«Die Castros haben ihr eigenes Volk kastriert»

Der Politologe Dimas Castellanos sagt, dass die Kubaner nach wie vor nicht für sich selber sorgen können. Sie sind auf fremdes Geld angewiesen.

Ein Leben wie in Zeitlupe: Jugendliche in Havanna vergnügen sich am Strand. Foto: Ramona Espinosa (AP, Keystone)

Ein Leben wie in Zeitlupe: Jugendliche in Havanna vergnügen sich am Strand. Foto: Ramona Espinosa (AP, Keystone)

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Wie geht es Kuba nach zehn Jahren mit Castro II?
Wieder mal mehr schlecht als recht. Die Wirtschaft schrumpft seit Monaten. Sie ist nach wie vor zu 70 Prozent in staatlicher Hand und ein Desaster. Wir leiden unter der Krise Venezuelas, unserem engsten Verbündeten. Weil das Land massiv weniger Erdöl liefert, stehen Autos, Lastwagen und Busse still, gibt es Kurzarbeit und Stromunterbrüche.

Bei Touristen und Prominenten aber ist Kuba gross in Mode. Die letzte Nostalgiewelle vor dem Tod der Castros?
Ach ja, das alte, aus der Zeit gefallene Kuba – diese nostalgische Verklärung im Ausland hat nochmals einen gewaltigen Schub erlebt. Kuba ist das letzte Relikt, die Kulisse eines alten Traums. Der Traum, dass eine andere Welt vielleicht doch hätte möglich sein können. Im Ausland denkt man seit Jahren: Auf nach Kuba, bevor es zu spät ist. Doch die Touristen müssen sich nicht beeilen, bei uns läuft die Zeit nach wie vor in Zeitlupe. Wer noch das alte Kuba sehen möchte, kommt eigentlich immer zu früh.

Aber es tut sich doch was. Das Land verändert sich.
Das stimmt. Im Kuba unter Raúl sind zwei bedeutende Dinge geschehen: Im Gegensatz zu Fidel ist Raúl bereit, Dinge zu verändern. Allein diese Bereitschaft ist für unser Land ungeheuer wichtig. Das Zweite ist der Friedensschluss mit den USA. Diese beiden völlig neuen Situationen erschüttern Kuba im Innersten. Äusserlich zeigt sich das noch kaum, aber Kuba bewegt sich, auch wenn man nicht sagen kann, wohin. Es ist ein Zickzack, ein Vor und Zurück, einige Dinge werden besser, andere schlechter.

«Die Machthaber haben uns Kubaner zu Bittstellern, Bettlern und Tricksern gemacht.»

Wie sieht die Bilanz aus?
Negativ. Die vereinfachte Zusammenfassung von Raúls Amtszeit lautet: Für Touristen und Einheimische mit Geld bietet das Kuba von heute zwar mehr als noch vor zehn Jahren, für die Mehrheit der ­Kubaner aber sind die Lebensumstände gleich geblieben oder haben sich gar verschlechtert. Der Staat streicht Leistungen und Subventionen, gleichzeitig ist das Leben teurer geworden. Kurz: Reist man heute durch Kuba, sieht man mehr Wohlstand und mehr Armut als früher. Für uns ist das in diesem Ausmass neu.

Kuba auf dem Weg zur grossen sozialen Ungleichheit?
Noch haben wir nicht die gewaltigen Gefälle zwischen Arm und Reich wie in ­anderen Ländern. Aber Kuba steht am Scheideweg. Man darf sich nicht täuschen lassen von den neuen Restaurants, renovierten Wohnungen für Touristen und polierten Oldtimern. Fast alles, was neu ist und glänzt, ist mit Geld aus dem Ausland finanziert, vor allem von Familienangehörigen im Exil. Nicht selten stecken auch Söhne, Enkel, Neffen und andere Verwandte der hiesigen Machtelite dahinter. Die Menschen wissen: Ohne fremdes Geld und gute Beziehungen sind die neuen Privatgeschäfte nicht möglich. Dieses Gefühl ist Gift für eine Gesellschaft.

Es fällt auf, dass sowohl die Besitzer wie auch die Besucher dieses neuen, trendigen Kuba überwiegend Weisse sind.
Das ist so, und darin zeigt sich, dass die Revolution entgegen aller Propaganda ein altes, tief verwurzeltes Problem bis heute nicht gelöst hat: den Graben zwischen Schwarz und Weiss. Die Weissen sind nicht nur in der politischen und wirtschaftlichen Elite der Castros vorherrschend, sondern auch im Exil. Viel mehr Weisse als Schwarze haben Kuba seit der Revolution 1959 verlassen. Die Milliarden, die aus dem Exil zu uns fliessen, das ist grösstenteils Geld von Weissen für ihre weissen Angehörigen. Auf der Insel und wirtschaftlich zurück bleiben die Armen und Alten, und die sind mehrheitlich schwarzer Hautfarbe.

Eine andere Altlast hingegen hat Raúl beseitigt. Er hat mit den USA Frieden geschlossen.
Das ist ein grosses Verdienst von Raúl und Obama. Vor zehn Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen. Raúl ist geschickt vorgegangen. Ihm hat es nie gefallen, dass Kuba so stark von Venezuela abhängig ist wie einst von der Sowjetunion. Er war sich stets bewusst, dass diese Überlebenshilfe irgendwann enden wird. Diese totale Verbrüderung mit Chávez’ Venezuela ist auf Fidels Mist gewachsen. Chávez starb 2013, Ende 2014 schlossen Raúl und Obama Frieden.

