Ausland
«An ‹Präsident Romney› möchte ich mich nicht gewöhnen»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 27.10.2012
Zur Person
Elisabeth Bronfen, Jahrgang 1958, ist in München als Tochter eines Amerikaners und einer Deutschen geboren und aufgewachsen. Sie besuchte dort die amerikanische Militärschule. Die akademische Ausbildung absolvierte sie in den USA: 1979 erhielt sie ihren BA-Abschluss in Anglistik und Literatur von der Universität Radcliffe in Cambridge, 1980 ihren Master von der Universität Harvard. Zurück in Deutschland, promovierte Bronfen im Fach Anglistik an der Universität München, wo sie 1992 auch habilitierte. 1993 wurde sie als ausserordentliche Professorin für Anglistik mit dem Schwerpunkt Amerikanistik an die Universität Zürich berufen. Seit 2000 ist sie ordentliche Professorin. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen, im Frühling erscheint im Fischer-Verlag ihr neustes Werk «Hollywoods Kriege». Elisabeth Bronfen wohnt in Zürich.
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Frau Bronfen, um es gleich klarzustellen: Sie wählen Obama?
Ohne Frage. Ich habe ihn schon gewählt, und zwar in New York. Ich befürchte aber, dass dort meine Stimme nicht so wichtig ist, weil der Staat New York eigentlich immer an einen Demokraten geht.
Wo hätten Sie lieber gewählt – in Florida?
Nein, in Ohio. Wenn man der amerikanischen Presse trauen darf, wird es auch dieses Mal der entscheidende Staat sein. Der ganze Wahlkampf wird von magischem Denken begleitet. Eine dieser Fantasien ist, dass in Ohio die Elektorenstimmen immer an den Sieger gehen.
Das war doch noch nie anders.
So ist es. Wer Ohio gewinnt, wird Präsident.
Bis vor wenigen Wochen sah es nach einem leichten Sieg Obamas aus. Jetzt sind Obama und Romney fast gleichauf. Was ist passiert?
Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Die erste Debatte im Fernsehen soll den Vorsprung Obamas zunichtegemacht haben, aber meine Intuition ist es, dass Debatten überbewertet werden.
Diese erste Debatte hat Obama doch klar verloren.
Ja, aber wenn man die letzten Präsidentschaftswahlen anschaut, zeigt sich, dass der amtierende Präsident die erste Debatte fast immer verloren hat. In der ersten Debatte hat der Herausforderer die besseren Karten.
Obama hat seinen Gegner in dieser Debatte unterschätzt.
Obama hat gemacht, was er immer macht: Er hat auf trockene Weise Fakten aneinandergereiht. Er ist jemand, der sich mit aggressiven Reden zurückhält, er ist ein höflicher Mensch. Ich denke aber auch, dass es die Obama-Mannschaft nicht fertiggebracht hat, zu erklären, wofür der Präsident wirklich steht, was er erreicht hat und was er in den nächsten vier Jahren anders machen wird.
Sie wählen Obama, aber eigentlich hat er seine Anhänger in den vier Jahren enttäuscht. Auch Sie?
Nein, ich hatte keine übertriebenen Erwartungen. Die Erwartungen an ihn waren viel zu hoch, es war klar, dass es Enttäuschungen geben musste. Anderseits hätte auch ich gehofft, dass er in den ersten zwei Jahren härter durchgreifen würde. Er ist ein extrem vorsichtiger Präsident.
Durchgreifen bei was?
Bei allen möglichen Dingen, etwa bei der Gesundheitsreform. Er hat aber immer gesagt, ihm sei das Überparteiliche wichtig, er wolle Demokraten und Republikaner zusammenbringen. Das hat er mehr betont als andere Präsidenten, aber ironischerweise ist ihm das weniger gelungen als den meisten anderen. Keiner hat den Kongress so gespalten wie er, nicht einmal Bush. Selbst bei Bush gab es mehr Gespräche zwischen den beiden Parteien, und das, obwohl Obama vom linken Flügel der Republikaner nicht weit entfernt ist.
Hätte Obama also eine linkere Politik verfolgen müssen?
Das hätte ich gehofft.
Dann hätte es wahrscheinlich noch mehr Streit mit den Republikanern gegeben.
Ich oute mich hier noch einmal. Es gibt einen Präsidenten, den ich mehr als alle anderen liebe: Franklin Delano Roosevelt. Er war alles andere als freundlich, alles andere als auf Überparteilichkeit bedacht, aber er hat die USA zu grossartigen Dingen überreden können.
Das ist nun aber 70 Jahre her.
