luxus für Europa
Die exotischsten kommen in diesem Jahr von Bufori aus Malaysia. Dort haben drei australische Brüder ihre Leidenschaft für Oldtimer und ihre Angst vor deren technischen Mängeln zum Business gemacht: Seit über 20 Jahren bauen sie in Malaysia «Autos von gestern mit der Technik von heute», sagt General Manager Felix Haller und glaubt, dass die Zeit reif ist für den Schritt nach Europa. Denn auch hier gibt es genügend Auto-Aficionados, die von
Alfa bis Zagato schon alles haben und darum als Kunden infrage kommen.
Ihnen bietet Bufori zwei Modelle: Der La Joya ist ein Coupé im Stil europäischer Vorkriegsmodelle, das in 4000 Stunden Handarbeit entsteht und 150?000 US-Dollar plus Zoll und Steuern kostet. Stärker und schneller, aber auch doppelt so teuer, ist die neue Limousine, die in Genf ihre Weltpremiere feiert und so frisch ist, dass sie noch nicht einmal einen Namen hat.
5,5 Meter Prunk auf Rädern
Unter ihrer riesigen Haube steckt der V8-Motor aus dem Chrysler 300 C, der hier aus 6,1 Litern Hubraum 430 PS schöpft und 260 km/h schaffen soll. Doch der über 5,50 Meter lange Prunkwagen ist fürs Reisen und nicht fürs Rasen gemacht. Darum lassen sich die rund 100 Mitarbeiter im Werk bis zu 6000 Stunden Zeit, um den Wagen bis in den letzten Winkel mit Holz und Leder zu verkleiden und jeden noch so exotischen Wunsch zu erfüllen – bis hin zum Wasserkocher für die Teezeremonie im Mitteltunnel.
Beiden Autos gemein sind neben dem barocken Design mit den üppigen Kotflügeln, dem chromglänzenden Grill und dem metallisch schimmernden Lack die detailverliebte Ausstattung und die vielen unkonventionellen Extras. So gibt es auf Wunsch ein Logo aus 24 Karat Gold, die persönlichen Namenszüge auf den Sitzen oder das Familienwappen im Lenkrad.
Nicht minder exotisch ist der Grün lackierte Geländewagen aus Saudiarabien, der ein paar Gänge weiter im Scheinwerferlicht steht. Er stammt von Studenten der King-Saud-Universität und wurde gemeinsam mit Magna auf Basis eines Mercedes-G-Modells gebaut. Zwar wollen die Studenten in den nächsten Semestern einen fahrfähigen Prototypen auf die Räder stellen. Doch ihr Professor beruhigt die Messegäste: «An eine Serienfertigung des Gazal-1 wird zurzeit nicht gedacht.»
Dass es auch anders geht, zeigt die Carozzeria Touring Superleggera, die in Genf das Comeback des Shooting Break feiert. Wer es leid ist, die Golfbags in den Kofferraum seines Bentley Continental Cabrios zu wuchten und den Flying Spur zu barock findet, der kann den noblen Briten in Italien jetzt auch als wunderschönen Kombi bestellen. 400 bis 1200 Liter Stauraum und die Kunst der schönen Kehrseite machen ihn zum heissen Kandidaten für die Wertung «Best of Show».
Renner mit Schweizer Wurzeln
Neben exotischen Namen und exzentrischen Formen sind es natürlich auch die extremen Fahrleistungen, die potente PS-Fans in die Arme der Exoten treiben. Darauf bauen Marken wie Koenigsegg und Pagani. Beide haben ihre aktuellen Boliden noch einmal verfeinert und zeigen in Genf neue Renner: So locken die Schweden mit dem 910 PS starken Agera und die Italiener mit einem 670 PS starken Zonda.
Auf eine Kombination dieser Erfolgsfaktoren setzt der österreichische Designer Erwin Himmel, der viele Jahre im VW-Konzern gearbeitet hat und nun seinen Traum vom eigenen Supersportwagen auslebt. Mit der Hilfe einer solventen Autohändlerin aus Barcelona lässt er die legendäre schweizerisch-spanische Marke Hispano Suiza auferstehen und baut auf Basis von Lamborghini Gallardo und Audi R8 einen veritablen Supersportler mit 10 Zylindern, 2 Kompressoren und 750 PS. Das reicht für Tempo 330.
Doch der Wagen ist nicht nur schnell, sondern auch sündhaft teuer: Über eine Million Franken soll der extrem scharf und aggressiv gezeichnete Zweisitzer kosten, sagt Himmel und rechnet mit rund zwei Dutzend Kunden pro Jahr. Die ersten, die in Genf unterschreiben und den Betrag überweisen, bekommen ihren Wagen noch in diesem Jahr direkt vom Prototypenbauer bei München. Später sollen die Renner im Tessin gebaut werden. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.03.2010, 09:23 Uhr
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