«Ich bin überzeugt, ohne Fidel im Nacken hätte Raúl das Land stärker verändert.»

Und Fidel? Er lebt immer noch.
Für Raúl ist das politisch ein Problem. Die zehn Jahre haben gezeigt: Solange Fidel lebt, ist Raúl nicht frei in seinem Tun und Handeln, und wir wissen nicht, wer und wie er wirklich ist. In Kuba herrscht eine Art Dualität der Macht: Es gibt die reale Macht von Raúl und seinen Getreuen, die das Land regieren, und es gibt die symbolische Macht von Fidel, die man nicht unterschätzen darf. Immer wenn Raúl einen grösseren Schritt wagt und es der Revolution ans Eingemachte geht, taucht Fidel wie der Heilige Geist auf und erhebt seinen gefürchteten mahnenden Zeigefinger. Ich bin überzeugt, ohne Fidel im Nacken hätte Raúl das Land stärker verändert.

Wäre eine rasche Wende besser?
Nein, eine solche würde Kuba nicht verkraften. Unsere Geschichte zeigt, dass es, wenn es schnell ging, immer blutig wurde. Unser Volk, das seit fast 60 Jahren keine Freiheiten mehr hat, quasi über Nacht in die Freiheit zu entlassen, nein, das würde nicht gut gehen. Die Freiheit würde in Zügellosigkeit ausarten und sehr schnell ein paar wenige ­Gewinner und sehr viele Verlierer hervorbringen. Ein Kuba ausser Kontrolle, davor habe ich Angst.

Viele Menschen wünschen sich aber, es ginge schneller vor- und aufwärts.
Ich wünsche mir das auch, aber die alten Männer an der Macht können und wollen nicht schneller und sind auch geistig und ideologisch unfähig, neu zu beginnen. Und: Sie fürchten nichts so sehr wie Kontroll- und Machtverlust. Raúl weckt zwar immer wieder Hoffnungen und Erwartungen, die dann aber enttäuscht werden. Das geht nun schon zehn Jahre so und ermüdet. Irgendwann magst du nicht mehr warten. Das hat zu diesem neuen massiven Exodus geführt. Jeden Monat verlassen Tausende die Insel, vor allem Junge. Sie sehen hier für sich keine Zukunft, zeugen deshalb immer weniger Kinder, wandern aus. Die Alten dagegen bleiben. Kuba wird immer mehr zu einem Altersheim.

Was sehen Sie, wenn Sie auf die Ära Castro zurückblicken?
Das Schlimmste, was die Castros Kuba angetan haben: Sie haben ihr eigenes Volk wirtschaftlich und politisch kastriert. Wir haben nichts zu sagen und können nicht für uns selbst sorgen. Das sozialistische Kuba ist abhängig vom fremden Geld aus der kapitalistischen Welt, vom Tourismus, den Überweisungen von Familienangehörigen im Exil. Weil unsere Regierung den Menschen nicht erlaubt, selbst für ihr Leben auf­zukommen, hat sie uns zu Bittstellern, Bettlern und Tricksern gemacht. Viel zu viele Kubaner denken Tag für Tag nur: Wie kann ich von einem Touristen oder sonst mit einem schnellen Geschäft ein paar Dollars ergattern? Wann kommt die nächste Überweisung aus Miami? Wir bestehlen und betrügen den Staat, weil wir uns von ihm betrogen und bestohlen fühlen. Das ist der grösste Schaden, den die Castros angerichtet haben. Sie haben so viel Mangel und Bedürfnisse geschaffen, dass wir für ein paar Dollars heute zu fast allem bereit sind. Unter einer souveränen und selbstbewussten Nation stelle ich mir etwas anderes vor.

Immer mehr Menschen trauen sich, Regierung und Zustände im Land zu kritisieren. Alles wird gefilmt und ins Internet gestellt. Weshalb hat sich aus diesem Unmut keine breite Oppositionsbewegung entwickelt?
Weil es bei uns kein Recht auf Versammlungsfreiheit gibt und die Regierung sofort mit harter Hand gegen Protestierende vorgeht. Nach wie vor fürchten sich die Menschen mehr vor der Repression des Staates als vor der lebensgefährlichen Flucht übers Meer. Mit den Reformen und neuen Medien wird es für die Machthaber jedoch schwieriger, ­Kritik zu unterdrücken. Immer öfter kommt es zu kleinen, spontanen Protesten und wüsten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es gibt immer mehr mutige Menschen, die sich nicht mehr alles gefallen lassen, mitreden und mitbestimmen wollen. Bei vielen kommt erstmals das Gefühl auf, dass es auch von ihnen abhängt, wie unsere Zukunft aussieht. Das ist ein Hoffnungsschimmer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2016, 22:55 Uhr

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Dimas Castellano

Revolutionär wird Dissident

Der Politologe und Theologe Dimas Castellanos (73), Sohn eines Tabakschneiders, war einst überzeugter Revolutionär und Kader bei den Jungkommunisten. An der Universität Havanna arbeitete er als Professor für marxistisch-leninistische Philosophie, 1992 wurde er wegen «ideologischer Differenzen» entlassen. 15 Jahre war er in der Dissidentenbewegung aktiv, seit zehn Jahren gehört er keiner Gruppe mehr an und ist als Autor tätig. Der profunde Kenner Kubas kann seine Buchbeiträge, Analysen und Essays nur im Ausland veröffentlichen. Castellanos lebt in Havanna. (oa)

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