Ja, damals gab es die Depression und den Weltkrieg. Aber ein härterer Konfrontationskurs Obamas hätte die Demarkationslinien zwischen Demokraten und Republikanern deutlicher gemacht. Obama ist extrem viele Kompromisse eingegangen – vor lauter Angst, die Mehrheit im Kongress bei den Zwischenwahlen zu verlieren. Was dann ja auch geschah.
Als einer dieser Kompromisse hat Obama die Steuerermässigungen für Reiche, die sogenannten Bush-Tax-Cuts, weitergeführt. Das hat eigentlich niemand verstanden.
Noch viel mehr als diese Steuerermässigungen haben mich die Ausgaben fürs Militär entrüstet. Obama hat auch mehr als die Präsidenten vor ihm in den Krieg mit Drohnen investiert, was für die USA noch zum Problem werden könnte. Zwar hat er die Truppen aus dem Irak zurückgezogen und den Abzug aus Afghanistan angekündigt, aber die militärische Maschinerie, die Bush in Gang gesetzt hat, hat er nicht zurückgestutzt.
Immerhin wird Obama als grosses Verdienst angerechnet, dass er Osama Bin Laden unschädlich gemacht hat.
Das sehe ich sehr zwiespältig. Einerseits ist es wunderbar, dass Osama Bin Laden nicht mehr agieren kann. Anderseits stört es mich, dass die USA in einer Nacht- und Nebelaktion in den Luftraum Pakistans eingedrungen sind und damit das internationale Recht verletzt haben. Einerseits kann ich die Kombination von Patriotismus, Moral und Vergeltung verstehen, aber es macht mich nervös, wenn die USA internationale Gesetze brechen.
Die Pakistaner hätten wohl kaum in eine Aktion gegen Bin Laden eingewilligt.
Das kann man zur Verteidigung anführen.
Bill Clinton hat den Satz geprägt: «It’s the economy, stupid» – «Es geht um Wirtschaft, Dummkopf». Die Arbeitslosigkeit liegt in den USA bei 7,8 Prozent. Bei einer so hohen Arbeitslosigkeit hat noch kein amtierender Präsident die Wiederwahl geschafft. Auch was die Wirtschaft anbelangt, ist Obamas Leistungsausweis ungenügend.
Ich führe zwei Dinge zur Verteidigung an: Erstens hat er eine sehr schlechte Wirtschaftslage geerbt. Die Leute sehen ein, dass Obama auslöffeln musste, was Bush angerichtet hatte. Zweitens ist die Krise nicht auf die USA beschränkt, sie ist international.
Und immerhin hat Obama mitgeholfen, die amerikanische Autoindustrie zu retten . . .
Das fand ich sehr gut. Auch Clint Eastwood hat, als er noch nicht ganz debil war, mit seinem ergreifenden Fernsehspot für die Stadt Detroit in der Superbowl dazu beigetragen. Das war ein wunderbarer Moment, als der Republikaner Eastwood zeigte, dass man sich um amerikanische Arbeit kümmert, und erklärte, wie wir diese Industrie wieder zum Leben erwecken können.
Beim Amtsantritt lagen die Schulden der USA bei 10'000 Milliarden Dollar, jetzt sind es 16'000 Milliarden. An dieser Steigerung von über 50 Prozent ist Obama mitschuldig.
Völlig richtig.
Trotzdem halten Sie zu Obama. Haben Sie Angst vor einer Präsidentschaft Romney?
Angst ist übertrieben. Aber ich befürchte doch, dass Romney die gleichen Fehler wiederholt, die Bush schon gemacht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es unter einer Präsidentschaft Romney eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage geben wird – und sicher auch nicht bei der Bildung und im Sozialen. Von Romney gibt es ja diese despektierliche Aussage, dass ihn 47 Prozent der Bevölkerung sowieso nicht interessieren. Das ist eine beunruhigende Startposition für einen Präsidenten.
Romney hat gesagt, diese 47 Prozent würden vom Staat profitieren und deshalb Obama wählen.
Romney hat aber auch erklärt, dass ihn diese 47 Prozent gar nicht interessierten. Das seien Nutzniesser. Die Krankenkasse privatisieren, die Sozialversicherung mit Coupons organisieren, bei der Bildung immer mehr streichen – solche Absichten machen mir als jemandem, der in Europa lebt, Sorgen. Das soziale Netz, das wir in Europa für völlig normal halten, fehlt ja sowieso in den USA. Und wenn nun ein Präsident kommt und erklärt, er wolle alle Staatsausgaben mit Ausnahme der Militärausgaben kürzen, dann geht das natürlich auf Kosten derer, die wirklich Hilfe brauchen.
Immerhin hat Romney erklärt, die Gesundheitsreform nur teilweise rückgängig machen zu wollen. Es ist doch möglich, dass ein Präsident Romney ganz pragmatisch seinen Weg suchen wird.
(zögert lange) Sie merken, ich kann mich für Romney nicht erwärmen. Wir haben in den letzten Monaten von ihm noch weniger als von Obama gehört, wofür er eigentlich steht. Wir kriegen Floskeln wie: Amerika soll wieder stark werden, wir werden die Bösewichte schon schnappen.
Ist Obama für Sie das kleinere Übel?
So würde ich es ausdrücken.
Aber Obama hat zum Beispiel auch versprochen, Guantanamo zu schliessen. Guantanamo existiert jedoch weiter.
Wie gesagt: Ich hatte nicht so hohe Erwartungen. Ich blicke nüchtern auf das, was in diesem Land im Moment möglich ist, wenn man sich die beiden Kandidaten ansieht.
Auch in Sachen Klimaschutz ist unter Obama gar nichts gelaufen.
Die Linke wirft Obama vor allem zwei Dinge vor: Sie ist erschüttert über seine Nähe zur Wallstreet und kritisiert, dass er im Umweltschutz – siehe etwa die Haltung zum Kyoto-Abkommen – untätig war.
Da würde natürlich auch Romney nichts unternehmen.
Sicher nicht. Romney gehört zur Gruppe von Leuten, die finden, die ganze Diskussion um die Klimaerwärmung sei eine Fantasie. Er sagt dann so Dinge wie: Na ja, wenn es irgendwo zu heiss wird, kann man ja umziehen. Das kann er mit seinem vielen Geld, aber arme Farmer oder Arbeiter können das eben nicht.
Eine Frage wird vom Gegner des Amtsinhabers bei US-Präsidentschaftswahlen immer wieder gestellt: Geht es den Leuten besser als vor vier Jahren? Die meisten Amerikaner müssten das heute wahrscheinlich verneinen.
Ich würde antworten, dass es ihnen auch nicht wirklich schlechter geht. Eine wirklich grosse Wirtschaftskrise ist umschifft worden. Aber das Gespenst, das über Amerika hängt, ist die Kreditkartenschuld. Amerikaner haben sich in den letzten Jahren stark verschuldet, sie haben eine dritte Kreditkarte benutzt, um eine erste und zweite zu decken. Ansonsten glaube ich, dass wir die Probleme in den letzten vier Jahren nicht gelöst, aber in Schach gehalten haben. Es geht den Leuten nicht besser als vor vier Jahren, aber es könnte ihnen auch viel schlechter gehen.
Aber die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet.
Das ist schon seit Dekaden so, und deshalb sage ich ja auch, Obama hätte viel weiter links politisieren sollen. Er hat auch keine Programme für den Mittelstand entwickelt. Erst im letzten Jahr hat er begonnen, von der «middle class» zu reden, weil er ihre Stimme möchte. Gerade für den Mittelstand ist es schwierig geworden, den Standard zu halten. Zum Beispiel musste eine Lektorin von mir ihre Wohnung in der Upper West Side in Manhattan verkaufen und nach Harlem ziehen, weil sie sonst die Schule ihrer Kinder – der eine ist im College, der andere in der High School – nicht mehr hätte bezahlen können.
Man sagt ja, dass die jüngeren Amerikaner heute schlechter leben als ihre Eltern.
Das ist so, auch die Leute um Mitte 40 leben schlechter als ihre Eltern. Sie hoffen, dass sie den Lebensstandard halten werden, müssen aber eigentlich davon ausgehen, dass er sinken wird: Alles wird immer teurer, aber ihr Einkommen nimmt ab.
Sind die USA auch unter ihrem ersten schwarzen Präsidenten immer noch ein rassistisches Land?
Als Obama vor fünf Jahren seine Kandidatur erklärte, waren die Leute begeistert von der Idee, mit der Wahl eines schwarzen Präsidenten den Rassismus zu überwinden. Ich war skeptisch. Die Wahl Obamas zeigt auch, wie rassistisch das Land eigentlich noch immer ist. Präsident Obama hat einerseits dem Selbstbewusstsein der Schwarzen sehr geholfen, aber seine Wahl hat wirklich auch deutlich gemacht, wie viele Leute noch immer Schwierigkeiten mit der Idee der Gleichberechtigung der afroamerikanischen Bürger haben.
Und wie zeigt sich das?
Wirklich schockierend ist zum Beispiel, dass einige Bundesstaaten ein Gesetz eingeführt haben, wonach sich Wähler mit einer Identitätskarte mit Foto identifizieren müssen. So wird versucht, Leute, von denen man annimmt, dass sie eher demokratisch wählen, vom Wählen abzuhalten. Das erinnert einen auf schreckliche Weise an die Sechzigerjahre. Eine Foto-ID hat in Amerika normalerweise nur jemand mit einem Führerausweis. Viele alte und arme Leute und viele Studenten haben keine Foto-ID.
Hätte Obama für die Schwarzen mehr tun müssen?
Das glaube ich nicht. Ich war im Herbst in Philadelphia und habe mich dort in einem Schwarzen-Quartier am Wahlkampf für Obama beteiligt. Diese Leute stehen absolut hinter dem schwarzen Präsidenten. Es gibt aber immer noch ein tiefes Misstrauen zwischen Afroamerikanern und weissen Amerikanern: Gemäss der Meinungsforschung wählen vor allem weisse Männer Obama eher nicht.
Die Schwarzen werden zu 90, 95 Prozent Obama wählen. Hingegen stehen offenbar die Latinos, die aus Lateinamerika stammenden Amerikaner, nicht mehr eindeutig hinter ihm, weil er die Einwanderungsgesetze nicht entschärft hat.
Amerika war immer ein Einwandererland, das war immer die Stärke des Landes, Garant für Vitalität und Kreativität. Leider hat die Regierung Obama die Kultur der Paranoia – alles, was von aussen eindringt, ist potenziell gefährlich – genauso weitergeführt wie die Bush-Regierung. Unter Obama ist es für Menschen von irgendwo auf der Welt deutlich schwieriger geworden, in die USA einzureisen. Das nimmt mittlerweile absurde Dimensionen an.
Es gibt Leute, die sagen, Amerika sei noch nie so gespalten gewesen wie heute.
Das ist falsch. Als Amerikanistin erinnere ich die Leute gerne an die Geschichte: Der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert und die Zeit danach haben das Land total gespalten. Im Ersten Weltkrieg kam man wieder etwas zusammen, und Franklin D. Roosevelt hat es verstanden, das Land hinter sich zu vereinen. Er hat den Amerikanern versprochen, nicht in den Zweiten Weltkrieg zu ziehen, hat ein drittes Mal die Wahlen gewonnen, hat dann das Gegenteil gemacht und eine Totalmobilisierung hingekriegt. Im Lauf der 50er-Jahre brach diese Einigkeit wieder auseinander, erst recht zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnam-Kriegs. Auch unter George W. Bush war das Land absolut gespalten. Jetzt sehen wir eine Weiterführung davon. Ja, das Land ist gespalten, aber das ist nichts Neues.
Man spricht sofort auch von einer «historischen Wahl».
Da muss man wirklich vorsichtig sein. Auch als ich bei dieser Wahlkampagne in Philadelphia mitmachte, hiess es, es sei noch nie so wichtig gewesen wie jetzt, sich für einen demokratischen Präsidenten einzusetzen. Das war natürlich auch vor vier oder acht Jahren enorm wichtig. Wie gesagt: In der Geschichte wiederholen sich gewisse Dinge.
Viele Europäer, auch Schweizer, sind sehr Amerika-kritisch und sogar antiamerikanisch geworden. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Da gibt es eine Diskrepanz. Alle Leute, mit denen ich rede, schauen amerikanische Fernsehserien – «The Wire», «Mad Men», «Desperate Housewives». Viele Leute konsumieren immer mehr amerikanisches Essen, sie interessieren sich für amerikanische Filme, Musik, die Verleihung der Emmys und Oscars. Man hat einerseits kein Problem, die sogenannte amerikanische Kultur zu übernehmen, ist auf der anderen Seite aber über das Soziale und im Moment auch über die Banken- und Steuergeschichte befremdet.
Geht es Ihnen auch so?
Zum Teil. Was mich an Amerika interessiert, ist seine Widersprüchlichkeit. Sie erklärt meine Faszination mit diesem Land: Man macht eine Feststellung und muss dazu aber auch Dinge sagen, die dazu im Widerspruch stehen. Von den Europäern wird immer ausgeblendet, dass in Amerika, vor allem in seinen urbanen Zentren im Norden, in Europa undenkbare Dinge möglich sind – egal welche Hautfarbe man hat.
Der Komiker Mike Moore hat erklärt, man müsse sich an den Begriff «Präsident Romney» gewöhnen. Tun Sie das?
Nein (lacht). Ich sage allen Leuten, natürlich werde Obama gewinnen, das ist meine Art von magischem Denken. Nein, an «Präsident Romney» möchte ich mich nicht gewöhnen. (Der Bund)
Erstellt: 27.10.2012, 10:45 Uhr
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